Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Dialyse ohne Indikation ist nicht zu rechtfertigen

05.11.2012
Die Indikation für die Dialysebehandlung bei Patienten mit chronischer Nierenerkrankung ist relativ klar umrissen.
Seit 2007 gibt es die „Qualitätssicherungsrichtlinie Dialyse“, im Rahmen derer jede einzelne Dialysebehandlung evaluiert wird. Wie in keiner anderen medizinischen Disziplin unterliegt die Arbeit der Nephrologen somit einer ständigen Qualitätskontrolle. Dieses System hat sich bewährt – letztlich wurde dadurch auch der Vorfall in Aurich, bei dem der Verdacht besteht, dass ohne hinreichende Indikation Dialysebehandlungen durchgeführt wurden, aufgedeckt. Die DGfN wirkt an der vollständigen Aufklärung nachdrücklich mit.

Dialyse rettet jeden Tag weltweit hunderttausenden von Menschen das Leben, sie kann die Entgiftungs- und Wasserausscheidungsfunktionen von schwer geschädigten Nieren weitgehend ersetzen. Bei einer GFR (glomeruläre Filtrationsrate, ein Maß für die „Filterleistung“ der Nieren; vereinfacht oft als „Prozent Nierenfunktion“ bewertet) unter 15 ml/min/1,73m2 kann bei chronisch nierenkranken Patienten ein Dialysebeginn in Erwägung gezogen werden, besonders dann, wenn klinische Symptome der Harnvergiftung wie Übelkeit, nicht beherrschbarer Bluthochdruck, Elektrolytentgleisungen, extremer Juckreiz oder abnehmende Leistungsfähigkeit es erfordern.

Bei der Mehrzahl der Patienten wird mit der Dialysebehandlung allerdings erst begonnen, wenn die GFR bereits deutlich niedriger liegt (d.h. zwischen 5 und 7 ml/min/1,73 m²). Die meisten Betroffenen entwickeln erst dann „Vergiftungserscheinungen“, die eine regelmäßige Blutwäsche erforderlich machen, auch um schwere Schädigungen anderer Organe zu verhindern. Diese Patienten erleben durch die Dialyse eine rasche Verbesserung ihres Zustandes – Symptome wie Übelkeit und Schwäche und mitunter auch Verwirrtheitszustände verschwinden.

Eine früherer Dialysebeginn, bevor erste klinische Symptome der Urämie auftreten, bringt keine Vorteile: Studien [Cooper BA et al. N Engl J Med 2010;363:609-619] haben gezeigt, dass Patienten nicht von einem „präventiven“ Beginn der Dialysebehandlung im Hinblick auf Überleben oder Morbidität profitieren. Nur bei einer kleinen Gruppe von Patienten, die nicht nur nieren-, sondern gleichzeitig auch schwer herzkrank sind und trotz optimaler medikamentöser Therapie immer wieder in der Klinik behandelt werden müssen, ist ein Dialysebeginn oberhalb einer GFR von 15 ml/min/1,73m2 indiziert.

Ein weiteres Kriterium für den Zeitpunkt des Dialysebeginns ist der Patientenwille. Die medizinische Notwendigkeit einer Dialysebehandlung wird im Vorfeld mit dem Patienten und seinen Angehörigen besprochen, so dass er letztlich auch Einfluss auf den Therapiebeginn nehmen kann. Die meisten Patienten möchten den Dialysebeginn möglichst weit hinausschieben und sehen die medizinische Notwendigkeit erst ein, wenn die klinischen Symptome „erdrückend“ sind. Zur optimalen Aufklärung der Patienten hat die DGfN Filme produzieren lassen, die über das Internet abgerufen werden können und die Arbeit der deutschen Nephrologen unterstützen sollen.

Umso befremdlicher ist der Vorfall in Aurich, bei dem der Verdacht besteht, dass Patienten der Dialyse zugeführt wurden, obwohl keine Indikation vorlag: „Ich kenne die Details nicht, deswegen möchte ich diesen Fall nicht kommentieren. Grundsätzlich aber gilt: Eine Dialyse durchzuführen, obwohl weder laborchemische Parameter noch das klinische Bild dafür sprechen, ist nicht zu rechtfertigen", so DGfN- Sprecher, Prof. Dr. Jan Galle (Lüdenscheid). „Die DGfN kritisiert eine solche Handlungsweise energisch."

Trotz dieses Einzelfalls, der derzeit untersucht wird, können Patienten sicher sein, bei ihren Nephrologen gut versorgt zu werden. Nierenärzte sind verpflichtet, jede Dialysebehandlung genau zu dokumentieren. Die Daten werden dann im Rahmen einer Qualitätskontrolle ausgewertet.

„In keiner anderen medizinischen Disziplin wird die ärztliche Tätigkeit so genau kontrolliert wie in der Dialysemedizin“, so Prof. Dr. Reinhard Brunkhorst, Präsident der DGfN (Hannover). „Wir unterstützen die Behörden nachdrücklich bei der Aufklärung des Falles in Aurich. Sollten Patienten trotz allem aufgrund der aktuellen Ereignisse verunsichert sein, empfehlen wir, sich eine zweite Meinung bei einem weiteren Nephrologen einzuholen. Medizinisch kann man an den Laborparametern und dem klinischen Bild gut beurteilen, ob eine Dialyse erforderlich ist oder nicht.“

Dr. Bettina Albers | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgfn.eu/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Tropenviren bald auch in Europa? Bayreuther Forscher untersuchen Folgen des Klimawandels
21.06.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften