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Risiko einer Prionen-Infektion bei Mandeloperationen minimieren

06.05.2002


Um das mögliche Risiko einer Infektion mit infektiösen Eiweißen (Prionen) bei Mandeloperationen zu vermeiden, sterilisieren HNO-Ärzte ihre chirurgischen Instrumente mit aufwändigeren Verfahren. "Eine reine Vorsichtsmaßnahme", betonen die Mediziner anlässlich der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie in Baden-Baden.

"Es ist nicht auszuschließen", warnt die vom Robert-Koch-Institut ins Leben gerufene Expertenkommission "Task Force vCJK" im Bundesgesundheitsblatt vom April 2002, "dass die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung bei chirurgischen Eingriffen übertragen werden kann." Um das Risiko bei Mandeloperationen und anderen Eingriffen so gering wie möglich zu halten, sprechen sich Fachärzte auf der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie in Baden-Baden darum für eine gewissenhafte Sterilisation chirurgischer Instrumente aus - entsprechend den Sicherheitsempfehlungen der "Task Force vCJK".
Die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (vCJK) wird vermutlich durch den Verzehr von infiziertem Gewebe BSE-infizierter Rinder ausgelöst; sie zerstört Teile des Hirngewebes und führt bislang unaufhaltsam zum Tod der Betroffenen. Als Auslöser gelten so genannte Prionen: "falsch" gefaltete Eiweiße, die infektiöse Eigenschaften besitzen. Sie lagern sich im zentralen Nervensystem ab und richten dort irreparable Schäden an.
In den achtziger Jahren kam es in Großbritannien zur Rinderwahn-(BSE-)Epidemie, in deren Folge 1995 erstmals Menschen an der neuen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit erkrankten. Seitdem gilt als gesichert, dass der BSE-Erreger prinzipiell auch auf den Menschen übertragbar ist. Die meisten Krankheits-Fälle des Landes - 28 - traten im Jahr 2000 auf. In Deutschland ist vCJK bislang noch nicht nachgewiesen worden. Nachdem jedoch auch hierzulande bis zum Januar 2002 rund 150 BSE-Rinder registriert wurden, kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch Bundesbürger an vCJK erkranken.
Zwar sind bislang weltweit keine Fälle einer vCJK-Infektion durch chirurgische Eingriffe dokumentiert. Aber es gibt verschiedene Anhaltspunkte, die eine solche Übertragungsweise theoretisch möglich erscheinen lassen. So dokumentierten Mediziner bisher fünf Fälle, bei denen ähnliche Prionen - die Erreger der "sporadischen" Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) - bei neurochirurgischen Eingriffen übertragen worden waren. Solche durch medizinische Maßnahmen - "iatrogen" - verursachte Infektionen erlitten Patienten auch durch das Implantieren von Elektroden ins Gehirn zur Messung von Hirnströmen (EEG), das Transplantieren von Augen-Hornhäuten und die Einnahme von Hormonpräparaten, die aus menschlichen Hirnanhangsdrüsen (Hypophysen) gewonnen worden waren.
Auf ähnlichen Wegen könnten auch die Erreger der neuen Variante von Mensch zu Mensch gelangen. Da die vCJK-Prionen nicht nur Nervengewebe befallen, sondern auch lymphatisches Gewebe, warnen Experten vor dem Risiko einer Übertragung durch nicht ausreichend sterilisiertes Operationsbesteck etwa bei Operationen der Rachenmandeln oder am Blinddarm, da diese Organe zum Lymphsystem zählen. Wissenschaftler vermuten, dass die vCJK-Prionen bestimmte Zellen des Immunsystems, die B-Lymphozyten, als Träger nutzen. Auch Blut wird als Überträgersubstanz nicht mehr ausgeschlossen.
Wegen dieser Erkenntnisse mahnt die "Task Force vCJK" außer Neurochirurgen und Augenärzten auch jene Mediziner zur Vorsicht, die Operationen an lymphatischem Gewebe durchführen - darunter HNO-Ärzte, die häufig Eingriffe an Mandeln vornehmen. Die Gefahr einer Übertragung, betont Dr. Michael Peter Jaumann, württembergischer Landesvorsitzender des Deutschen Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte e.V., bestehe allerdings bei praktisch jeder Operation da "eigentlich bei jedem chirurgischen Eingriff Lymphgewebe verletzt wird".
Wie hoch das tatsächliche Risiko einer Prionen-Infektion durch chirurgische Eingriffe ist, wagen Experten angesichts der unzureichenden Datenlage nicht abzuschätzen. Bisher kennen sie weder die Dauer der Inkubationszeit noch den Einfluss eventueller genetischer Veranlagungen bei den Betroffenen.
Um angesichts der vielen Unklarheiten die potentielle Gefahr so klein wie möglich zu halten, müssen chirurgische Instrumente Prionen-frei sein. Aber gerade hier liegt das Problem: Verschiedene Studien belegen, dass selbst nach aufwändigen Reinigungs- und Sterilisationsverfahren häufig Protein-Rückstände an chirurgischen Instrumenten zurückbleiben.
Das Hauptproblem: Prionen-Proteine sind im Vergleich zu Bakterien deutlich resistenter gegen Hitze. Und auch viele andere übliche Sterilisationsmaßnahmen zerstören die infektiösen Eiweiße offensichtlich nicht - weder ionisierende oder ultraviolette Strahlung noch Desinfektionsmittel aus Alkohol oder Aldehyden. Generell empfiehlt die "Task Force vCJK", das Operationsbesteck vorzureinigen, anschließend zu einer "optimierten" alkalischen Säuberung in eine Spezialspülmaschine zu stecken und dann im Dampfsterilisator auf 134 Grad zu erhitzen. Statt der üblichen fünf bis zehn Minuten sollten vor allem HNO- und Augenärzte sowie Neurochirurgen ihre Instrumente 18 Minuten dem Heißdampf aussetzen. Hitzeempfindliche Geräte sollten bei entsprechenden Eingriffen möglichst durch Einmalinstrumente ersetzt werden.

Rückfragen an:
Dr. med. Michael Peter Jaumann
Marktstraße 25
73033 Göppingen
Tel.: 07161-70011
Fax: 07161-14776
E-Mail: webmaster@dr-jaumann.de

Dipl. Biol. Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://www.hno.org/

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