Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Undeutliche Sprache, klarer Geist

23.08.2000


Mehr Aufklärung bei Erkrankungen des Nervensystems gefordert

Patienten mit schweren, das Nervensystem beeinträchtigenden fortschreitenden Krankheiten wie Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Chorea Huntington oder Heredo Ataxie werden im Zuge der Diagnosestellung zu selten darüber informiert, dass ihre Grunderkrankung häufig auch eine Sprechstörung nach sich zieht. So werden sie auch nicht über die Folgen aufgeklärt, die eine eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit für das Berufsleben, das Freizeitverhalten und die sozialen Kontakte - nicht zuletzt die Partnerschaft - haben kann. Das hat Dr. Barbara Giel in einer Studie festgestellt, die sie zusammen mit einer Gruppe junger Forscherinnen am Seminar für Sprachbehindertenpädagogik der Universität zu Köln durchgeführt hat.

Häufig ist zu beobachten, dass Menschen wegen einer grunderkrankungsbedingten undeutlichen Artikulation als betrunken oder geistig gestört eingeschätzt und entsprechend behandelt werden, obwohl sie in ihren intellektuellen Fähigkeiten keineswegs beeinträchtigt sind. Hier fehlt auch eine umfassende Aufklärung der Allgemeinheit. Zudem gibt es kaum Psychologen, die bereit sind, mit Patienten zu arbeiten, die starke Kommunikationsstörungen haben. Die Betroffenen sind also mit einer Fülle von Problemen konfrontiert, auf die sie kaum vorbereitet sind und für deren Bewältigung ihnen zu wenig therapeutische Unterstützung angeboten wird.

Die Untersuchung ergab, dass sich die Bewertung der Belastung durch die Sprechstörung im Zusammenhang mit der Grunderkrankung aus der Perspektive der Betroffenen anders darstellt als aus Expertensicht. So wird ein behandelnder Sprachtherapeut, der vor allem die vorhandene Kommunikationsstörung betrachtet, diese möglicherweise als belastender interpretieren als der Patient selbst. Dieser ist durch seine Grunderkrankung mit einer Fülle weiterer Probleme konfrontiert, die die Lebensqualität möglicherweise stärker einschränken als die Sprechstörung.

Die Bedeutung von Kommunikation ist zudem individuell verschieden und nicht mit objektiven Kriterien messbar. So wird die reduzierte Verständlichkeit von den Betroffenen als mehr oder weniger schlimm eingeschätzt, relativ unabhängig davon, ob sie einem klassischen Sprecherberuf wie Lehrer oder Geschäftsleiter angehören oder einen Beruf ausüben, in dem der Sprechanteil eher geringer ist, beispielsweise Maschinenschlosser oder Hausfrau. Es kann also sein, dass ein Patient seine Sprechstörung als wenig gravierend empfindet, weil sprachliche Kommunikation in seinem Leben keine herausragende Rolle gespielt hat oder auch, weil er hauptsächlich mit anderen, wesentlich massiveren Beeinträchtigungen zu kämpfen hat. Ein solcher Patient wird von der Notwendigkeit einer sprachtherapeutischen Behandlung nicht überzeugt sein und entsprechend schlecht mitarbeiten. Dadurch wird die Behandlung für den Patienten wie für den Therapeuten ermüdend und bleibt letztlich erfolglos.

Die genannten fortschreitenden Erkrankungen haben lange Krankheitsverläufe von bis zu dreißig Jahren, und Heilungschancen fehlen. Dennoch muss eine adäquate Therapie gewährleistet sein, damit das Leben mit der sich verändernden Situation für die Betroffenen lebbar und wertvoll bleibt. Um dabei den Aspekt der Kostenersparnis dennoch nicht aus den Augen zu verlieren, sollten alle therapeutischen Maßnahmen patientenorientiert geplant werden. Der einzelne Mensch mit seiner Grunderkrankung, den daraus resultierenden körperlichen, seelischen und sozialen Problemen und mit seinen ganz individuellen Bedürfnissen sollte - so Dr. Giel - im Mittelpunkt der Therapie stehen.

Die Betroffenen sind nicht nur mit dem Auftreten der Grunderkrankung oder mit der Verschlechterung ihrer Kommunikationsfähigkeit konfrontiert, sondern haben verschiedene, aber miteinander in Zusammenhang stehende kritische Lebensereignisse zu bewältigen, wie z.B. Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod, Aufgabe des Berufes, Verringerung des Einkommens, sinkender Sozialstatus, erkrankungsbedingte Veränderungen der Freizeitaktivitäten und Hobbys, Verringerung der Sozialkontaktdichte, Probleme mit dem Lebenspartner etc. Ein wichtiger Faktor im Umgang mit dieser Situation ist das Wechselspiel zwischen der Wahrnehmung von Bedrohung durch die Erkrankung und ihre Folgen und der Wahrnehmung der eigenen Möglichkeiten, die Situation zu bewältigen. Diese Beziehung verschiebt sich zum Positiven, je besser der Betroffene - möglichst schon vor Auftreten der Erkrankung - über die Krankheit und daraus resultierende Störungen informiert ist. Das Gefühl der Bedrohung, der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins wird dann schwächer zugunsten der Überzeugung, selber an der Aufrechterhaltung oder Wiedererlangung der eigenen Lebensqualität mitwirken zu können. Natürlich spielt auch die Unterstützung durch die Umwelt hierbei eine große Rolle, die ebenfalls umso mehr gewährleistet ist, je besser die Menschen über die entsprechenden Krankheitsbilder informiert sind. Deswegen plädiert die Kölner Sprachtherapeutin für eine bessere Aufklärung der Patienten im Zuge der Diagnosestellung. Das setzt auch einen guten Informationsstand der behandelnden Ärzte voraus. Daneben fordert sie öffentlichkeitswirksame Aufklärungskampagnen, wie sie in den letzten Jahren für die Früherkennung beim Schlaganfall bereits erfolgreich durchgeführt worden sind.

Verantwortlich: Antje Schütt M.A.

Für Rückfragen steht Ihnen Frau Dr. Barbara Giel unter der Telefonnummer 0221/470-5510 und der Fax-Nummer 0221/470-2128 sowie der E-Mail Adresse: b.giel@uni-koeln.de zur Verfügung.
Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web


(http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html).

Für die Übersendung eines Belegexemplars wären wir Ihnen dankbar.

Gabriele Rutzen |

Weitere Berichte zu: Multiple Sklerose Sprechstörung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Lymphdrüsenkrebs programmiert Immunzellen zur Förderung des eigenen Wachstums um
22.02.2018 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Forscher entdecken neuen Signalweg zur Herzmuskelverdickung
22.02.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics