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Motorische Aufgaben erfordern im Alter mehr Konzentration

16.04.2002


Die Kunst, mit den eigenen Grenzen zu leben -
Studien aus dem sensomotorischen Labor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin zeigen: Mit zunehmendem Alter erfordert das Halten des körperlichen Gleichgewichts mehr Aufmerksamkeit und kognitiven Einsatz als in jungen Jahren. Ältere Menschen, die dies rechtzeitig erkennen, können nicht nur Stürze besser vermeiden, sondern auch sicherstellen, dass ihr "Intelligenzkonto" für andere Denkleistungen möglichst groß bleibt.

"Wenn ich aus meinem Sessel aufstehe, muss ich mich einen Moment ganz darauf konzentrieren. Während dieser Zeit bleiben meine anderen Denkvorgänge quasi stehen. Früher hätte ich dagegen sicher nie einen Gedanken an so etwas Selbstverständliches wie das Aufstehen verschwendet," sagt Professor Paul Baltes und schildert damit ein Phänomen, das viele ältere Erwachsene an sich selbst beobachten können. Im Forschungsbereich "Entwicklungspsychologie der Lebensspanne" am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) in Berlin untersuchen Baltes, Dr. Ralf Krampe und ihre Mitarbeiter, wie Menschen ihre Aufmerksamkeit verteilen, wenn sie gleichzeitig mehrere Aufgaben bewältigen müssen. Diese Aufmerksamkeitsverteilung verändert sich im Lauf des Lebens. Baltes erklärt dies mit der Metapher des Intelligenzkontos: Mit dem Alter schrumpft das Guthaben auf diesem geistigen Konto insgesamt, doch außerdem beanspruchen motorische Aufgaben zunehmend mehr kognitive Kapazitäten. Aus diesem Grund stehen für gleichzeitig mit der Motorik stattfindende geistige Leistungen weniger Ressourcen zur Verfügung.

Das Alter ist gewöhnlich von deutlichem Nachlassen der Sehschärfe, des Gehörs und des Gleichgewichtssinns begleitet und zwischen diesen sensomotorischen Funktionen und der Intelligenz besteht in der Regel auch ein enger Zusammenhang. Dies zeigte bereits die großangelegte Berliner Altersstudie unter der Federführung des MPIB in Berlin und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Doch ob Motorik und Intelligenz gemeinsam durch den Alterungsprozess des Gehirns leiden oder ob bei nachlassenden Sinneskräften das Intelligenzkonto stärker durch die Bewahrung des Gleichgewichts belastet wird, blieb unklar und wird nun mit neuen Experimenten im sensomotorischen Labor am MPIB ermittelt.

In diesem Labor arbeitet der Psychologe Krampe mit zahlreichen freiwilligen Teilnehmern, von jungen Studenten bis zu hochbetagten Menschen, und misst, wie ihre motorischen und kognitiven Leistungen abnehmen, wenn die Probanden gleichzeitig motorische und geistige Aufgaben bewältigen müssen. An der jüngsten Versuchsreihe nahm auch eine Gruppe von Alzheimer-Patienten zwischen 60 und 80 Jahren teil, die von dem Mediziner Michael Rapp im Rahmen seiner Doktorarbeit betreut wurden. Die Anforderungen waren hoch: Versuchsteilnehmer mussten beispielsweise auf einer wackelnden Plattform ständig ihr Gleichgewicht austarieren und sich gleichzeitig eine Zahlenfolge einprägen. Oder sie mussten so schnell wie möglich einen engen, gewundenen Parcours entlang laufen, während sie Wörter erinnerten oder Rechenaufgaben lösten.

Bei beiden Gruppen wurde die Gedächtnisleistung im Sitzen und beim Laufen oder Balancieren gemessen. Wie erwartet fiel es jüngeren Personen deutlich leichter als den Älteren, beide Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, denn bei dieser Altersgruppe ist die Motorik hochgradig automatisiert und beansprucht das Intelligenzkonto kaum. Frühere Studien aus dem Labor von Paul Baltes hatten bereits ergeben, dass junge Menschen in ihrer Gedächtnisleistung während des Laufens um etwa 25 % nachlassen, während ältere Versuchspersonen fast 40 % weniger Worte erinnern, wenn sie währenddessen auch noch gehen müssen. Sowohl die jüngeren als auch die älteren Teilnehmer liefen den Weg um etwa 15 % langsamer, wenn sie mit Gedächtnisaufgaben beschäftigt wurden. Beim Gehen trugen die Versuchspersonen speziell entwickelte Sensorhandschuhe, die bei jedem stützenden Griff zum Geländer ein Signal gaben, auch die Zahl der Fehltritte wurde genau gemessen.
Die Ergebnisse zeigen, dass ältere Menschen ihr Intelligenzkonto tatsächlich vorwiegend mit der motorischen Aufgabe belasten und dadurch schlechtere Leistungen bei der Gedächtnisaufgabe erzielen. Dies sei gut nachvollziehbar und sozusagen adaptiv, sagt Ralf Krampe. Denn dadurch kompensieren sie altersbedingte Schwächen wie die nachlassende Sehschärfe, die beispielsweise auch für die Orientierung im Raum und damit den Gleichgewichtssinn wichtig ist, sowie ihre abnehmende Muskelkraft und die geringere Beweglichkeit. Außerdem ist es für Ältere viel gefährlicher, einen Sturz zu riskieren. Indem sie sich bei Doppelanforderungen stärker auf die körperliche Aktivität konzentrieren, vermeiden sie Stürze.
Wie die neuesten Studien aus dem Labor belegen, können Menschen auch gezielt entweder der motorischen Aufgabe oder der mentalen Aufgabe mehr Aufmerksamkeit widmen. Viele ältere Menschen wählen für geistige Aufgaben eine stabile, ruhende Position, damit ihnen genügend Ressourcen ihres Intelligenzkontos zur Verfügung stehen. Bei Doppelanforderungen sind ältere Menschen jedoch weniger flexibel in der Verteilung ihrer Intelligenzressourcen als jüngere, weil sie dazu tendieren, ihr Gleichgewicht zu schützen. Alzheimerpatienten gelingt dies allerdings weniger gut als gesunden Menschen gleichen Alters, zeigt die Studie ebenfalls. Alzheimerkranke stürzen rund dreimal häufiger als gesunde Menschen gleichen Alters. "Alzheimerkranke können ihre Aufmerksamkeit nur schwer gezielt einsetzen" vermutet Krampe. Dieses psychologische Handicap passt zu Erkenntnissen der medizinischen Forschung, nach denen die Alzheimerdemenz bereits im Frühstadium durch einen Mangel des Botenstoffes Acetylcholin gekennzeichnet ist. Dieser Botenstoff ermöglicht die synaptischen Verbindungen zwischen dem vorderen Stirnhirn, wo die Kontrollfunktionen verankert sind, und den Basalganglien, die die Motorik steuern. Der Mediziner Michael Rapp sieht die Ergebnisse der sensomotorischen Studie als weiteren Beleg dafür, dass Alzheimerkranke von Medikamenten profitieren, die den Botenstoff Acetylcholin verstärken.
Die Ergebnisse der Studie können auch in die Entwicklung neuer Trainingsprogramme für Alzheimerpatienten einfließen, um ihre vorhandenen Kompetenzen länger zu erhalten. "Ablaufschemata für häufige Tätigkeiten könnten das Sturzrisiko senken", meint Rapp. Allerdings warnt er davor, die Patienten mit zu hohen Anforderungen zu frustrieren. Gesunde Menschen können dagegen auch noch im hohen Alter sowohl ihren Gleichgewichtssinn als auch bestimmte geistige Fähigkeiten trainieren und auch die Fähigkeit verbessern, zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Je fitter ältere Menschen im körperlichen Bereich sind, je besser sie sehen, hören und das Gleichgewicht halten können, desto größere Anteile ihres Intelligenzkontos stehen ihnen für andere Tätigkeiten zur Verfügung, fasst Baltes die Ergebnisse zusammen.

Dr. Antonia Rötger | idw

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