Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nervschädigung verursacht gefährliche Entzugssymptome

05.12.2007
Jenaer Psychiater Prof. Karl-Jürgen Bär erhält am 6. Dezember Preis für Forschung zu Alkoholsucht

Chronische Alkoholiker schädigen durch die Sucht nicht nur ihre Leber, sondern neben vielen weiteren Organen auch das vegetative Nervensystem. Diese Schäden am sogenannten Parasymphatikus, dem auch "Ruhenerv" genannten Nervus vagus, sind eine der Ursachen für die als Delirium bekannten Entzugserscheinungen bei Alkoholsüchtigen.

"Es gibt einen sehr deutlichen Zusammenhang zwischen alkoholverursachten Nervenschäden im parasymphatischen System und den heftigen körperlichen Entzugserscheinungen, die bis zum plötzlichen Herztod führen können", erklärt Prof. Karl-Jürgen Bär vom Universitätsklinikum Jena. "Wir haben in verschiedenen Studien Belege dafür gefunden, dass bei akutem Alkoholentzug besonders dann verstärkt mit klassischen Entzugssymptomen - lebensbedrohlich erhöhtem Blutdruck und Herzschlag, Zittern und Schwitzen - zu rechnen ist, wenn eine chronische Schädigung des parasymphatischen Teils des Nervensystems vorliegt", so der Psychiater weiter.

Für diese Untersuchungen erhält der Jenaer Mediziner Bär am 6. Dezember den Wilhelm-Feuerlein-Preis 2007 der Deutschen Suchtstiftung. Bär teilt sich den mit 5 000 Euro dotierten Preis für Erkenntnisse in der klinischen Suchtforschung mit einem weiteren Kollegen. "Besonders erfreulich ist natürlich, dass ich diesen Preis erhalte, obwohl mein Spezialgebiet nicht die Suchtforschung ist", freut sich Prof. Karl-Jürgen Bär über die Anerkennung der mehrjährigen Forschungsarbeit.

Deren Ergebnisse wollen die Jenaer Wissenschaftler vor allem dazu nutzen, künftig besser das Risiko für das Auftreten eines Deliriums im Entzug vorhersagen zu können. Denn obwohl die Zusammenhänge lange vermutet wurden, gab es bisher keine Untersuchungen der Herzparameter in Verbindung mit akuten Entzugszuständen. "Dank unserer Studien kennen wir jetzt die sucht- und entzugsbedingten Risikofaktoren für das Herz besser und können diese auch schon bei Voruntersuchungen überprüfen", so Bär. "Auf diese Weise könnte künftig bei unseren Patienten der Entzug besser gesteuert und vorbeugend eingegriffen werden, um ein Delirium und die verbundenen bedrohlichen Herzstörungen zu vermeiden", glaubt Prof. Bär.

Immerhin bis zu 25 Prozent der unbehandelten Deliriumszustände enden tödlich. Eine der Ursachen dafür ist der durch jahrelangen Alkoholmissbrauch geschädigte Parasymphatikus, der dadurch seine Funktion, die Verlangsamung der Herzfrequenz und Steuerung der Erregungsleitung am Herzen, nicht mehr erfüllen kann. Die Folge sind Herz-Rhythmusstörungen, die vom Körper selbst nicht mehr reguliert werden, weil das für die unbewussten Vitalfunktionen verantwortliche Nervensystem durch das Gift im Alkohol zerstört wurde.

"Leider scheint sich diese Funktion auch dann nicht oder nur wenig wiederherzustellen, wenn die Betroffenen die Sucht erfolgreich bekämpft haben", so Prof. Karl-Jürgen Bär. Denn in den Untersuchungen zeigten sich auch bei seit fünf Jahren abstinent lebenden Alkoholikern noch starke Veränderungen. Das deute darauf hin, dass die Schäden am vegetativen Nervensystem irreversibel sind, vermutet Bär, sodass auch trockene Alkoholiker mit einem weiterhin erhöhten Risiko für Herzprobleme leben müssen.

Erste für die Praxis unmittelbar relevante Schlussfolgerungen hat Prof. Karl-Jürgen Bär aus den gefundenen Zusammenhängen schon ableiten können: Im Zuge der Studien haben er und seine Forscherkollegen auch Hinweise darauf gefunden, dass die derzeit zur Linderung der Delirium-Symptome eingesetzte Standardsubstanz eher dazu beiträgt, den bereits geschwächten Nerv noch weiter zu hemmen.

Bär: "Einer der nächsten Schritte wird es daher sicher sein, die Auswirkungen bestimmter Mittel auf den geschädigten Parasymphatikus genauer zu untersuchen, um so die medikamentöse Therapie weiter zu verbessern."

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Karl-Jürgen Bär
Klinik für Psychiatrie, Universitätsklinikum Jena
Tel.: 03641/935282
E-Mail: Karl-Juergen.Baer@med.uni-jena.de

Helena Reinhardt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de/

Weitere Berichte zu: Entzugserscheinung Nervensystem Parasymphatikus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

nachricht Vorhersage entlastet das Gehirn
13.01.2017 | Philipps-Universität Marburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der erste Blick auf ein einzelnes Protein

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das menschliche Hirn wächst länger und funktionsspezifischer als gedacht

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zur Sicherheit: Rettungsautos unterbrechen Radio

18.01.2017 | Verkehr Logistik