Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erbgutvariante lässt früher zur Zigarette greifen

21.11.2007
Eine winzige Änderung in den Genen scheint einen bedeutsamen Einfluss auf die Entwicklung einer Nikotinsucht zu haben. Zu diesem Schluss kommen Forscher der Universitäten Bonn und Heidelberg zusammen mit US-Kollegen der Harvard Medical School jetzt in der Zeitschrift Neuropsychobiology (Band 56; Seite 47-54).

Darin zeigen sie, welche Rolle zwei Erbanlagen bei der Entstehung der Nikotin-Abhängigkeit spielen. Ist das so genannte TPH1-Gen verändert, werden Betroffene insgesamt häufiger und stärker abhängig. Der Austausch eines einzigen Buchstaben im TPH2-Gen lässt sie dagegen früher zur Zigarette greifen. Die Forscher fanden aber auch Anzeichen, dass Umweltfaktoren die Entstehung der Sucht beeinflussen.

Zum Raucher wird man geboren - zumindest teilweise: Auf 50 bis 75 Prozent schätzen Forscher den Einfluss des Erbguts. Den Rest machen Umweltbedingungen wie Stress oder Negativ-Vorbilder aus. Die in der Studie untersuchten TPH-Gene sind wichtig für die Produktion des Hirnbotenstoffs Serotonin. Diese Substanz spielt bei emotionalen und kognitiven Prozessen eine wichtige Rolle. Serotonin-Mangel wird mit Depressionen oder Angsterkrankungen in Verbindung gebracht. Er gilt aber auch als Risikofaktor für eine Drogensucht. Auch unter Nikotinentzug verringert sich der Serotonin-Spiegel im Gehirn; gleichzeitig sinkt die Stimmung. Die niedrigere Serotonin-Konzentration ist zudem für einen Nebeneffekt verantwortlich, den wohl jeder Raucher kennt, der schon einmal gegen seine Sucht gekämpft hat: Den erhöhten Appetit in der ersten Phase der Entwöhnung.

Verschiedene Studien berichten denn auch von einer Rolle des TPH1-Gens bei der Entstehung einer Nikotinabhängigkeit. "In jüngerer Zeit gab es an dieser Interpretation aber einige Kritik", erklärt der Bonner Psychologe Professor Dr. Martin Reuter. "Wir wollten diesen Befund daher noch einmal in einer breit angelegten Studie überprüfen." Zusätzlich nahmen die Forscher die erst 2003 entdeckte Erbanlage für TPH2 unter die Lupe. Sie steht ebenfalls als "Raucher-Gen" unter Verdacht.

... mehr zu:
»Raucher »TPH1-Gen »TPH2-Gen »Zigarette

Erbgutvariante macht stärker abhängig

Die Wissenschaftler werteten in ihrer Studie die anonymisierten Daten von mehr als 4.300 Deutschen aus. Darunter waren Raucher und Nichtraucher. Die Testpersonen hatten sich in den vergangenen Jahren für zwei unabhängige genetische Studien zur Verfügung gestellt. Die Teilnehmer der ersten Stichprobe waren im Schnitt 53 Jahre alt, die der zweiten erheblich jünger: Sie zählten im Mittel knapp 25 Lenze. TPH1-Daten gab es nur für diese jüngere Gruppe. "Probanden, bei denen das TPH1-Gen an einer bestimmten Stelle verändert war, griffen tatsächlich signifikant häufiger zur Zigarette", bestätigt Reuter das Ergebnis vorheriger Studien. Unter Rauchern war diese Erbgut-Änderung 10 Prozent häufiger als unter Nichtrauchern. Die Betroffenen gaben überdies im Schnitt eine stärkere Nikotinabhängigkeit zu Protokoll.

Komplizierter sind die Befunde zum TPH2-Gen. "Der Austausch eines einzigen Bausteins in dieser Erbanlage führt dazu, dass die Betroffenen deutlich früher mit dem Rauchen beginnen", erläutert der Psychologe. Doch so einfach, wie es sich anhört, ist die Sache nicht: Denn in der "älteren" Gruppe war dieser Effekt lediglich bei Frauen statistisch signifikant. Sie griffen im Schnitt bereits mit 19,8 Jahren zu ihrem ersten Glimmstengel - bei Raucherinnen mit unverändertem TPH2-Gen lag das Einstiegsalter bei 20,7 Jahren. Ganz anders in der jüngeren Gruppe: Hier machte sich der "TPH2-Effekt" lediglich bei den Männern bemerkbar. Sie begannen durchschnittlich drei Jahre früher zu rauchen, wenn sie Träger der Genvariante waren.

Entspannte Frauen, gestresste Männer

Träger eines veränderten TPH2-Gens sind laut Studien im Schnitt ängstlicher als Vergleichspersonen. Das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum die Betroffenen eher zur Zigarette greifen: Angst und Unsicherheit als wichtige Auslöser für Drogenmissbrauch. Stress scheint diesen Effekt noch zu verstärken. "Die Raucher aus der älteren Gruppe sind oft schon seit den 50er Jahren nikotinabhängig", erklärt Professor Reuter. "Damals lastete auf Frauen ein viel größerer gesellschaftlicher Druck als heute, sich rollenkonform zu verhalten - mehr Stress, wenn man so will. Unter diesen Bedingungen wirkte sich die TPH2-Variante bei ihnen eventuell viel stärker aus als bei Männern." Heute seien es dagegen vielleicht eher die Männer, die mit ihrer veränderten Rolle zu kämpfen hätten, spekuliert Reuter. Das würde erklären, warum der Buchstabentausch im TPH2-Gen jetzt vor allem beim starken Geschlecht Wirkungen zeige.

Kontakt:
Professor Dr. Martin Reuter
Institut für Psychologie der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-4399
E-Mail: martin.reuter@uni-bonn-diff.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Berichte zu: Raucher TPH1-Gen TPH2-Gen Zigarette

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neurorehabilitation nach Schlaganfall: Innovative Therapieansätze nutzen Plastizität des Gehirns
25.09.2017 | Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

nachricht Die Parkinson-Krankheit verstehen – und stoppen: aktuelle Fortschritte
25.09.2017 | Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungen

Posterblitz und neue Planeten

25.09.2017 | Veranstaltungen

Hochschule Karlsruhe richtet internationale Konferenz mit Schwerpunkt Informatik aus

25.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Hochvolt-Lösungen für die nächste Fahrzeuggeneration!

25.09.2017 | Seminare Workshops

Seminar zum 3D-Drucken am Direct Manufacturing Center am

25.09.2017 | Seminare Workshops