Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Charite: Der erste erwachsene Patient Deutschlands durch Flüssigkeitsbeatmung gerettet

12.09.2000


An der Charité ist ein 47 Jahre alter Mann als erster erwachsener Patient Deutschlands mit Hilfe der sogenannten "partiellen Flüssigkeitsbeatmung" gerettet worden. Im Zusammenhang mit einer
laparoskopischen Gallenblasenoperation, der er sich in einem auswärtigen Krankenhaus unterzogen hatte, geriet der Patient in einen Schock mit akutem Lungenversagen (ARDS = adult respiratory distress syndrom). Bei diesem Zustand ist der Gasaustausch (die Aufnahme von Sauerstoff und die Abgabe von Kohlendioxyd) extrem eingeschränkt und der Patient leidet an schwerster Atemnot, weswegen er in die "Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin" der Charité (Direktor Professor Dr. Konrad Falke) verlegt wurde. Hier wird seit Jahren in der Arbeitsgruppe von Oberarzt und Privatdozent Dr. Udo Kaisers eine neue Behandlungsform des akuten Atemnotsyndroms erforscht, nämlich die "partielle Flüssigkeitsbeatmung".

Das Konzept der Flüssigkeitsbeatmung wurde in den 60ger Jahren in den USA entwickelt. In Erinnerung daran, daß die Lunge des Menschen, solange er im Mutterleib wächst, mit Flüssigkeit gefüllt ist, was ihr offenbar nicht schadet, wurde postuliert, daß der Gasaustausch (Sauerstoff/Kohlendioxyd) auch über Flüssigkeiten möglich sein müßte, die mit Sauerstoff angereichert in die Lungen gefüllt würden. Zunächst lächelte die Fachwelt, was sich änderte, als eine Maus demonstriert wurde, die in einem flüssigkeitsgefülltem Gefäß nicht etwa ertrank, sondern ohne Zeichen von Atemnot unter der Oberfläche schwamm. Des Rätsels Lösung: Die Flüssigkeit gehörte zu den farb- und geruchlosen sogenannten Perfluorkarbonen (PFC), Kohlenwasserstoffverbindungen, die Atemgase wie Sauerstoff und Kohlendoxyd in hohem Maße aufnehmen können. Die Flüssigkeiten fanden deshalb alsbald großes Interesse bei Tauchern, beim Militär und in der Intensivmedizin. Für die Behandlung von Menschen ist schließlich im Jahre 1991 die sogenannte "partielle Flüssigkeitsbeatmung" entwickelt worden, die bei Neugeborenen, allerdings nur in den USA, schon mehrere hundert Mal, bei Erwachsenen jedoch erst in Einzelfällen angewendet worden ist. Der Kranke in der Charité wird im Rahmen der ersten internationalen (Phase III) Studie behandelt, die zum Ziel hat, die "partielle Flüssigkeitsbeatmung" beim Erwachsenen mit akutem Lungenversagen zu erproben.

Bei der Flüssigketsbeatmung werden speziell für medizinische Zwecke geeignete Perfluorkarbone (PFC) in die Lungen gefüllt. (In Berlin wurde "Liquivent" der amerikanischen Firma "Alliance" aus San Diego verwendet.) Da die PFC doppelt so schwer wie Wasser sind, erweitern sie allein durch ihr Gewicht das System der Lungenbläschen. Die Ausgangsmenge am PFC betrug bei dem großen und schweren Patienten der Charité etwa anderthalb Liter. Die Flüssigkeit verteilte sich auf etwa drei Viertel der Lungen des auf dem Rücken gelagerten Mannes. Ein Standard-Beatmungsgerät sorgt für den Gasaustausch. Da Perfluorkarbone flüchtig sind (der Patient atmet sie ab) muß laufend nachgefüllt werden. Die benötigte Menge richtet sich nach dem Ausmaß des Atemvolumens pro Minute. Der Charité-Patient verbrauchte 50 bis 60 ml pro Stunde. Damit konnte die Sauerstoffversorgung des gesamten Körpers gesichert werden. Vorteilhaft für die erkrankte Lunge ist außerdem, daß die maschinelle Beatmung bei der partiellen Flüssigkeitsbeatmung mit weitaus geringeren Drücken auskommt als die Standard-Überdruckbeatmung, die bisher beim Atemnotsyndrom eingesetzt wird.
Insgesamt ist der Patient fünf Tage lang mit dem neuen Verfahren behandelt worden. Zusätzlich waren andere intensivmedizinische Maßnahmen notwendig, vor allem die Nieren-Dialyse. Erfahrungsgemäß stellt sich aber die Nierenfunktion nach zwei bis drei Wochen vollständig wieder her, wenn ein Mensch das akute Atemnotsyndrom übersteht. Am vierten Tag der Behandlung begann der Berliner Patient allmählich selbstständig zu atmen. Inzwischen konnte er von der Beatmung vollständig "entwöhnt"werden und sitzt zeitweilig im Lehnstuhl. Sobald die Dialyse beendet sein wird, kann er entlassen werden.
Silvia Schattenfroh

Anmerkung:
Photos des Patienten und der Maus, die in Perfluorkarbon schwimmt, können digital zur Verfügung gestellt werden.

____________________________________________________________

Charité
Medizinische Fakultät der
Humboldt Universität zu Berlin

Dekanat
Pressereferat-Forschung
Dr. med. Silvia Schattenfroh
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin

FON: (030) 450-70 400
FAX: (030) 450-70-940

e-mail: silvia.schattenfroh@charite.de

Dr. med. Silvia Schattenfroh |

Weitere Berichte zu: Atemnotsyndrom Flüssigkeitsbeatmung PFC Perfluorkarbon

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Methode der Eisenverabreichung
26.04.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Bestrahlung bei Hirntumoren? Eine neue, verlässlichere Einteilung erleichtert die Entscheidung
26.04.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie