Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Blutschwämme mit Herzmittel verschwinden lassen – Kinderchirurgen begrüßen neue Studienergebnisse

10.03.2015

Drei bis zehn Prozent aller Säuglinge entwickeln Blutschwämme. Über 85 Prozent der sogenannten Hämangiome bilden sich von selbst zurück. Wachsen sie schnell oder sitzen sie an kritischen Stellen wie Augen, Lippen oder After, muss der Kinderchirurg sie mit Laser, Vereisung oder Skalpell behandeln. Doch nicht immer ist dies vollständig möglich. Viele Kinderchirurgen setzen deshalb das Herzmittel Propranolol ein, um die Blutschwämmchen medikamentös schrumpfen zu lassen. Dass der seit Jahrzehnten bekannte Blutdrucksenker hier wirksam ist, ist vor einigen Jahren zufällig in Frankreich entdeckt worden.

In Deutschland ist er seit April 2014 dafür nun offiziell zugelassen. Eine jetzt im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte Studie bestätigt, dass diese Therapie sicher und sinnvoll ist. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) sieht daher im Einsatz des Herzmittels Propranolol ein wichtiges Instrument bei der Behandlung von Hämangiomen.

Blutschwämmchen sind oft nur millimetergroße hellrote bis bläuliche Flecke auf der Haut. Mitunter erstrecken sie sich aber auch auf deutlich größere Hautflächen. Um einer problematischen Größenzunahme beziehungsweise funktionellen oder ästhetischen Komplikationen vorzubeugen, müssen Ärzte Blutschwämme oft schon im Frühstadium behandeln.

„Dies betrifft häufig Hämangiome im Gesicht“, erläutert Professor Dr. Rainer Grantzow, Coautor der Studie und Kinderchirurg an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Blutschwämme nahe den Augen etwa können unbehandelt zur Erblindung führen. An der Nase führen sie mitunter zu entstellenden und dauerhaften Veränderungen, an den Lippen verbleiben erfahrungsgemäß oft Reste. Doch große, rasch wachsende oder komplizierte Hämangiome lassen sich mit bisherigen Maßnahmen wie Kältetherapie, Laser und OP oft nicht ausreichend oder schonend genug behandeln.

Zudem bleiben oft Narben und therapiebedürftige Hautveränderungen zurück. „Deshalb greifen wir in solchen Fällen seit einigen Jahren auf Propranolol zurück“, berichtet Professor Grantzow. Seit etwa fünf Jahren ist es im sogenannten „Off-Label-Use“ im Einsatz. Daten aus qualitativ hochwertigen klinischen Studien über die optimale Dosierung und mögliche Nebenwirkungen fehlten bislang.

Diese Lücke schließt nun die aktuell veröffentlichte internationale Studie einer Forschergruppe unter französischer Leitung: Insgesamt hatten sie 456 Kinder mit wachsenden Hämangiomen in die Studie einbezogen. Von diesen erhielten 55 ein Scheinmedikament, ein sogenanntes Placebo. Eine Gruppe von 188 Patienten nahm drei Milligramm Propranolol pro Kilogramm Körpergewicht über 24 Wochen ein. Mit Erfolg: Insgesamt sprachen 88 Prozent der kleinen Patienten positiv auf die Therapie an. Bei 60 Prozent aller Behandelten bildeten sich die Hämangiome vollständig oder nahezu vollständig zurück – gegenüber vier Prozent bei den Kindern mit Placebo. Die geringen Nebenwirkungen wie Kreislaufprobleme waren in beiden Gruppen vergleichbar. Jedoch traten bei zehn Prozent der zunächst erfolgreich behandelten Kinder die roten Male später wieder auf.

„Auch wenn es leider hin und wieder zu einem solchen „Rebound-Effekt“ kommt, ist der Einsatz von Propranolol eine unverzichtbare Therapieoption“, stellt Dr. Tobias Schuster, Pressesprecher der DGKCH und Chefarzt der Klinik für Kinderchirurgie in Augsburg, fest. „Mit dem Medikament können wir den Kindern eine nach dem heutigen Erkenntnisstand sichere und zumeist auch wirkungsvolle Behandlung anbieten“. Um alle therapeutischen Möglichkeiten optimal auszuschöpfen und dabei gleichzeitig eine Übertherapie zu vermeiden empfiehlt er Eltern, Blutschwämme möglichst frühzeitig einem Kinderarzt oder Kinderchirurgen vorzustellen.

Quelle:
N Engl J Med 2015; 372:735-746 February 19, 2015 DOI: 10.1056/NEJMoa1404710
http://www.nejm.org/toc/nejm/372/8/

Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie
Gegründet im Jahr 1963 schafft die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) bis heute Grundlagen für eine bestmögliche kinderchirurgische Versorgung in Deutschland. Dazu gehören Neugeborenenchirurgie, allgemeine Kinderchirurgie und Kindertraumatologie ebenso wie Kinderurologie. Die DGKCH vertritt das Fach in allen wissenschaftlichen, fachlichen und beruflichen Belangen. Derzeit praktizieren hierzulande Fachärzte für Kinderchirurgie in mehr als 80 kinderchirurgischen Kliniken und Abteilungen sowie als Niedergelassene. Kinderchirurgie gehört in die Hände von Kinderchirurgen. Denn ihre Patienten sind keine kleinen Erwachsenen.

Kontakt für Journalisten:
Dr. Adelheid Liebendörfer, Anna Julia Voormann
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH)
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-173
Fax: 0711 8931-167
E-Mail: liebendoerfer@medizinkommunikation.org, presse@dgkch.de

Weitere Informationen:

http://www.dgkch.de

Medizin - Kommunikation | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Aktuelle Therapiepfade und Studienübersicht zur CLL
20.10.2017 | Kompetenznetz Maligne Lymphome e.V.

nachricht Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt
18.10.2017 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Zukunft der Luftfracht

23.10.2017 | Veranstaltungen

Ehrung des Autors Herbert W. Franke mit dem Kurd-Laßwitz-Sonderpreis 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit lernen und arbeiten: Rund 80 neue Nachwuchskräfte in der Friedhelm Loh Group

23.10.2017 | Unternehmensmeldung

50-jähriges Jubiläum bei der JULABO GmbH

23.10.2017 | Unternehmensmeldung

DATEV eG beauftragt tisoware

23.10.2017 | Unternehmensmeldung