Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Knoblauch - nicht nur gut gegen Vampire

23.06.2000


Bonner Wissenschaftler spüren Wirkstoffe auf

Knoblauch - mit wissenschaftlichem Namen Allium sativum - findet seit Menschengedenken als Heilpflanze Verwendung. Sowohl die alten Ägypter, Griechen und Römer als auch die Inder und Chinesen waren mit der heilenden Wirkung dieses Lauchgewächses vertraut. Knoblauch gilt als Kulturpflanze, deren Ursprung im asiatischen Raum vermutet wird. Durch Züchtungen, die bis in Zeit um 2000 vor Christi Geburt zurückreichen, wurde der Knoblauch in seiner heutigen Form durch menschlichen Einfluß hervorgebracht. Es ist jedoch nicht mehr genau nachvollziehbar, welche Wildarten in den Knoblauch eingeflossen sind. Ein Team von Bonner Wissenschaftlern aus dem Institut für Pharmazeutische Biologie spürt nun mit Hilfe eines "Biosensors" die Substanzen auch in anderen Laucharten auf, die für die Heilwirkung des Knoblauchs verantwortlich sind. Einen ersten Erfolg verbuchten die Forscher mit einer Lauchart aus Osteuropa, die sogar deutlich höhere Mengen der gesuchten Stoffe enthält.

Trotz der langen Tradition wurde Knoblauch erst 1998 in das Europäische Arzneibuch aufgenommen. Für die Therapie am Menschen ist die positive Wirkung auf das Herz-Kreislaufsystem unumstritten. Dabei ist die antiatherosklerotische Wirkung hervorzuheben. Ebenso zeigt Knoblauch bei erhöhten Blutfettwerten eine lipidspiegelsenkende Wirkung. Nachweislich wird auch die Verklumpung der Blutplättchen gehemmt. Eine blutdrucksenkende Wirkung des Knoblauchs ist in der Diskussion.

Weiterhin gibt es Hinweise darauf, daß Knoblauch ein hohes antioxidatives Potential hat und somit Krebserkrankungen vorbeugen kann. Durch umfassende Untersuchungen konnte gezeigt werden, daß in solchen Gebieten, in denen Knoblauch zur täglichen Nahrung gehört, bestimmte Krebsformen des Magen-Darmtraktes mit einer deutlich verringerten Häufigkeit auftreten. Zudem tötet zerkleinerter Knoblauch in gewissem Umgang Bakterien ab und kann daher als "natürliches Antibiotikum" bezeichnet werden.

Die heilbringenden Wirkungen des Knoblauchs werden im Wesentlichen auf die schwefelhaltigen Inhaltsstoffe dieser Pflanze zurückgeführt. Die Chemie dieser Substanzklasse ist jedoch äußerst komplex. Wird eine Knoblauchzehe zerkleinert, so wird eine geruchlose, schwefelhaltige Substanz, die den Namen "Alliin" trägt, durch das Enzym "Alliinase" in das geruchsintensive "Allicin" umgewandelt, das für viele der oben aufgeführten Wirkungen verantwortlich ist.

Leider sind die schwefelhaltigen Verbindungen des Knoblauchs recht instabil. Dies führt dazu, daß verschiedene Knoblauch-Zubereitungsformen, die als pflanzliche Arzneimittel angeboten werden, kaum miteinander vergleichbar sind. Frischer Knoblauch oder Präparate, die Knoblauchpulver enthalten, wie zum Beispiel Knoblauchdragees, gelten in Westeuropa als die wirkungsvollsten Darreichungsformen. So konnte in der Arbeitsgruppe von Dr. Michael Keusgen am Institut für Pharmazeutische Biologie der Universität Bonn gezeigt werden, daß das Spektrum an schwefelhaltigen Inhaltsstoffen in frischem Knoblauch sowie in Knoblauchdragees vergleichbar ist. Selbst das Enzym Alliinase, welches für die Entfaltung der meisten Knoblauch-Wirkungen ebenfalls wichtig ist, übersteht den Herstellungsprozeß der Dragees nahezu unbeschadet.

Frischer Knoblauch-Preßsaft ist sehr instabil und enthält nach wenigen Tagen größere Mengen an Sulfiden, die sich auch im Knoblauch-Öl aufspüren lassen. Diese ausgesprochen geruchsintensiven Substanzen sind zwar nicht wirkungslos, haben aber auf das Herz-Kreislaufsystem eine deutlich schwächere Wirkung als frischer Knoblauch oder Knoblauch-Dragees.

Nicht nur Knoblauch, sondern auch Wildarten wie der sogenannte "Bärlauch" (Allium ursinum) weisen große Mengen der wertvollen Schwefelverbindungen auf und können neben der Verwendung als Gewürz auch als Heilpflanze eingesetzt werden. Ermuntert durch diese Ergebnisse hat sich das Forscherteam in Zusammenarbeit mit dem Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK), Gatersleben, das Ziel gesetzt, sämtliche wilde Laucharten auf ihren therapeutischen Nutzen hin zu bewerten. Die Zahl dieser Arten wird auf etwa 800 geschätzt, wobei 400 in der weltweit größten Lauchsammlung des IPK vorrätig sind.

Um diese Aufgabe bewältigen zu können, die normalerweise mehrere "Forscherleben" dauern würde, kommt ein sogenannter "Biosensor" zum Einsatz, der von Wissenschaftlern der Universität Bonn speziell für diese Anwendung entwickelt wurde und vollautomatisch arbeitet. Damit ist es möglich, das Forschungsvorhaben innerhalb der kommenden drei Jahren abzuschließen.

In ersten Untersuchungen konnte eine Lauchart aus Osteuropa mit dem botanischen Namen Allium obliquum aufgespürt werden, die eine deutlich höhere Menge an schwefelhaltigen Verbindungen als der Knoblauch aufweist. Interessanterweise wird diese Pflanze in einigen Regionen Rußlands volkstümlich wie Knoblauch verwendet, was aber westlichen Wissenschaftlern bisher entgangen ist. Zur Zeit wird geprüft, ob sich diese Art für einen feldmäßigen Anbau eignet oder sich durch gezielte Züchtung für einen solchen nutzbar machen läßt.

Ansprechpartner: Dr. Michael Keusgen, Institut für Pharmazeutische Biologie:
Tel.: (0228) 73 2676, oder (0228) 73 3194, Fax: (0228) 73 3250, e-mail: M.Keusgen@uni-bonn.de

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Brigitte Stahl-Busse |

Weitere Berichte zu: Biologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Tropenviren bald auch in Europa? Bayreuther Forscher untersuchen Folgen des Klimawandels
21.06.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften