Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Blutfette, Blutdruck und Übergewicht bei Diabetes mitbehandeln

11.05.2015

In der Behandlung des Typ-2-Diabetes steht den Ärzten mittlerweile ein rundes Dutzend unterschiedlich wirkender Medikamente zur Verfügung. Dies eröffnet die Möglichkeit, bei der Auswahl der Mittel stärker als bisher auf die Bedürfnisse der einzelnen Patienten einzugehen. Die führenden Fachgesellschaften aus den USA und Europa haben sich deshalb auf eine neue gemeinsame Empfehlung geeinigt, die auch von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) mitgetragen wird. Jetzt zählt nicht mehr nur die Senkung des hohen Blutzuckerspiegels, sondern auch die Vermeidung von Übergewicht, Bluthochdruck und schweren Unterzuckerungen zu den wichtigsten Therapiezielen.

Die Senkung des hohen Blutzuckers zur Vermeidung mikrovaskulärer Komplikationen, die häufig Ursache für Erblindung, Verlust der Nierenfunktion und schwere Nervenschädigungen sind, bei gleichzeitiger kardiovaskulärer Sicherheit ist das vornehmliche Ziel in der Behandlung des Typ-2-Diabetes.

„Es ist aber nicht das einzige Ziel“, fügt Professor Dr. med. Dirk Müller-Wieland hinzu, Mediensprecher der DDG. „Denn zur Senkung des kardiovaskulären Risikos muss eine multimodale Therapie auch den Blutdruck und die Blutfette berücksichtigen.“ Darüber hinaus sind die meisten Patienten mit Typ-2-Diabetes übergewichtig.

„Zudem hat sich in vielen neuen Studien gezeigt“, betont Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Vizepräsident der DDG, „dass eine Blutzucker senkende Therapie auch bei Patienten mit Typ-2-Diabetes sicher vor Hypoglykämien sein sollte, da sie mit gefährlichen, eventuell sogar tödlichen Komplikationen für den Betroffenen verbunden sein können.“

Diese Erkenntnisse haben jetzt Einzug in das neue Positionspapier der American Diabetes Association (ADA) und der European Association for the Study of Diabetes (EASD) zur Diabetestherapie gefunden. „Die Therapie ist insgesamt individueller geworden“, sagt Privatdozent Dr. med. Erhard Siegel, Präsident der DDG. „Wir erstellen zunächst einen kompletten Gesundheitsstatus des Patienten und wählen danach die Medikamente aus.“

Die Vermeidung von Übergewicht und Hypoglykämien zählt damit heute ebenfalls zu den wichtigsten Therapieprinzipien. Metformin, ein älterer und kostengünstiger Wirkstoff, erfüllt im Gegensatz zu den Sulfonylharnstoffen diese Bedingungen. Neuere Medikamente kommen erst zum Einsatz, wenn Metformin den Blutzucker nicht ausreichend senkt. Meistens werden sie mit Metformin kombiniert. „Nicht wenige Patienten benötigen drei Medikamente, um den Blutzucker einzustellen“, sagt Siegel.

Zu den neu eingeführten Medikamenten zählen SGLT2-Inhibitoren, die die Zuckerausscheidung über die Nieren fördern. „Zu den günstigen Begleiteffekten gehören eine Gewichtsabnahme und eine Senkung des Blutdrucks“, so Müller-Wieland. Dennoch sind diese Wirkstoffe nicht für alle Patienten geeignet. Eine gute Nierenfunktion ist Voraussetzung der Medikamentenwirkung. Die erhöhte Zuckerkonzentration im Urin dient außerdem Bakterien und Hefen als Nährstoff. Menschen mit einer Anfälligkeit für Genital- und Harnwegsinfektionen sollten deshalb gegebenenfalls auf andere Mittel ausweichen.

Die sogenannten DPP4-Inhibitoren sind gewichtsneutral und auch aufgrund ihres Wirkmechanismus hypoglykämiesicher. Die kardiovaskuläre Sicherheit ist für Saxagliptin belegt, entsprechend große Studien an mehr als 14 000 Patienten mit Sitagliptin werden auf dem amerikanischen Diabeteskongress im Juni vorgestellt. „Dies sind Sicherheits-, keine Überlegenheitsstudien“, erläutert Müller-Wieland. „Es wird also getestet, ob eine neue Substanz bei vergleichbarer Absenkung des Blutzuckers im sogenannten Placebo-Arm sicher ist“. Die DPP-4-Hemmer sind auch eine Behandlungsmöglichkeit für Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion.

Eine weitere Option ist laut Gallwitz auch die Behandlung mit den sogenannten GLP-1-Agonisten, die zwar gespritzt werden, aber auch zu einer Reduktion des Körpergewichts führen. Zudem, fügt der DDG-Experte hinzu, werden derzeit weitere Kombinationen klinisch untersucht – sie ermöglichen uns schon heute individuell abgestimmte Kombinationsmöglichkeiten, wie in dem Positionspapier der ADA und EASD dargelegt. „Die medikamentöse Differential-Therapie des Typ-2-Diabetes ist damit zwar patientenzentriert, aber auch komplex geworden“, so Siegel.

Trotz der vielen Medikamente kommen viele Patienten aber auf lange Sicht nicht um die Injektion von Insulin herum. „Der Typ-2-Diabetes ist eine fortschreitende Erkrankung, die keines der Medikamente heilen kann“, betont Müller-Wieland. Eine gesunde Lebensführung mit Bewegung und gesunder Ernährung kann ihr Fortschreiten jedoch verlangsamen. „Kein Patient mit Typ-2-Diabetes sollte sich deshalb allein auf die Medikamente verlassen“, so der DDG-Experte.


Management of Hyperglycemia in Type 2 Diabetes, 2015: A Patient- Centered Approach Update to a Position Statement of the American Diabetes Association and the European Association for the Study of Diabetes
Diabetes Care 2015;38:140–149
http://care.diabetesjournals.org/content/38/1/140.full.pdf


Über die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG):
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) ist mit fast 9.000 Mitgliedern eine der großen medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland. Sie unterstützt Wissenschaft und Forschung, engagiert sich in Fort- und Weiterbildung, zertifiziert Behandlungseinrichtungen und entwickelt Leitlinien. Ziel ist eine wirksamere Prävention und Behandlung der Volkskrankheit Diabetes, von der mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland betroffen sind. Zu diesem Zweck unternimmt sie auch umfangreiche gesundheitspolitische Aktivitäten.


Kontakt für Journalisten:
Pressestelle DDG
Kerstin Ullrich und Anna Julia Voormann
Postfach 30 11 20, 70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-641/552, Fax: 0711 8931-167
ullrich@medizinkommunikation.org
voormann@medizinkommunikation.org

Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)
Geschäftsstelle
Reinhardtstr. 31, 10117 Berlin
Tel.: 030 3116937-0, Fax: 030 3116937-20
info@ddg.info

Weitere Informationen:

http://www.ddg.info

Julia Voormann | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften