Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bessere Beweglichkeit – dank Betäubung

05.11.2012
Forscher der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Universitätsklinikums Jena verbessern Therapie für Schlaganfallpatienten

Für die Medizin sind sie Segen: Medikamente, die das Schmerzempfinden ausschalten und so viele Therapien erst möglich machen. Dank moderner Anästhetika lassen sich heute nicht nur chirurgische Operationen schmerzfrei durchführen. Auch bei verschiedenen Diagnoseverfahren kommen sie zum Einsatz.


Beim „Taubschen Bewegungstraining“ wird der gesunde Arm der Patienten in einer Manschette vollständig fixiert, während Arm und Hand, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind, intensiv feinmotorische Aufgaben trainieren.

Foto: Jan-Peter Kasper/FSU

Wie Psychologen und Mediziner der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Universitätsklinikums Jena nun zeigen, können Anästhetika auch bei der Therapie von Schlaganfallpatienten von hohem Nutzen sein. In einer aktuellen Publikation stellen die Forscher die Ergebnisse einer Studie vor, die belegt, dass durch eine Lokalanästhesie die motorischen Fähigkeiten von Patienten nach einem Schlaganfall deutlich verbessert werden können. Die Studie ist jüngst im „Journal of Neuroscience“ erschienen (DOI:10.1523/JNEUROSCI.5912-11.2012).

„Viele Schlaganfallpatienten leiden unter Lähmungen etwa einer Hand oder des gesamten Armes“, erläutert Prof. Dr. Thomas Weiß. Der Psychologe vom Lehrstuhl für Biologische und Klinische Psychologie der Jenaer Universität arbeitet gemeinsam mit Fachkollegen sowie Neurologen des Jenaer Uniklinikums bereits seit einigen Jahren sehr erfolgreich mit einer speziellen Trainingstherapie, die die Beweglichkeit von Patienten nach einem Schlaganfall deutlich verbessert: Beim „Taubschen Bewegungstraining“ – auch „Constraint-Induced Movement Therapy“ (CIMT) genannt – wird der gesunde Arm der Patienten in einer Manschette vollständig fixiert, während Arm und Hand, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind, intensiv feinmotorische Aufgaben trainieren.
Beispielsweise stapeln die Patienten kleine Bauklötzchen aufeinander oder stecken winzige Pins in ein Lochbrett. Auch Alltagstätigkeiten wie Händewaschen oder Trinken aus einer Tasse stehen auf dem Übungsprogramm. „Beinahe jeder Betroffene profitiert von diesem Training“, berichtet Weiß‘ Fachkollege Prof. Dr. Wolfgang Miltner. Der Lehrstuhlinhaber hat das Training gemeinsam mit amerikanischen Kollegen entwickelt und verweist auf umfangreiche Studienergebnisse zur Effizienz des Programms. „Wir freuen uns, dass wir gemeinsam mit unseren Kollegen aus der Psychologie diese Therapie in der neurologischen Tagesklinik bei vielen Patienten durchführen können“, ergänzt der Direktor der Klinik für Neurologie, Prof. Dr. Otto Witte.

Wie das interdisziplinäre Jenaer Team nun zeigen konnte, lässt sich die Wirksamkeit des Bewegungstrainings zusätzlich deutlich steigern, wenn die Sensitivität des bewegungseingeschränkten Armes während des Trainings durch ein Anästhetikum herabgesetzt wird. In ihrer Studie haben die Forscher 36 Patienten untersucht. Während die eine Hälfte der Patienten ein Lokalanästhetikum in Form einer Salbe auf den gelähmten Unterarm aufgetragen bekam, erhielt die andere Patientengruppe lediglich ein Placebo. Anschließend absolvierten beide Patientengruppen einen Tag lang das Bewegungstraining.

„Wie erwartet, hat sich die Beweglichkeit bei allen Patienten deutlich verbessert“, nennt Prof. Weiß ein Ergebnis. „Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass die Patienten, die das Anästhetikum erhalten haben, noch einmal deutlich mehr profitieren als die Placebo-Gruppe“, so Weiß. Die Ursache für diesen Effekt konnten die Forscher in Magnetenzephalogramm-Aufnahmen (MEG) der behandelten Patienten sichtbar machen. Wie diese Aufnahmen zeigen, führt das temporäre Ausschalten der Nervenreize aus dem Unterarm dazu, dass auch die Aktivität in den Hirnarealen abnimmt, die diese Reize verarbeiten. „Gleichzeitig kommt es aber zu einer stärkeren Aktivierung benachbarter Hirnregionen“, erläutert der Jenaer Psychologe. So reagiere das Gehirn auf ausbleibende Reize aus dem Unterarm mit einer gesteigerten Sensitivität in der Hand, in deren Folge sich auch die motorischen Fertigkeiten verbessern. „Dieser Prozess setzt innerhalb von Minuten ein“, sagt Thomas Weiß.
Ob sich durch die Kombination von Lokalanästhesie und Bewegungstraining auch langfristig die Beweglichkeit von Schlaganfallpatienten verbessern lässt, soll eine nun folgende Studie klären.

Original-Publikation:
Sens E. et al.: Effects of Temporary Functional Deafferentation on the Brain, Sensation, and Behavior of Stroke Patients, Journal of Neuroscience Vol. 32 (34): 11773-11779, DOI: 10.1523/JNEUROSCI.5912-11.2012

Informationen zum Taubschen Bewegungstraining an der Universität Jena sind zu finden unter: http://www.taubsches-training.uni-jena.de.

Kontakt:
Prof. Dr. Thomas Weiß
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Am Steiger 3/Haus 1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945143
E-Mail: weiss[at]biopsy.uni-jena.de

Dr. Ute Schönfelder | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Kostformen im Vergleich: Für Menschen mit Diabetes ist die Mittelmeer-Diät besonders gut geeignet
19.01.2018 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Vielversprechender Malaria-Wirkstoff erprobt
19.01.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie