Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schneller wieder richtig kauen mit "Satellitenimplantaten"

05.10.2000


Göttinger Zahnmediziner benutzen neues Verfahren zur Sofortbelastung dentaler Implantate

(ukg) Mit so genannten "Satellitenimplantaten", die erstmals unterhalb des Zahnfleisches eingesetzt werden, können Patienten nach Zahnverlusten schneller wieder normal kauen und die Kauflächen wie gewohnt sofort belasten. Zahnmediziner der Abteilung Zahnärztliche Chirurgie der Universität Göttingen - Bereich Humanmedizin haben unter Leitung von Professor Wilfried Engelke ein neues Verfahren entwickelt, um eine Sofortbelastung nach Einsatz der Implantate zu gewährleisten. Die konventionellen Implantate werden dabei als so genannte Zentralimplantate bezeichnet. Ihre Aufbauteile - und das ist die Innovation - werden über kleine Mikroplatten, die unterhalb des Zahnfleisches verlaufen, mit zusätzlichen Halteschrauben im Knochen verankert. Somit wird eine wesentlich bessere Verankerung erreicht, die eine sofortige funktionelle Belastung ermöglicht. Diese zusätzlichen Halteelemente in Form von speziellen Schrauben werden auch als Satellitenimplantate bezeichnet. Um diese Ausführungsform der Implantate einzusetzen, ist ein vergleichsweise geringer chirurgischer Aufwand notwendig. Vor allem Patienten mit insgesamt schlechten Voraussetzungen zur Implantation kann so geholfen werden. Außerdem wird auch für die Einheilungszeit der Implantate kein herausnehmbarer Zahnersatz mehr notwendig. Die Zahnmediziner stellen das neue Verfahren am 13. Oktober 2000 auf dem International Congress of Oral Implantology (ICOI), dem Weltkongress der Deutschen Gesellschaft für zahnärztliche Implantologie (DGZI), in Berlin vor.

Zahnimplantate sind eingepflanzte Teile zum Ersatz von Zahnwurzel und Zahnkrone. Sie benötigen nach herrschender Lehrmeinung normalerweise eine Einheilungszeit von drei Monaten im Unterkiefer und etwa vier bis sechs Monaten im Oberkiefer, um voll belastet werden zu können. Diese Empfehlung stammt aus den 60er Jahren. Bereits in den 70er und 80er Jahren konnten dentale Implantate nur unter besonders günstigen Bedingungen ohne Einhaltung einer entsprechenden Einheilzeit sofort belastet werden. Zum Beispiel, wenn im Unterkiefer vier Implantate über einen Steg miteinander verbunden und somit starr verblockt werden konnten. Diese Verbindung schützte einzelne Implantate vor Überlastung. Die Neuentwicklung aus der Abteilung zahnärztliche Chirurgie (Leiter: Professor Dr. mult. Hans Georg Jacobs) erlaubt jetzt eine Sofortbelastung von herkömmlichen Dentalimplantaten nicht mehr unter günstigen knöchernen Voraussetzungen im Unterkiefer sondern auch bei vielen anderen Indikationen. Im Prinzip ist dabei das Implantat an den prothetisch erforderlichen Ort einzusetzen und die Funktionsstabilität durch sichere Verankerung des Implantates im kompakten oberflächlichen Teil des Kieferknochens, der so genannten Kortikalis, zu erzielen.

Die neu hergestellten Verbindungsvorrichtungen bestehen aus Titan und sind kleinen aus der Unfallchirurgie bekannten Knochenplatten sehr ähnlich. Das Zentralimplantat und die Satellitenimplantate zusammen haben dabei eine Stabilität, die derjenigen von mehreren Zahnimplantaten in einem konventionellen Brückenverbund vergleichbar ist. Aufgrund ihrer kleinen Dimensionierung sind Satellitenimplantate auch in anatomisch sehr engen Räumen, wie zum Beispiel Zahnzwischenräumen, anzubringen. Da sie nur im kompakten Knochen und nicht im Knochenmarkraum verankert werden, können sie im Unterkieferseitenzahngebiet auch dort angewendet werden, wo bisher in ungünstigen Situationen konventionelle Implantate aufgrund der Lage des Nervkanals nicht inseriert werden konnten. Auch im Oberkiefer bei schlechtem Knochenangebot ist prinzipiell durch die Verankerung durch Satellitenimplantate eine Sofortbelastung möglich.

Der chirurgische Aufwand für die Verwendung von Satellitenimplantaten ist vergleichsweise gering. Da das Zahnfleisch in der Umgebung des Zentralimplantats vom Knochen abgelöst werden muss, liegt die nutzbare Knochenoberfläche ja ohnehin frei. Die Anpassung der Verbindungsteile an die Knochenoberfläche und das Einbringen der Satellitenimplantate dauert in der Regel pro Implantat weniger als fünf Minuten. Wird intraoperativ eine ausreichende Stabilität erzielt, erhält der Patient am selben Tag eine funktionell und ästhetisch angemessenen provisorischen Zahnersatz. Nach der Einheilzeit von drei beziehungsweise vier bis sechs Monaten im Unter- beziehungsweise Oberkiefer muss man die Satellitenimplantate sowie die Verbindungsteile wieder entfernen und anschließend einen definitiven Zahnersatz eingliedern. In besonderen Situationen können die Satellitenimplantate aus Titan jedoch auch dauerhaft belassen werden.

Im Zusammenarbeit mit der Abteilung Prothetik (Leiter: Professor Dr. Dr. Alfons Hüls) wird das Verfahren derzeit insbesondere zur Versorgung der isolierten Zahnlücke, zur Versorgung der einseitig verkürzten Zahnreihe sowie zur Versorgung des zahnlosen Unterkiefers angewandt. In diesem Zusammenhang wird insbesondere auch geprüft in welchen klinischen Situationen nach dem Einbringen sofortbelastbarer Implantate auch definitive Formen des Zahnersatzes eingegliedert werden können.

Weitere Informationen:

Georg-August-Universität Göttingen - Bereich Humanmedizin
Abteilung Zahnärztliche Chirurgie
Prof. Wilfried Engelke
Robert-Koch-Str. 40
37075 Göttingen
Tel. 0551/39-2868

Rita Wilp | idw

Weitere Berichte zu: Implantat Satellitenimplantat Zahnersatz Zahnmedizin

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

nachricht Künftige Therapie gegen Frühgeburten?
19.07.2017 | Universitätsspital Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Im Focus: Das Proton präzise gewogen

Wie schwer ist ein Proton? Auf dem Weg zur möglichst exakten Kenntnis dieser fundamentalen Konstanten ist jetzt Wissenschaftlern aus Deutschland und Japan ein wichtiger Schritt gelungen. Mit Präzisionsmessungen an einem einzelnen Proton konnten sie nicht nur die Genauigkeit um einen Faktor drei verbessern, sondern auch den bisherigen Wert korrigieren.

Die Masse eines einzelnen Protons noch genauer zu bestimmen – das machen die Physiker um Klaus Blaum und Sven Sturm vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

Technologietag der Fraunhofer-Allianz Big Data: Know-how für die Industrie 4.0

18.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Pharmakologie - Im Strom der Bläschen

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Verbesserung des mobilen Internetzugangs der Zukunft

21.07.2017 | Informationstechnologie

Blutstammzellen reagieren selbst auf schwere Infektionen

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie