Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

BfR und Giftkommission empfehlen nationales Monitoring von Vergiftungen

25.04.2014

Vom Lampenöl bis zu Knopfzellen: 50 Jahre deutsche Giftkommission

Die Kommission „Bewertung von Vergiftungen“ am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schlägt anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums vor, Daten zu Vergiftungsursachen und -verläufen auf nationaler Ebene systematischer zu erfassen.

„In den fünf Jahrzehnten ihres Bestehens hat die Kommission zusammen mit den deutschen Giftinformationszentren dazu beigetragen, das Risiko von Vergiftungsunfällen vor allem bei Kindern wesentlich zu reduzieren“, sagt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. „Umso wichtiger ist es, diese Arbeit durch eine regelmäßige deutschlandweite Dokumentation mit einem nationalen Vergiftungsregister zu unterstützen.“

Ziel ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen, um sie gezielter identifizieren und kommunizieren zu können. Anlässlich ihres Jubiläums weist die Kommission auch auf neue Risikogruppen und neue Produktrisiken hin. Eine wissenschaftliche Veranstaltung zum Jubiläum findet am 29. April 2014 von 11 bis 17 Uhr am BfR-Standort in Berlin-Marienfelde statt.

In Deutschland gibt es bisher keine systematische Erfassung und Auswertung von Vergiftungen. Die bestehenden Datenerhebungen, wie beispielsweise in den Giftinformationszentren oder bei den Ärztlichen Mitteilungen bei Vergiftungen, sind noch nicht so ausgebaut und standardisiert, dass eine regelmäßige umfassende Statistik über Vergiftungsunfälle in Deutschland möglich wäre. Die BfR-Kommission empfiehlt daher, ein Nationales Monitoring von Vergiftungsunfällen einzurichten, so wie es bereits u.a. in den USA, der Schweiz und Schweden üblich ist.

In Zusammenarbeit mit den Giftinformationszentren hat die Kommission ältere Menschen als bisher zu wenig beachtete Risikogruppe identifiziert. Im hohen Alter, bei bestimmten Erkrankungen und beginnender Demenz leidet der Geschmackssinn, und Ältere können versehentlich sogar größere Mengen schädlicher Substanzen aufnehmen als Kleinkinder. Bei älteren Menschen müssen deshalb mindestens gleichartige Vorsichtsmaßnahmen bei Vergiftungsrisiken ergriffen werden wie bei Kindern.

Zwei neuere Produktgruppen auf dem deutschen Markt bergen nach Bewertungen der Kommission beachtenswerte Gesundheitsrisiken, die möglicherweise noch an Bedeutung gewinnen. Flüssigwaschmittel in wasserlöslicher Folie, sogenannte Liquid Caps, können aufgrund ihres attraktiven Aussehens von Kindern leicht mit Süßigkeiten verwechselt werden. Die Caps enthalten hochkonzentrierte Waschmittel, die schon in kleinen Mengen zu Übelkeit, Erbrechen oder Atemnot führen können.

Das BfR hat den Herstellern empfohlen, diese Produkte für Kinder weniger anziehend zu gestalten. Auch die neuen Lithium-Knopfzellen für Kleinelektrogeräte bergen wegen ihrer höheren Spannung, Energiedichte und ihrem Durchmesser von ca. 22 mm ein deutlich erhöhtes Gesundheitsrisiko als die bisherigen kleineren Knopfzellen. Größenbedingt bleiben die Lithiumzellen leichter in der Speiseröhre stecken und können dort durch den hohen Entladestrom verbrennungsartige Symptome mit schwerer Organschädigung verursachen. Im Ausland sind bereits zahlreiche schwere Verläufe und Todesfälle durch diese neuen Knopfzellen bekannt geworden.

Eine umfangreiche Wiederbewertung der ersten deutschen Giftpflanzenliste der Kommission auf der Basis von neueren Vergiftungsunfällen zeigt, dass Giftpflanzen weniger gefährlich sind als bisher angenommen wurde. Am BfR-Standort in Berlin-Marienfelde wurde mit diesen neuen Erkenntnissen ein Giftpflanzengarten für die Allgemein- und Fachöffentlichkeit angelegt. Der Garten soll Beispiele für gefahrlose Anpflanzungen an Schulen, Kindergärten und öffentlichen Einrichtungen geben und für eine einheitliche Kennzeichnung der Giftigkeit z. B. in Botanischen Gärten werben.

Das BfR hat eine neue App „Vergiftungsunfälle bei Kindern“ entwickelt. Die App enthält Hinweise zu Inhaltsstoffen von chemischen Produkten, Medikamenten, Pflanzen und Pilzen, dem Vergiftungsbild und den Maßnahmen zur Ersten Hilfe. Durch die Möglichkeit, mit Hilfe der App jederzeit direkt den nächstgelegenen Giftnotruf anzuwählen, kann im Vergiftungsfall umgehend ärztlicher Rat eingeholt werden.

Die Kommission zur Bewertung von Vergiftungen wurde 1964 nach amerikanischem Vorbild durch das Bundesministerium für Gesundheit gegründet, zusammen mit einer Dokumentations- und Bewertungsstelle für Vergiftungen. Ihre Aufgabe ist, gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Produkte und Stoffe zu erkennen, zu dokumentieren und für den Menschen zu bewerten.

Insbesondere auf dem Gebiet der Prävention erzielte die Kommission bedeutende Fortschritte, angefangen von mehreren EU-Normen (z. B. „Kindergesicherter Verschluss“), über zahlreiche Rezepturänderungen, Warnhinweise z. B. bei verschiedenen ätzenden Mitteln, EU-Verbote von gefährlichen Lampenölen und Grillanzündern bis hin zur EU-weiten Beschränkung der Verwendung von Salpetersäure im Verbraucherbereich. Im Rahmen der Kommission wurde auch die zurzeit weltweit größte und umfangreichste Datenbank mit Rezepturinformationen für die Notfallhilfe in deutschen Giftinformationszentren entwickelt.

Die öffentliche und kostenfreie Veranstaltung findet am 29. April 2014 im Hörsaal des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Diedersdorfer Weg 1, 12277 Berlin (Marienfelde) statt. Anmeldungen werden erbeten unter www.bfr.bund.de/de/veranstaltungen.html

Über das BfR

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist eine wissenschaftliche Einrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Es berät die Bundesregierung und die Bundesländer zu Fragen der Lebensmittel-, Chemikalien- und Produktsicherheit. Das BfR betreibt eigene Forschung zu Themen, die in engem Zusammenhang mit seinen Bewertungsaufgaben stehen.

Weitere Informationen:

http://www.bfr.bund.de

Dr. Suzan Fiack | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Therapieansätze bei RET-Fusion - Zwei neue Inhibitoren gegen Treibermutation
26.06.2017 | Uniklinik Köln

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schnelles und umweltschonendes Laserstrukturieren von Werkzeugen zur Folienherstellung

Kosteneffizienz und hohe Produktivität ohne dabei die Umwelt zu belasten: Im EU-Projekt »PoLaRoll« entwickelt das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen gemeinsam mit dem Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik UMSICHT und sechs Industriepartnern ein Modul zur direkten Laser-Mikrostrukturierung in einem Rolle-zu-Rolle-Verfahren. Ziel ist es, mit Hilfe dieses Systems eine siebartige Metallfolie als Demonstrator zu fertigen, die zum Sonnenschutz von Glasfassaden verwendet wird: Durch ihre besondere Geometrie wird die Sonneneinstrahlung reduziert, woraus sich ein verminderter Energieaufwand für Kühlung und Belüftung ergibt.

Das Fraunhofer IPT ist im Projekt »PoLaRoll« für die Prozessentwicklung der Laserstrukturierung sowie für die Mess- und Systemtechnik zuständig. Von den...

Im Focus: Das Auto lernt vorauszudenken

Ein neues Christian Doppler Labor an der TU Wien beschäftigt sich mit der Regelung und Überwachung von Antriebssystemen – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und von AVL List.

Wer ein Auto fährt, trifft ständig Entscheidungen: Man gibt Gas, bremst und dreht am Lenkrad. Doch zusätzlich muss auch das Fahrzeug selbst ununterbrochen...

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Marine Pilze – hervorragende Quellen für neue marine Wirkstoffe?

28.06.2017 | Veranstaltungen

Willkommen an Bord!

28.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

EUROSTARS-Projekt gestartet - mHealth-Lösung: time4you Forschungs- und Entwicklungspartner bei IMPACHS

28.06.2017 | Unternehmensmeldung

Proteine entdecken, zählen, katalogisieren

28.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Scheinwerfer-Dimension: Volladaptive Lichtverteilung in Echtzeit

28.06.2017 | Automotive