Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gleichgewichtsstörungen im Visier

13.05.2002


Am Institut für Arbeitsmedizin und Sozialmedizin der Universität Leipzig entwickelten die Forscher der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. med. Gert Schreinicke ein Gerät, mit dem man erstmals Gleichgewichtsstörungen objektiv messen kann. Die Bundeswehr hat dieses Gerät jetzt für die Fliegerausbildung übernommen.


Ein Proband auf der Gleichgewichtsmessungs-Plattform



Am Institut für Arbeitsmedizin und Sozialmedizin der Universität Leipzig entwickelten die Forscher der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. med. Gert Schreinicke ein Gerät, mit dem man erstmals Gleichgewichtsstörungen objektiv messen kann. Die Bundeswehr hat dieses Gerät jetzt für die Fliegerausbildung übernommen. Es kann aber auch eingesetzt werden, und dafür war es auch ursprünglich entwickelt worden, für arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen von Arbeitnehmern, die unter Absturzrisiko arbeiten.



Stellen Sie sich mit geschlossenen Füßen hin, strecken Sie die Arme vor und kehren die Handflächen nach oben. Dann schließen Sie die Augen. Eine Minute lang. Schon nach wenigen Sekunden werden Sie merken, dass Sie ins Schwanken kommen. Diese Haltung ist als besonders empfänglich für die Gleichgewichtsstörungen bereits vor einiger Zeit entwickelt worden. Wenn Sie einen schlechten Gleichgewichtssinn haben, schwanken Sie mehr, haben Sie einen guten, schwanken Sie weniger. Bauarbeiter, Bergsteiger, Piloten, Monteure, Dachdecker, kurz alle, die sich in großen Höhen bewegen, haben in der Regel einen guten Gleichgewichtssinn. Dieser wird in arbeitsmedizinischen Untersuchungen regelmäßig getestet. Bisher gab es dafür keine objektiven praktikablen Messmethoden; subjektive Eindrücke des Betroffenen und des Arztes waren ausschlaggebend für die Einschätzung.

Mehr oder weniger einem Zufall ist es zu verdanken, dass am Institut für Arbeits- und Sozialmedizin der Universität Leipzig ein rechnergestütztes Screeningverfahren zur quantitativen Bewertung der Gleichgewichtsregulation entwickelt werden konnte, nach dem man schon lange, und nicht nur in Leipzig, suchte. Dr. rer.nat. Bernhard Hüber kam die ausschlaggebende Idee angesichts der neuen digitalen Personenwaage seiner Frau. Die bestand aus einer Messplattform, deren vier Füße Sensoren enthalten, die das Gewicht einer Person erfassen und an einen Gewichtsanzeiger weitergeben.

Für den Forscher stellte sich die Frage, ob die Sensoren empfindlich genug sind, auch leichte Schwankungen der auf der Messplattform mit vorgestreckten Armen und nach oben gekehrten Handflächen stehenden Person aufzunehmen. Und siehe da, das war der Fall. Entsprechend verstärkt und gefiltert ließen sich die durch die Schwankungen hervorgerufenen Druckveränderungen erfassen und mit Hilfe eines speziell dafür entwickelten Computerprogrammes in sichtbare Messpunkte umwandeln. Angeordnet um den Mittelpunkt eines Koordinatensystems ließ sich nun auf dem Bildschirm leicht und objektiv feststellen, wie groß die Gleichgewichtsschwankungen sind.

Befinden sich die Messpunkte dicht am Kreuz, haben die Probanden einen guten Gleichgewichtssinn. Je weiter die Punkte vom Mittelpunkt entfernt sind, desto schlechter der Gleichgewichtssinn. "Wird eine bestimmte Grenze überschritten", erläutert Prof. Schreinicke, "sollte der Arzt auf die Suche nach den Ursachen gehen." Für den Betroffenen kann das unter Umständen bedeuten, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, wenn die Schwankungen z.B. Ausdruck einer neurologischen Erkrankung sind. Auch Alkoholismus oder z.B. eine Funktionsstörung des Innenohres können Ursache für die Schwankungen sein.

Nachdem das technische Problem gelöst war, wurde über viele Tests die wissenschaftliche Haltbarkeit der Idee geprüft. Weitere Einflussfaktoren auf das Schwankungsverhalten wie Gewicht und Größe konnten nachgewiesen werden. Außerdem stellte sich heraus, dass in großen Höhen arbeitende Personen mit zunehmendem Alter weniger an Gleichgewichtsstörungen leiden als Normalbürger. Das tägliche Training wirkt offenbar altersbedingt abnehmendem Gleichgewichtssinn entgegen.

Die Bundeswehr wurde über Veröffentlichungen auf die Ergebnisse der Leipziger Arbeitsgruppe aufmerksam. Für die Ausbildung ihrer Heeresflieger werden hochmoderne Simulatoren genutzt, die den Auszubildenden realitätsnah die Flugsituation nachempfinden lassen. Dabei kommt es vermehrt zu Gleichgewichtsstörungen der Flieger, deren Gleichgewichtssinn normalerweise natürlich sehr gut sein muss. Mit Hilfe des Leipziger Verfahrens sahen die Verantwortlichen in der Bundeswehr eine einfach zu handhabende Möglichkeit, objektiv festzustellen, wie lange die Flieger brauchen, bis sich ihr Gleichgewichtssinn wieder erholt hat. Für Prof. Schreinicke ist dies ein gutes Beispiel für angewandte Wissenschaft.

Jetzt geht es den Leipziger Forschern darum, das bisherige Verfahren zu standardisieren, damit es allgemein von Arbeitsmedizinern eingesetzt werden kann. Im Moment läuft eine groß angelegte Studie über drei Jahre, die die bisherigen Ergebnisse verifizieren und eventuell neue Erkenntnisse liefern soll.

weitere Informationen: Prof. Gert Schreinicke
Telefon: 0341 97 15400
E-Mail: schrg@medizin.uni-leipzig.de

Dr. Bärbel Adams | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome
28.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Die bestmögliche Behandlung bei Hirntumor-Erkrankungen
28.03.2017 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hannover Messe: Elektrische Maschinen in neuen Dimensionen

28.03.2017 | HANNOVER MESSE

Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome

28.03.2017 | Medizin Gesundheit

Antibiotikaresistenz zeigt sich durch Leuchten

28.03.2017 | Biowissenschaften Chemie