Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

UKM bekämpft die unsichtbare Gefahr MRSA

23.11.2007
Robert-Koch-Institut hat EUREGIO MRSA-net als beispielhaft ausgezeichnet

„Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Pille gegen eine unheilbare Erkrankung“, sagt Privat-Dozent Dr. Alexander Friedrich vom Institut für Hygiene am Universitätsklinikum Münster (UKM). Die Fachwelt vor rund 60 Jahren war ähnlich begeistert wie es Ärzte heute wären, hätten sie so eine Pille zur Verfügung, als das erste Antibiotikum Penicillin entdeckt wurde. Bis dahin starben noch rund 80 Prozent der Menschen, die damals an einer Blutvergiftung erkrankten.

Die „Geißel“ der Menschheit, die Seuchen, galt mit Einführung der Antibiotika als besiegt. Bis heute: In den vergangenen Wochen wurden Todesfälle bei Schülern in den USA bekannt. Ursache waren antibiotikaresistente Bakterien, so genannte Methicillin-resistente Staphylokokken (MRSA). „Wir haben in der Vergangenheit zu oft den „Joker Antibiotikum“ gezogen“, urteilt Friedrich. Durch die allzu freizügige Gabe dieser Medikamentengruppe haben sich die Bakterien allmählich angepasst. Während normale Methicillin-sensible S. aureus (MSSA) mit gängigen Antibiotika behandelt werden können, helfen gegen das Bakterium MRSA heute nur noch wenige Antibiotika - die allerdings haben häufig Nebenwirkungen und sind um ein Mehrfaches teurer als herkömmliche.

MRSA-Träger müssen aber nicht zwangsläufig erkranken. Denn um eine gefährliche Infektion auslösen zu können, braucht MRSA eine Angriffsfläche z.B. in Form einer Wunde. Trotzdem können Träger das Bakterium an andere Menschen mit Wunden weitergeben. Am UKM werden daher seit mehr als sieben Jahren in allen Risikobereichen wie zum Beispiel den Intensivstationen, der Onkologie, Innere Medizin, Chirurgie und Dermatologie Patienten auf MRSA getestet. Gehören Sie zu den Trägern, werden sie zum eigenen Schutz vorbeugend behandelt und zum Schutz anderer Patienten in Einzelzimmer untergebracht. Aufgrund des Erfolges wurde dieses Screening im Jahr 2006 auf alle am UKM stationär aufgenommenen Patienten ausgedehnt, jährlich rund 40.000 Patienten.

... mehr zu:
»MRSA »Screening »UKM

Dr. Christoph Hoppenheit, Kaufmännischer Direktor am UKM, hat früh erkannt, dass sich die 300.000 Euro, die er jährlich für die MRSA-Prävention ausgibt, lohnen. Die Kosten für die Behandlung einer MRSA-Infektion überbieten die Kosten für das standardmäßige Screening bei weitem: Ein Screening kostet circa drei Euro, filtert das Institut für Medizinische Mikrobiologie am UKM unter Leitung von Prof. Peters einen MRSA-Träger heraus, kostet die Behandlung rund 1500 Euro. Hat sich ein Patient erst einmal infiziert, liegen die Mehrkosten der Behandlung bei 20.000 Euro. Hoppenheit: „Für uns hat sich die Investition in die Prävention ausgezahlt. Denn unsere Patienten können sich bei uns sicher fühlen. Wir können mit Recht behaupten, MRSA am UKM im Griff zu haben.“

MRSA jedoch, betont Friedrich, sei eine Gemeinschaftsaufgabe. „Fast alle MRSA-Patienten sind bereits vor einer Aufnahme ins Krankenhaus Träger. Daher war klar, dass es nicht reicht, wenn nur das Krankenhaus Vorsorge trifft. Alle Beteiligten müssen an einem Strang ziehen. Seit dem Jahr 2005 holt Friedrich deshalb alle Krankenhäuser, Patientenvertreter (EPECS), Gesundheitsämter, Laboratorien, Arztpraxen, die Kassenärztliche Vereinigung, Ärztekammer und auch Kostenträger aus der Region regelmäßig an einen Tisch. Gemeinsam mit niederländischen Kollegen hat Friedrich das über die Europäische Union und das Wirtschaftsministerium NRW geförderte Netzwerk „EUREGIO MRSA-net Twente/Münsterland“ aufgebaut.

Denn das Auftreten von MRSA ist nicht schicksalshaft: Die Niederlande zeigen, dass MRSA zurückgedrängt werden kann. Das einheitliche Vorgehen aller Krankenhäuser und Arztpraxen („search and destroy“) hat dazu geführt, dass MRSA dort eine Seltenheit geworden ist. „Grundpfeiler unseres Erfolges ist neben dem konsequentem Screening, der absolut restriktive Einsatz von Antibiotika im Krankenhaus und der Arztpraxis“, betont der niederländische Projektleiter Ron Hendrix. Unter dem Motto „MRSA-freies Münsterland“ haben sich die Verantwortlichen das Ziel gesetzt, die MRSA-Prävention ebenso konsequent wie in den Niederlanden umzusetzen. „Jenseits der Grenze stirbt kein Patient an einer MRSA-Blutvergiftung, weil MRSA-Träger ausgesprochen selten sind und damit praktisch keine MRSA-Blutvergiftungen auftreten. Da müssen wir auch hinkommen“, betont Friedrich.

Das von Friedrich initiierte EUREGIO-Netzwerk ist mittlerweile vom Robert-Koch-Institut (RKI) in seinem Epidemiologischen Bulletin (EpiBull 33/07) als beispielhaft für ganz Deutschland bezeichnet worden. Das EUREGIO MRSA-net habe Vorbildfunktion hinsichtlich der Schaffung anzustrebender regionaler Strukturen zur Eindämmung der Weiterverbreitung von MRSA, heißt es in dem Bulletin. Zusätzlich hat die Gesundheitsministerkonferenz im Juni 2006 als Strategie gegen MRSA die Etablierung regionaler Netzwerke wie das von Friedrich initiierte empfohlen. Noch bis Mitte 2008 bekommen Friedrich und das MRSA-net Fördergelder von der EU und vom Land NRW. Bis dahin hatten alle Krankenhäuser der Region zwei Jahre Zeit, die im Netzwerk formulierten Qualitätsziele, z.B. Screening von Patienten mit einem Risiko für MRSA-Trägerschaft oder auch konsequentes Desinfizieren von Händen, umzusetzen.

„Am 1. Juli 2008 werden wir im Internet veröffentlichen, wie weit jedes Krankenhaus in der EUREGIO die Ziele umgesetzt hat. Nur wer alle zehn Ziele umsetzt, bekommt das EUREGIO MRSA-net Transparenzsiegel“, sagt Friedrich. „Dann können Patienten nicht nur ablesen, ob sich ein Krankenhaus um das MRSA-Problem kümmert, sondern auch, mit welchem Erfolg“, betont er. Bisher seien die meisten Krankenhäuser im Münsterland sehr enthusiastisch und machten Schritt für Schritt mit. Dass das Netzwerk damit den Druck auf alle Krankenhäuser erhöht, sich an der Vorbeugung gegen MRSA zu beteiligen, ist beabsichtigt. Friedrich: „Die Todesfälle aus den USA zeigen, dass MRSA bald nicht mehr nur ein Problem in Krankenhäusern ist. MRSA werden sich mehr und mehr auch außerhalb des Krankenhauses verbreiten.“ Seine Prognose: Niederländische aber auch deutsche Krankenkassen werden in naher Zukunft nur noch Verträge mit Krankenhäusern und Ärzten machen, die nachweisen können, erfolgreich in einem MRSA-Netzwerk beteiligt zu sein.

Während das Netzwerk für Krankenhäuser besondere Hygienemaßnahmen wie Screening, Einzelzimmer und Mundschutz empfiehlt, sollte außerhalb des Krankenhauses vor allem die konsequente MRSA-Behandlung im Vordergrund stehen. „Unbedingt sollte diese so genannte „Sanierungstherapie“ auch dann gemacht werden, wenn der Patient keine Infektion hat, sondern nur gesunder Träger des Bakteriums ist“, fordert Friedrich. So eine Behandlung dauert in der Regel zwei Wochen, kann aber in Einzelfällen auch erst nach Monaten erfolgreich durchgeführt werden. Doch nur durch diese vorbeugende Maßnahme kann eine künftige Infektion oder Übertragung auf andere verhindert werden.

Aber das Projekt soll auch nach dem 30. Juni 2008 weiter bestehen: Friedrich und seine Kollegen bereiten auf beiden Seiten der Grenze schon den nächsten EUREGIO-Antrag vor. Das gesamte Grenzgebiet von Aachen bis zur Nordsee soll dann das MRSA-Problem gemeinsam angehen. Ein wichtiges Ziel für das EUREGIO Netzwerk ist es, die Quarantänemaßnahme zwischen den Niederlanden und Deutschland aufzuheben. Friedrich: „Können wir nachweisen, dass die MRSA-Rate deutlich zurückgegangen ist, können Patienten in den Grenzgebieten auch die Krankenhäuser des jeweils anderen Landes in Anspruch nehmen.“ Für Winterswijk und angrenzende deutsche Krankenhäuser wurden die strikten Quarantänemaßnahmen bereits aufgehoben – ein erster deutlicher Erfolg des MRSA-net. „Weniger MRSA wird die Qualität der Gesundheitsversorgung allgemein verbessern und mittelfristig zu einem Standortvorteil für die gesamte Region führen“, betont Friedrich.

Bis die Region diesseits der Grenze so weit ist, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Aber Friedrich ist sich sicher: „Wir können das schaffen.“ Und einen Trost hat er für alle Krankenhäuser, da sich die Mechanismen für Entstehung und Ausbreitung von Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern sehr stark ähneln: „Wer MRSA im Griff hat, hat jede andere Infektion im Griff.“

Simone Hoffmann | Universitätsklinikum Münster (UK
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-muenster.de/

Weitere Berichte zu: MRSA Screening UKM

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Methode der Eisenverabreichung
26.04.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Bestrahlung bei Hirntumoren? Eine neue, verlässlichere Einteilung erleichtert die Entscheidung
26.04.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie