Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Blutkrebs: Künstliche Antikörper regen körpereigene Abwehrkräfte an

01.06.2011
Dem Körper den richtigen Impuls geben, damit er sich selbst heilen kann, so lautet das Credo der modernen Krebsbehandlung.

Forscherteams um PD Dr. Bernhard Stockmeyer und Prof. Dr. Georg Fey am Universitätsklinikum Erlangen ist es gelungen, künstliche Antikörperderivate herzustellen, die in Zusammenarbeit mit dem körpereigenen Immunsystems gezielt Tumorzellen zerstören. Diese Immuntherapiemethode eignet sich insbesondere für die Behandlung von Blutkrebs. Sie soll nun prä-klinisch für den zukünftigen Einsatz am Patienten weiter entwickelt werden.

Antikörper und daraus abgeleitet Therapeutika haben in den vergangenen Jahren in der Tumortherapie zunehmend an Bedeutung gewonnen und sind heute fester Bestandteil der Behandlung bestimmter Leukämien und Tumoren des Lymphgewebes, sowie einiger Formen von Brust- und Darmkrebs. Zum Einsatz kommen nicht nur ganze, unmodifizierte Antikörper, sondern zunehmend auch gentechnisch abgewandelte Konstrukte. Dem Forscherteam um Dr. Bernhard Stockmeyer und Prof. Dr. Georg Fey ist es gelungen, spezielle Antikörperderivate für den Einsatz gegen Blutkrebs-Erkrankungen mit Methoden der Gentechnik künstlich zusammenzubauen. Insbesondere sollen damit Krebsformen behandelt werden, deren Therapieerfolge mit den bisherigen Methoden noch unbefriedigend sind.

Antikörper patrouillieren im Blut und in Gewebsflüssigkeiten. Sobald sie mit einem ihrer Fühler eine fremde oder kranke Struktur erkennen, auf die sie spezialisiert sind, heften sie sich dort an. Anschließend locken sie Abwehrzellen des Immunsystems, beispielweise Natürliche Killerzellen oder Granulozyten an, die kranke Zellen schließlich abtöten und entsorgen. Mit vielen Krebserkrankungen ist das körpereigene Immunsystem jedoch überfordert. Künstliche Antikörperderivate können dann helfen, die körpereigenen Abwehrzellen gezielt zu aktivieren.

Die Herstellung künstlichen Antikörperderivate erfolgt nach dem Baukastenprinzip. Die Forscher wählen gezielt Elemente mit bestimmten Funktionen aus und konstruieren daraus einen künstlichen Wirkstoff, der in der Grundstruktur mit einem natürlichen Antikörper verwandt ist. Die künstlichen Antikörperderivate der Erlanger Forscher verfügen über zwei Fühler, die jeweils auf eine typische Oberflächenstruktur (Antigen) von entarteter B-Lymphozyten spezialisiert sind. Es handelt sich dabei um die Antigen-Strukturen „CD19“ und „HLA-Klasse II“.

Zwei unterschiedliche Stellen auf den Tumorzellen erkennen zu können ist besonders vorteilhaft, weil es die Zielgenauigkeit des Abwehrsystems erhöht. Gesundes Gewebe bleibt auf diese Weise eher verschont. Darüber hinaus verfügen die Antikörperderivate wie ihre natürlichen Vorbilder über eine dritte Bindungsstelle mit der sie die Abwehrzellen des Immunsystems anlocken. Die Arbeitsgruppe um Professor Fey hat einen Wirkstoff kreiert, der Natürliche Killerzellen bindet. Der Wirkstoff der Arbeitsgruppe um PD Dr. Stockmeyer dagegen knüpft den Kontakt zu Granulozyten.

Die Bausteine für ihre künstlichen Antikörperderivate stellen die Forscher im Labor her. Als Basis dienen verschiedene natürliche Antikörper. Von diesen werden die gewünschten Bindungsstellen mit molekularbiologischen Methoden isoliert, vervielfacht und zu einem neuen Molekül kombiniert. Ergebnis sind kleine aus drei Modulen aufgebaute Antikörper, die als Immunpharmazeutika dienen können – sogenannte trispezifische Antikörperderivate oder Tribodies.

Die Arbeitsgruppe um Professor Fey konnte im Reagenzglas zeigen, dass ihr Tribody Natürliche Killerzellen sehr effizient zur Zerstörung verschiedener bösartiger B-Lymphozyten anregt. „Die Ergebnisse sind sehr ermutigend und lassen hoffen, dass derartige Moleküle körpereigene Immunzellen so aktivieren, dass sie Tumorpatienten eine weitere Chance zur Heilung geben können“, freut sich Professor Fey über das Ergebnis. Der Tribody der Arbeitsgruppe Stockmeyer brachte ebenfalls die erwünschte Wirkung: Durch dessen Einsatz wurden Granulozyten aktiviert, entartete B-Lymphozyten effektiv zu zerstören.

Die Ergebnisse der Teams um Stockmeyer und Fey sollen somit zum Erfolg dieser neuen Wirkstoff-Formate beitragen. Die neuen Immunpharmazeutika haben das Potenzial besonders gezielt auf die Tumorzellen zu wirken. Deshalb hoffen die Forscher, dass sie weniger unerwünschte Nebenwirkungen als konventionelle Therapeutika bei den Patienten hervorrufen. Die bessere Verträglichkeit sollte sich insbesondere dadurch ergeben, dass die künstlichen Antikörper die körpereigenen Abwehrkräfte mobilisieren, anstatt diese durch hoch-toxische, chemisch synthetisierte Therapeutika lahm zu legen. In Zukunft werden derartige Antikörper-Derivate vermutlich in Kombination mit Chemotherapeutika eingesetzt und sollten es daher ermöglichen, die erforderliche Verabreichungsmenge der Chemotherapeutika beträchtlich zu reduzieren.

Die Wilhelm Sander-Stiftung hat das beschriebene Forschungsprojekt mit rund 170.000 Euro gefördert. Stiftungszweck der Stiftung ist die medizinische Forschung, insbesondere Projekte im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden dabei insgesamt über 190 Mio. Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

Kontakt:
PD Dr. Bernhard Stockmeyer
Universitätsklinikum Erlangen-Nürnberg, Medizinische Klinik 5
Hämatologie und Internistische Onkologie
E-Mail: Bernhard.Stockmeyer@uk-erlangen.de
http://www.medizin5.ukerlangen.de/e1846/e511/index_ger.html

Sylvia Kloberdanz | idw
Weitere Informationen:
http://www.wilhelm-sander-stiftung.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein
02.12.2016 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Epstein-Barr-Virus: von harmlos bis folgenschwer
30.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie