Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Blinddarm & Co sind doch keine unnötigen Organe

03.08.2009
Milz hilft zum Beispiel bei der Heilung von Herzinfarkten

Verkümmerte Organe wie Blinddarm, Mandeln, Milz und redundante Blutgefäße dürften entgegen der verbreiteten Annahme doch wichtige Funktionen im menschlichen Körper erfüllen.

Mehrere wissenschaftliche Arbeiten behaupten, dass diesen "Abfallorganen" tatsächlich mehrere Aufgaben zuteil werden. Unter anderem hat ein Wissenschaftlerteam um Filip Swirski von der Harvard Medical School kürzlich festgestellt, dass die Milz eine kritische Rolle bei der Heilung von Herzerkrankungen spielen könnte.

Diese These wird durch Versuche an Labormäusen gestützt, in deren Milzen die Wissenschaftler Monozyten - weiße Blutzellen, die wichtig für die Immunabwehr und Gewebeheilung sind - gefunden haben. Bislang ging die Forschung davon aus, dass sich Monozyten ausschließlich im Knochenmark bilden und dann im Blutkreislauf zirkulieren. Die Studie fand jedoch heraus, dass sich in der Milz zehnmal mehr dieser weißen Blutkörperchen befinden als im Blut selbst. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass sich in den Milzen jener Labormäuse, die kurz zuvor eine Herzattacke erlitten hatten, 40 bis 50 Prozent aller im Körper zirkulierenden Monozyten befanden.

"Wenn Sie einen Herzinfarkt erleiden, muss Ihr Herz dies auf geeignete Weise heilen und das ist von den Monozyten abhängig", erklärt Swirski. Bislang wurde vermutet, dass sich jene Monozyten, die sich unmittelbar nach einer Herzattacke bildeten, im Blut befinden. Seitens der Forscher habe man jedoch Berechnungen durchgeführt und herausgefunden, dass die Anzahl der im Herz befindlichen Monozyten jene im Blut bei weitem übertreffen, so Swirski. Bei den Mäusen, bei denen man zuvor die Milz entfernt hatte und dann einen Herzinfarkt herbeiführte, wurden laut Swirski erheblich weniger Monozyten im Blutkreislauf entdeckt. Vereinfacht gesagt erholten sich Labormäuse ohne Milz von einem Herzinfarkt schlechter als jene mit Milz.

Auch beim Menschen dürfte sich eine fehlende Milz negativ auf die Gesundheit auswirken. In einer Langzeitstudie bei Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, die 1977 im medizinischen Fachjournal The Lancet publiziert wurde, kam heraus, dass jene Veteranen ohne Milz zweimal wahrscheinlicher an einer Herzkrankheit oder einer Lungenentzündung starben als jene mit Milz. "Die Forscher wussten damals zwar, dass die Milz eine wichtige Rolle spielt, aber nicht welche", erklärt Swirski.

Für Jeffrey Laitman, Direktor für Anatomie und funktionelle Morphologie an der Mount Sinai School of Medicine in New York http://www.mountsinai.org , kommen diese Ergebnisse wenig überraschend. Die medizinische Forschung habe im Laufe der Zeit bereits viele Körperteile als nutzlos bezeichnet, nur weil man ihre Funktion schlichtweg nicht verstanden habe, so Laitman. "Viele Leute sagen, dass man ein Organ entfernen kann, ohne dabei zu sterben. Aber mit dieser Logik sollte man vorsichtig sein. Sie könnten sich ihr linkes Bein abtrennen und trotzdem weiterleben. Sobald jedoch ein Körperteil versetzt oder verändert wird, muss man einen bestimmten Preis dafür bezahlen", sagt der Präsident der American Association of Anatomists http://www.anatomy.org .

Der wahrscheinlich berühmteste aller "Abfallorgane" des menschlichen Körpers ist der Blinddarm. Aber auch der in der Fachsprache als Caecum bekannte Darmteil dürfte nicht ganz so unwichtig wie bisher behauptet sein. Tatsächlich ist das Organ ein Vorratsspeicher für nützliche Bakterien, die bei der Verdauung von Speisen helfen. Auch redundante Blutgefäße haben Wissenschaftlern zufolge eine wichtige Funktion. Diese Nebenleitungen kämen dann zum Einsatz, wenn die Hauptadern und -venen versperrt oder beschädigt sind. Interessant sei laut Leitman vor allem, dass sich redundante Blutgefäße sowohl in Ellbogen, Schultern und Knie befinden, jedoch nicht im Gehirn und im Herz. "Warum erzeugt der Körper im Ellbogen eine solche Redundanz und nicht dort, wo es wirklich von Belang ist? Die Antwort ist etwas beunruhigend. Schlaganfälle und Herzinfarkte treten normalerweise zwischen einem Alter von 50 und 70 auf. Als die Entwürfe für unsere Spezies ausgearbeitet wurden, hat niemand so lange gelebt." Die Lebensumstände der Menschen hätten sich seit damals wesentlich verändert, ihre Körper jedoch nicht, so Laitman.

Jörg Tschürtz | pressetext.austria
Weitere Informationen:
http://csb.mgh.harvard.edu

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Abstoßung von Spenderorganen: Neue Biomarker sollen Komplikationen verhindern
15.12.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Antibiotikaresistenzen durch Nanopartikel überwinden?
15.12.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik