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Brustkrebs: MHH bietet neue Behandlungsmethode

22.06.2010
Intraoperative Strahlentherapie senkt Rückfallrate und verkürzt Therapiedauer / Innovatives Verfahren bisher einmalig in Niedersachsen

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) hat ihr Behandlungsspektrum bei Brustkrebs um ein innovatives Verfahren erweitert: Seit Mai dieses Jahres setzen die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und die Klinik für Strahlentherapie und Spezielle Onkologie in einem Gemeinschaftsprojekt die intraoperative Strahlentherapie (IORT, IntraOperative RadioTherapie) ein. Die Bestrahlung erfolgt direkt nach der Tumorentfernung noch während der Operation. Studien belegen, dass durch die IORT die Rückfallrate deutlich gesenkt und die Behandlungsdauer nach der Operation verkürzt werden kann.

Die neue Bestrahlungstechnik wird weltweit erst seit etwa zehn Jahren eingesetzt, vor sieben Jahren wurde sie von der Universitätsmedizin Mannheim in Deutschland eingeführt. In Niedersachsen ist die Medizinische Hochschule Hannover bisher die einzige Einrichtung, an der die Behandlungsmethode möglich ist. „Die intraoperative Strahlentherapie ist ein riesiger Fortschritt in der Brustkrebstherapie und erweitert unser Behandlungsspektrum deutlich“, erklärt Professor Dr. Peter Hillemanns, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. „Wir haben dadurch die Möglichkeit, die Behandlung mit Medikamenten und Bestrahlung flexibler zu gestalten und noch individueller auf die einzelne Patientin abzustimmen.“ Bei der IORT handelt es sich um eine Methode der brusterhaltenden Krebstherapie. Im Gegensatz zur herkömmlichen Strahlentherapie wird das betroffene Gewebe im Tumorbett noch während der Operation von innen bestrahlt. Mithilfe des dabei verwendeten Bestrahlungsgeräts kann die Strahlung mit hoher Präzision direkt im Tumorbett appliziert werden. „Die Strahlen stören die Zellteilung, indem sie die Erbsubstanz der Krebszelle schädigen. Zellen des gesunden Gewebes werden durch Reparatursysteme wieder hergestellt,“ erläutert Professor Dr. Johann Karstens, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Spezielle Onkologie.

Bei dem herkömmlichen Verfahren der Brustkrebstherapie wird im Anschluss an die Ganzbrustbestrahlung ein „Boost“ (lokale Dosiserhöhung) im Bereich des Tumorbetts verabreicht. Üblicherweise erfolgt das durch fünf bis acht zusätzliche Bestrahlungen. Bei der IORT hingegen ist nur eine einmalige Bestrahlung mit höherer Dosis notwendig. Professor Dr. Michael Bremer, leitender Oberarzt an der Klinik für Strahlentherapie und Spezielle Onkologie: „Durch die Bestrahlung der Tumorhöhle von innen kann das bestrahlte Volumen minimiert und das umgebende Gewebe, insbesondere Lunge, Herz und Gegenbrust geschont werden.“

Die direkte Bestrahlung während der Operation kann den betroffenen Frauen den konventionellen „Boost“ mit mehreren Behandlungsterminen ersparen. Das heißt, die gesamte Therapiezeit kann um ein bis zwei Wochen verkürzt werden. Gleichzeitig hat die IORT den Vorteil, dass sie zu dem frühest möglichen Zeitpunkt verabreicht wird und nicht – wenn zwischen der OP und der Bestrahlung noch eine Chemotherapie liegt – erst nach vier bis sechs Monaten. Ob die IORT die Ganzbrustbestrahlung ersetzen kann, wird zurzeit in wissenschaftlichen Studien geprüft.

Die neue Methode zeigt gute Behandlungserfolge. „Im Vergleich zur herkömmlichen Bestrahlung kann die Rückfallrate durch eine IORT wesentlich verringert werden. In den ersten fünf Jahren nach der Operation wird bei nur 1,7 Prozent der Patientinnen erneut ein Tumor entdeckt“, erläutert Professorin Dr. Tjoung-Won Park-Simon, Bereichsleiterin Gynäkologische Onkologie an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Die Rückfallrate bei der konventionellen Methode liegt dagegen bei drei bis fünf Prozent. Nicht bei allen Frauen mit Brustkrebs kann die IORT angewendet werden. „Der Tumor muss so liegen, dass genügend Abstand zur Haut, aber auch zu den Rippen besteht“, erklärt Dr. Ursula Hille, Oberärztin an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. „Wir entscheiden darüber in unserem interdisziplinären Team und beraten die Patientinnen entsprechend.“

An der MHH wurden bisher sieben Frauen mit der intraoperativen Strahlentherapie behandelt. Eine von ihnen ist Martha N. Vor drei Monaten hatte sie von ihrer Krebserkrankung erfahren. „Mein Hausarzt hat den Kontakt zur MHH hergestellt“, berichtet die 75-Jährige. Im Mai wurde sie an der linken Brust operiert und intraoperativ bestrahlt. Vier Tage später wurde sie aus der Klinik entlassen. Die Wunde ist inzwischen gut verheilt. „Bei der Entscheidung für die intraoperative Bestrahlung habe ich mich ganz auf den Rat der Ärzte verlassen“, erklärt Martha N. Durch die neue Behandlungsmethode bleibt ihr eine mehrwöchige Gesamtbrustbestrahlung erspart. Bis auf eine antihormonelle Therapie ist die Behandlung abgeschlossen. Das empfindet die Rentnerin als sehr entlastend. Denn wegen einer anderen Krebserkrankung vor einigen Jahren musste sie bereits mehr als 100 mal bestrahlt werden. „Wer weiß, ob mein Körper die Belastung durch eine erneute längere Strahlentherapie überhaupt aushalten würde“, sagt sie.

Die intraoperative Strahlentherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und von der Claudia von Schilling Stiftung unterstützt. Die Technik für die neue Bestrahlungsmethode kommt von der Firma Zeiss.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professor Dr. Peter Hillemanns, MHH-Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Telefon (0511) 532-6144, E-Mail Hillemanns.Peter@mh-hannover.de und bei Professor Dr. Johann Karstens, MHH-Klinik für Strahlentherapie und Spezielle Onkologie, Telefon (0511) 532-2575, E-Mail Karstens.JH@mh-hannover.de

Stefan Zorn | idw
Weitere Informationen:
http://www.mh-hannover.de

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