Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wird chronischer Schwindel durch fehlerhafte Vorhersagen von Eigenbewegung verursacht?

19.11.2013
Patienten mit chronisch idiopathischem Schwindel zeigen definitionsgemäß keine Anzeichen einer vestibulären Störung oder anderer organischer Ursachen.

Psychosomatische Auslöser führen somit in den meisten Fällen die Rangliste möglicher Ursachen an. Das „prominenteste“ Konzept psychogener Schwindelformen ist der phobische Schwankschwindel.

Neben psychischen Auslösern wird bei ihm auch eine fehlerhafte sensorische Wahrnehmung von Eigenbewegung als mögliche Ursache diskutiert. Tübinger Hirnforscher überprüften diese Annahme erstmals in einer Studie. Mit ihrer im internationalen Fachjournal Frontiers in Neurology veröffentlichten Arbeit konnten sie die Hypothese jedoch nicht bestätigen.

Chronisch idiopathischer Schwindel wird, vor allem in Deutschland, häufig unter dem Begriff des phobischen Schwankschwindels beschrieben. Er ist durch einen Schwindel und das Gefühl einer Gleichgewichtsstörung charakterisiert. Typische vestibuläre Symptome wie eine eindeutig beschreibbare Drehbewegungsillusion der Umgebung oder eine objektivierbare Stand- und Gangstörung fehlen ebenso wie pathologische Befunde in der vestibulären Funktionsdiagnostik. Der Schwindel verstärkt sich häufig bei Kopf- und Körperbewegungen und kann dabei von kurz andauernden Bewegungsillusionen begleitet sein. Dies hat vor dem Hintergrund einer multisensorischen Entstehung von Schwindel zu folgendem Erklärungsversuch geführt:

Schwindelsensationen bei diesen Patienten können auf Störungen der Abstimmung zwischen erwarteten und tatsächlich eingehenden sensorischen Informationen beruhen. Jede Bewegung seiner selbst, wie zum Beispiel das Umherschauen im Raum, führt zu selbst hervorgerufenen Veränderungen der sensorischen Eingänge. Werden diese Veränderungen vom Gehirn nicht richtig vorhergesagt, würden veränderte sensorische Eingänge als von außen hervorgerufen fehlinterpretiert.

Damit könnten sie folglich zu Schwindel Anlass geben. „Mit unserer Studie konnten wir nun zeigen, dass es bei dieser Patientengruppe eben doch keinen Zusammenhang zwischen dem individuellen Schweregrad des Schwindels und einer Störung der Vorhersage von Eigenbewegung gibt, zumindest in Bezug auf langsame Augenbewegungen“, sagt Dr. Jörn Pomper vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) und der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Tübingen.

Gleichgewicht beruht auf der störungsfreien Verschmelzung von zahlreichen Informationen. Auch mit Hilfe von Augenbewegungen berechnet das Gehirn, wie wir selbst in Bezug auf unsere Umgebung gehen, sitzen, stehen oder liegen. Sowohl Sakkaden als auch langsame Augenfolgebewegungen führen zu einer Verschiebung des visuellen Hintergrundes auf der Retina. Interpretiert das Gehirn die durch Augenbewegungen ausgelöste Bildbewegung als Bewegung der Umwelt, könnten Desorientierung und Schwindel die Folge sein.

Im Falle von langsamen Augenfolgebewegungen wird beim Gesunden die retinale Afferenz durch ein internes Referenzsignal, auch unter dem Namen Efferenzkopie bekannt, korrigiert. Es „informiert“ darüber, wie viel die Augenbewegung zur Bildverschiebung beigetragen hat. Ein fehlerhaftes Referenzsignal hingegen löst eine illusionäre Bewegung der Umwelt aus. In der Tübinger Studie sagten sowohl die Patienten als auch die gesunden Probanden retinale Bildverschiebungen, induziert durch langsame Augenfolgebewegungen, in gleicher Weise voraus. Zudem zeigten sie die gleiche Anpassung ihrer Vorhersagen, entsprechend den veränderten Anforderungen des visuellen Kontexts. Eine teilweise Entkoppelung der Efferenzkopie konnte für langsame Augenfolgebewegungen somit nicht nachgewiesen werden.

Originaltitel der Publikation
Does chronic idiopathic dizziness reflect an impairment of sensory predictions of self-motion? Front. Neurol., 08 November 2013; doi: 10.3389/fneur.2013.00181
Download der Studie unter:
http://www.frontiersin.org/Journal/10.3389/fneur.2013.00181/full

Silke Jakobi | idw
Weitere Informationen:
http://www.hih-tuebingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Spezialisten-Zellen helfen Gedächtnis auf die Sprünge
17.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Im Focus: Physiker erzeugen gezielt Elektronenwirbel

Einem Team um den Oldenburger Experimentalphysiker Prof. Dr. Matthias Wollenhaupt ist es mithilfe ultrakurzer Laserpulse gelungen, gezielt Elektronenwirbel zu erzeugen und diese dreidimensional abzubilden. Damit haben sie einen komplexen physikalischen Vorgang steuern können: die sogenannte Photoionisation oder Ladungstrennung. Diese gilt als entscheidender Schritt bei der Umwandlung von Licht in elektrischen Strom, beispielsweise in Solarzellen. Die Ergebnisse ihrer experimentellen Arbeit haben die Grundlagenforscher kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Physical Review Letters“ veröffentlicht.

Das Umwandeln von Licht in elektrischen Strom ist ein ultraschneller Vorgang, dessen Details erstmals Albert Einstein in seinen Studien zum photoelektrischen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

Unter der Haut

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Neues Schiff für die Fischerei- und Meeresforschung

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit voller Kraft auf Erregerjagd

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie