Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Psychotherapie gegen Magersucht

15.10.2007
"Magersucht ist eine sehr ernste psychische Erkrankung", warnt Prof. Dr. Martina de Zwaan, Leiterin der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung des Universitätsklinikums Erlangen und Sprecherin des bundesweiten Forschungsverbundes zur Psychotherapie von Essstörungen.

"Jede fünfte Patientin stirbt an den Folgen der Erkrankung", so Prof. de Zwaan. Mit der weltweit ersten Multicenter-Studie zur ambulanten Therapie soll Betroffenen mit Anorexia nervosa frühzeitig und wirksam geholfen werden. Die Studie, die neben Erlangen an bundesweit acht weiteren Zentren gestartet ist, wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit über eine Million Euro bis Ende 2009 gefördert.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass fast jedes dritte Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren Auffälligkeiten im Essverhalten zeigt. Die Magersucht selbst stellt die gefährlichste Form von Essstörungen dar. Charakteristisch für diese Erkrankung ist ein ausgeprägtes, selbst herbeigeführtes Untergewicht. In Deutschland wird die Anorexia nervosa standardmäßig nach Richtlinienpsychotherapie behandelt. "Dies stellt eine gute Grundversorgung dar, aber Langzeituntersuchungen zeigen, dass es oft Schwierigkeiten bei der Genesung und Erkrankungsrückfälle gibt", erläuterte Prof. de Zwaan. Sie gehe davon aus, dass zwei spezifische Psychotherapieverfahren günstigere Erkrankungsverläufe und Therapieergebnisse erzielen.

Ziel der jetzt gestarteten groß angelegten Psychotherapiestudie ist es, die Wirksamkeit der beiden spezifischen Psychotherapieverfahren "kognitive Verhaltenstherapie" und "fokal psychodynamische Psychotherapie" im Vergleich zur bisher üblichen Standardbehandlung zu überprüfen. Das Hauptaugenmerk ist dabei auf die Gewichtsentwicklung (Body Mass Index, BMI) während des Therapieverlaufs gerichtet.

... mehr zu:
»Anorexia »FPT »KVT »Magersucht »Psychotherapie

Für Betroffene ab 18 Jahren und BMI zwischen 15 und 18,5, die an der kostenlose Studie teilnehmen wollen, wurde am Uni-Klinikum Erlangen eine Hotline eingerichtet unter Tel: 09131/85-35927. Weitere Infos unter http://www.psychosomatik.uk-erlangen.de.

Prognose für Genesung bei Magersucht ist bislang schlecht

Die Magersucht selbst kommt zwar relativ selten vor (0,7 Prozent der Mädchen und 0,1 Prozent bei Jungen), aber die Prognose für eine vollständige Genesung ist schlecht. Nur zwischen 30 und 50 Prozent der Erkrankungen können vollständig geheilt werden. 20 Prozent der Betroffenen entwickeln eine chronische Form der anorektischen Symptomatik und bis zu ca. 20 Prozent versterben an den Folgen der Erkrankung. "Die Mangel- und Fehlernährung schlägt sich somit in der höchsten Todesrate aller psychisch bedingten Erkrankungen nieder und geht außerdem mit vielen ernsten körperlichen Komplikationen einher", sagte Prof. de Zwaan.

Der Gewichtsverlust wird meist durch eingeschränkte Nahrungsaufnahme, aber auch durch übermäßige sportliche Aktivität, selbst ausgelöstes Erbrechen oder den Gebrauch von Abführmitteln, harntreibenden Medikamenten (Diuretika) oder Appetitzüglern erreicht. Betroffene haben Angst vor einer Gewichtssteigerung und ihre Wahrnehmung der eigenen Figur ist gestört (Körperschemastörung). Der Körper wird trotz deutlicher Abmagerung als zu dick empfunden. Das Ausbleiben der Monatsblutung bei Frauen (Amenorrhoe) ist ebenfalls eine Folgeerscheinung der drastischen Gewichtsreduktion. Weitete typische Nebenwirkungen des gestörten Essverhaltens sind trockene Haut, Haarausfall, Veränderungen im Hormonhaushalt, Nieren- und Magen-Darm-Probleme, ein Absinken des Blutdrucks und Herzrhythmusstörungen. Besonders schwerwiegend sind die Veränderungen der Elektrolytwerte im Blut. Neben den körperlichen Folgen leiden Betroffene häufig noch an weiteren psychischen Störungen wie Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, Substanzmissbrauch sowie Persönlichkeitsstörungen, die eine erfolgreiche Behandlung erschweren.

Bisher gibt es keine größeren standardisierten Studien, die die Wirksamkeit spezifischer ambulanter Psychotherapieverfahren bei Anorexia nervosa untersucht haben. Dadurch ergibt sich die momentane Einzigartigkeit des Projektes. Die Studie wird seit Sommer 2007 bundesweit an Instituten in Bochum, Erlangen, Essen, Heidelberg, München, Münster, Tübingen, Freiburg, Ulm durchgeführt.

Vielversprechende Alternativen zur Standardtherapie

Die gesamte Dauer der Studie liegt zwischen 13 und 15 Monaten. Es sollen insgesamt 237 Teilnehmerinnen für die Studie gewonnen werden. Die Patientinnen werden zunächst sorgfältig über die Studie informiert. Es wird eine ausführliche Diagnostik zur Überprüfung der Ein- und Ausschlusskriterien durchgeführt. Sollten alle Bedingungen erfüllt sein, erfolgt die zufällige Zuteilung zu einer der drei Studienbedingungen "kognitive Verhaltenstherapie" (KVT), "fokal psychodynamische Psychotherapie" (FPT) und der üblichen Standardbehandlung "Treatment as usual" (TAU).

Für die Durchführung der beiden spezifischen Behandlungsverfahren KVT und FPT wurden in Zusammenarbeit mit Essstörungsexperten spezifische Behandlungsmanuale entwickelt. Die KVT bei Magersucht hat zwei Schwerpunkte: Zum einen zielt sie auf die Normalisierung des Essverhaltens und die damit verbundene Gewichtssteigerung bzw. Stabilisierung an, zum anderen werden assoziierte Problembereiche der Essstörung, wie z. B. mangelnde soziale Kompetenzen oder geringe Konflikt- und Problemlösefähigkeiten, bearbeitet. Die FPT hingegen konzentriert sich auf die Bearbeitung von ungünstigen Beziehungsgestaltungen und die Beeinträchtigung der Emotionsverarbeitung. Von besonderer Bedeutung für den Behandlungserfolg wird hierbei die Arbeitsbeziehung zwischen Therapeut und Patient angesehen.

Die beiden spezifischen Interventionen KVT und FPT umfassen jeweils 40 ambulante Einzelsitzungen über einen Zeitraum von ca. zehn Monaten. Die jeweilige Therapie wird nach vorgegebenen therapeutischen Richtlinien durchgeführt. Die Kosten für die Behandlung werden nicht wie bei der Standardbehandlung (TAU) über die Krankenkasse abgerechnet, sondern durch die Bundesforschungsministeriums-Förderung finanziert. Im Rahmen der Standardbehandlung werden die Teilnehmerinnen ausführlich über die allgemeinen ambulanten Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt, und es werden ihnen verschiedene Kontaktstellen für die Therapeutensuche vermittelt. Den Kontakt zu den verschiedenen Angeboten müssen die Patientinnen entsprechend der derzeitigen Versorgungssituation selbst herstellen.

Parallel zum therapeutischen Geschehen wird bei allen drei Behandlungsarmen zu mehreren Zeitpunkten (4 Monate bzw. 24. Sitzung, 10 Monate bzw. Therapieende, 13 Monate bzw. 3 Monate nach Therapieende) eine Verlaufsdiagnostik vorgenommen.

Eine Studienteilnahme ist nicht möglich bei aktuellem Missbrauch psychotroper Substanzen, regelmäßiger Einnahme von Neuroleptika, schweren psychiatrischen Erkrankungen und akuter Suizidalität. Als weitere Ausschlusskriterien gelten primär somatische Erkrankungen als Ursache des Untergewichts, schwerwiegende medizinische Komplikationen und Schwangerschaft. Auch eine bereits laufende Psychotherapie schließt die Teilnahme an der Studie "Anorexia nervosa treatment of our patients" (ANTOP) aus.

Weitere Informationen für die Medien:

Prof. Dr. Martina de Zwaan
Tel.: 09131/85-35928
martina.dezwaan@uk-erlangen.de

Ute Missel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-erlangen.de/

Weitere Berichte zu: Anorexia FPT KVT Magersucht Psychotherapie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Erste Verteidigungslinie gegen Grippe weiter entschlüsselt
21.02.2018 | Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

nachricht Neue Behandlung mit Immunglobulinen hilft gegen Entzündung der weißen Hirnsubstanz bei Kindern
21.02.2018 | Universität Witten/Herdecke

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Kameratechnologie in Fahrzeugen: Bilddaten latenzarm komprimiert

21.02.2018 | Messenachrichten

Mit grüner Chemie gegen Malaria

21.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Periimplantitis: BMBF fördert zahnärztliches Verbund-Projekt mit 1,1 Millionen Euro

21.02.2018 | Förderungen Preise

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics