Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bonner Ärzte mindern Lungenschäden bei Frühgeborenen: Verbesserte Methode macht maschinelle Beatmung fast überflüssig

23.09.2008
Die Lunge von Frühgeborenen ist meist unreif und droht beim Ausatmen zu kollabieren. Denn ihr fehlt ein Schutzfilm für die Lungenbläschen, auch "Surfactant" genannt.

Doch die derzeitig übliche Gabe von Surfactant unter maschineller Beatmung kann die Lunge schädigen. Etwa jedes fünfte vor der 33. Schwangerschaftswoche geborene Baby leidet als Folge der Beatmung unter einer chronischen Lungenkrankheit, der so genannten Bronchopulmonalen Dysplasie (BPD).

Deshalb verzichten die Neonatologen am Universitätsklinikum Bonn auf eine künstliche Beatmung und geben Surfactant über eine Sonde direkt in die Luftröhre, während das Kind normal atmet.

Nils kam drei Monate zu früh auf die Welt - mit einem Geburtsgewicht von etwas über 500 Gramm ein Höchstrisikokind. Denn seine unreife Lunge produzierte noch kein Surfactant. Dieses Gemisch aus Eiweißen und Fetten senkt die Oberflächenspannung der Lungenbläschen. Ohne Surfactant fallen die Lungenbläschen - wie ein Zelt ohne Stangen - beim Ausatmen in sich zusammen. Die Kinder entwickeln ein lebensgefährliches Atemnotsyndrom.

Daher wurden sie bisher direkt nach der Geburt mit einem Schlauch durch die Nase hindurch bis in die Luftröhre intubiert und mehrere Tage maschinell beatmet. Die Ende der 80er Jahre eingeführte zusätzliche Gabe von aus Tierlungen gewonnenem Surfactant über den Beatmungsschlauch in die Lunge verbesserte die Überlebenschancen kleiner Frühgeborener enorm. "Doch die maschinelle Beatmung gefährdet die Lunge, da sie das empfindliche Gewebe überdehnen kann.

Mögliche Folge ist eine Bronchopulmonale Dysplasie", sagt Dr. Markus Treichel, Oberarzt in der Abteilung Neonatologie am Universitätsklinikum Bonn. Die betroffenen Säuglinge leiden unter Atemnot, erhöhter Herzfrequenz und hohem Kalorienverbrauch durch die erhöhte Atemarbeit - schwere Atemwegsinfektionen, Rechtsherzbelastung sowie Wachstums- und Entwicklungsstörungen drohen.

Auch extrem kleine Frühgeborene können selber atmen

Daher boten die Bonner Neonatologen Nils Eltern an, Surfactant kurz nach der Geburt unter Spontanatmung zu geben, also ohne Anschluss eines Beatmungsgerätes. "Alles Notwendige sollte für unser Kind getan werden", sagt Ulrike L. Am 11. November 2007 war es soweit, und Nils kam laut schreiend auf die Welt. "Er wollte selber atmen und brauchte nur unsere Unterstützung.

Früher wurde unterschätzt, was die Frühgeborenen schon alles können - ein Paradigmenwechsel in der Medizin", sagt sein erstversorgender Kinderarzt Privatdozent Dr. Axel Heep, Leitender Oberarzt an der Bonner Universitäts-Neonatologie.

In den ersten Minuten nach der Geburt führten die Bonner Neonatologen vorsichtig eine Sonde - so dünn wie eine Kugelschreibermine - über die Nase in die oberen Atemwege. Dort gaben sie etwa 30 Tropfen Surfactant in die Lunge, der sich dort verteilte. Die Prozedur dauerte nur einige Minuten, erfordert aber viel Erfahrung. "Die Sonde ist kleiner als der Kehlkopf, und die Kinder können weiter atmen.

Bei einer Intubation dagegen verlegt der Schlauch die Atemwege", erklärt Treichel. Meist reicht eine Gabe, denn rasch nach der Geburt beginnen die Säuglinge, selbst Surfactant zu produzieren. Anschließend wird über eine Maske Atemluft unter leichtem Überdruck in die Atemwege transportiert. Dieser leichte Überdruck hält die Lungen offen. "Die Kinder atmen selbständig und regulieren ihre Atmung selber. Wir müssen sie normalerweise nicht mehr maschinell beatmen, außer sie erschöpfen sich oder erkranken an einer Lungenentzündung", sagt Treichel.

Das Team um Professor Dr. Dr. Peter Bartmann, Direktor der Neonatologie am Universitätsklinikum Bonn, konnte den Anteil der maschinell beatmeten Kinder, die vor der 33. Schwangerschaftswoche auf die Welt kamen, von 65 Prozent auf 52 Prozent senken. Zudem reduzierten sich die Beatmungstage von durchschnittlich elf auf fünf Tage. "Wir konnten eine sanftere Pflege der Frühchen erreichen und damit außerdem das Auftreten einer Bronchopulmonalen Dysplasie von 20 Prozent auf 9 Prozent senken", freut sich Treichel.

Auch Nils brauchte keine maschinelle Beatmung und ist nun mit über fünf Kilogramm ein normales gesundes Kind. Seit Anfang Februar ist er bei seinen Eltern zu Hause und entwickelt sich wunderbar. "Wir sind stolz auf ihn, dass er alles so super gemacht hat, aber auch dankbar für die tolle Betreuung und Ratschläge seitens der Ärzte und Schwestern", sagt die glückliche Mutter Ulrike L..

Kontakt für die Medien:
Professor Dr. Dr. Peter Bartmann
Direktor der Abteilung Neonatologie
Zentrum für Kinderheilkunde am Universitätsklinikum Bonn
Telefon: 0228/287-33408
E-Mail: peter.bartmann@ukb.uni-bonn.de

Dr. Inka Väth | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht In Deutschland wächst die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus
23.02.2017 | Versorgungsatlas

nachricht Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt
22.02.2017 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie