Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Jeder vierte Autofahrer sitzt übermüdet am Steuer

21.09.2007
Jeder vierte schwere Autounfall in Deutschland ereignet sich infolge des sogenannten "Sekundenschlafs". An der Universitäts-Augenklinik Tübingen entwickelte die Arbeitsgruppe Pupillenforschung einen Test zur Messung der Schläfrigkeit von Kraftfahrern.

Aktuelle Studienergebnisse zeigen, "dass jeder vierte Autofahrer zu müde hinter dem Steuer sitzt", mahnt PD Dr. Barbara Wilhelm von der Tübinger Universitäts-Augenklinik auf der 105. Jahrestagung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) in Berlin.

Wer am Steuer gähnt, sich die Augen reibt, sich streckt und schlechte Laune bekommt, sollte diese Frühwarnzeichen ernst nehmen: am besten hilft ein Kurzschlaf und vorher eine Tasse Kaffee - diese wirkt erst nach 15 bis 20 Minuten. Doch viele Fahrer überschätzen ihre Fahrtauglichkeit und reagieren nicht rechtzeitig auf eindeutige Alarmsignale. "Die Müdigkeit ist nicht das Problem, sondern deren richtige Einschätzung. 99 Prozent der Menschen merken, dass sie müde sind. Doch wie nahe sie am Sekundenschlaf sind, merken sie nicht.

Denn das Ausmaß der Müdigkeit entgeht unserer Wahrnehmung". Dr. Barbara Wilhelm von der Arbeitsgruppe Pupillenforschung an der Universitäts-Augenklinik Tübingen entwickelte mit ihrer Arbeitsgruppe den sogenannten pupillographischen Schläfrigkeitstest (PST), der in mehreren Studien an Autobahnraststätten eingesetzt wurde. Das Fazit dieser Studien: zu viele Fahrer sitzen übermüdet am Steuer, einige schliefen sogar während des Tests ein.

... mehr zu:
»Müdigkeit

Nur 43 Prozent der Fahrer sind hellwach.

Absolut alarmierend sind die Ergebnisse der aktuellsten deutschen Studie, unterstützt vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz, die Barbara Wilhelm auf der Berliner Tagung präsentiert. 63 Autofahrer wurden an einer deutschen Autobahnraststätte für den freiwilligen Müdigkeitstest zufällig ausgewählt. Sie sollten während der elfminütigen Messung in einem völlig abgedunkelten Raum in die Richtung eines Lichtes in der Öffnung einer Infrarot-Kamera blicken. Die Bewegungen der Pupille - ein Maß der Müdigkeit - wurden automatisch ausgewertet und in drei Kategorien aufgeteilt: normal, grenzwertig und auffallend schläfrig. Außerdem füllten die Probanden einen Fragebogen aus, in dem sie über ihre Wach-, Schlaf- und Fahrzeit, die gefahrene Strecke, den Kaffee- und Nikotinkonsum, sowie ihre subjektiv gefühlte Schläfrigkeit Auskunft gaben.

Das Fazit: nur 43 von 100 Autofahrern waren normal wach, jeder dritte an der Grenze zur Übermüdung, jeder vierte auffallend schläfrig. Auffällig schläfrigen Fahrern empfahlen die Untersucher eine kurze Schlafpause von 15 Minuten, die dafür zu Verfügung stehenden Motelräume nahm indes keiner der betroffenen Fahrer in Anspruch. "Müdigkeit als Unfallrisiko wird von den meisten Fahrern gefährlich unterschätzt", resümmiert Wilhelm.

Ebenso beunruhigend sind die Ergebnisse der bisher größten Studie zum Thema Verkehr und Müdigkeit in Österreich. Von September 2005 bis August 2006 wurde im Land Oberösterreich die Schläfrigkeit von 1180 LKW- und Busfahrern mit Hilfe des Pupillographischen Schläfrigkeitstests gemessen. Weniger als die Hälfte der Kraftfahrer war bedenkenlos fahrtauglich, 30 Prozent waren nur bedingt fahrtauglich, jeder fünfte war zu müde, ein Fahrzeug zu lenken. Die Lenk- und Ruhezeiten der LKW-Fahrer werden zwar mit dem Fahrtenschreiber kontrolliert, doch "der Fahrtenschreiber überprüft lediglich die Arbeitszeit des Fahrzeugs, nicht aber die des Lenkers", gibt Dipl. Ing. Robert Hagen, Unfallsachverständiger und Projektleiter der österreichischen Pupillomat-Studie zu bedenken. Wenn ein Fahrer etwa Nebenjobs annehme, könne die tatsächliche Arbeitszeit von der "offiziellen" deutlich abweichen. Der Einsatz des Pupillomaten soll in Österreich, ähnlich wie der des Alkomaten, gesetzlich verankert werden.

Verfahren in der Warteschleife.

"Im Interesse der Sicherheit auf deutschen Straßen besteht dringender Handlungsbedarf, doch die entsprechende Gesetzesgrundlage wurde noch nicht geschaffen", bedauert Wilhelm. Immerhin werden die Anlagen 4 und 5 der Fahrerlaubnisverordnung derzeit geändert. Bei der Erteilung und der Erneuerung des Führerscheins soll in Zukunft auch die Tagesmüdigkeit erfragt und gemessen werden.

"In der Zukunft wird der Gesetzgeber - analog zum Sehvermögen - hier genau angeben müssen, wie die Tagesschläfrigkeit gemessen werden soll. Auf subjektive Verfahren allein kann man sich nicht verlassen, wenn es um den Führerschein geht", so Wilhelm.

Dass Schläfrigkeit das Unfallrisiko erhöht, ist einleuchtend. Bevor jedoch die Pupillographie in Deutschland bei Verkehrskontrollen eingesetzt werden kann, gilt es noch justitiable Grenzwerte anhand genauerer Untersuchungen zu ermitteln. "Doch dafür sind momentan keine Fördermittel vorhanden."

Pressekontakt: ProScience Communications GmbH Barbara Ritzert
während des Kongresses: Pressebüro im Raum 30212 · Fon: (0306831-30212)
ritzert@proscience-com.de
danach: Andechser Weg 17
82343 Pöcking Fon 0 8157 9397-0 ritzert@proscience-com.de
Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) ist die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft für Augenheilkunde in Deutschland.

Ihr Ziel ist die Förderung der Ophthalmologie vor allem in den Bereichen Forschung und Wissenschaft. Zu diesem Zweck initiiert und unterstützt die Gesellschaft u.a. Forschungsvorhaben und wissenschaftliche Studien, veranstaltet Kongresse und Symposien, gibt wissenschaftliche Fachzeitschriften heraus und gewährt Stipendien vornehmlich für junge Forscher. Mit über 5300 Mitgliedern zählt sie zu den bedeutenden medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland. Gegründet wurde die DOG 1857 in Heidelberg. Sie ist damit die älteste medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft der Welt.

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://www.dog.org

Weitere Berichte zu: Müdigkeit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Aromatherapie bei COPD
12.05.2015 | Airnergy AG

nachricht Chronische Wunden können heilen
16.10.2017 | Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum - Herz- und Diabeteszentrum NRW Bad Oeynhausen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Breaking: the first light from two neutron stars merging

Seven new papers describe the first-ever detection of light from a gravitational wave source. The event, caused by two neutron stars colliding and merging together, was dubbed GW170817 because it sent ripples through space-time that reached Earth on 2017 August 17. Around the world, hundreds of excited astronomers mobilized quickly and were able to observe the event using numerous telescopes, providing a wealth of new data.

Previous detections of gravitational waves have all involved the merger of two black holes, a feat that won the 2017 Nobel Prize in Physics earlier this month....

Im Focus: Topologische Isolatoren: Neuer Phasenübergang entdeckt

Physiker des HZB haben an BESSY II Materialien untersucht, die zu den topologischen Isolatoren gehören. Dabei entdeckten sie einen neuen Phasenübergang zwischen zwei unterschiedlichen topologischen Phasen. Eine dieser Phasen ist ferroelektrisch: das bedeutet, dass sich im Material spontan eine elektrische Polarisation ausbildet, die sich durch ein äußeres elektrisches Feld umschalten lässt. Dieses Ergebnis könnte neue Anwendungen wie das Schalten zwischen unterschiedlichen Leitfähigkeiten ermöglichen.

Topologische Isolatoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie an ihren Oberflächen Strom sehr gut leiten, während sie im Innern Isolatoren sind. Zu dieser neuen...

Im Focus: Smarte Sensoren für effiziente Prozesse

Materialfehler im Endprodukt können in vielen Industriebereichen zu frühzeitigem Versagen führen und den sicheren Gebrauch der Erzeugnisse massiv beeinträchtigen. Eine Schlüsselrolle im Rahmen der Qualitätssicherung kommt daher intelligenten, zerstörungsfreien Sensorsystemen zu, die es erlauben, Bauteile schnell und kostengünstig zu prüfen, ohne das Material selbst zu beschädigen oder die Oberfläche zu verändern. Experten des Fraunhofer IZFP in Saarbrücken präsentieren vom 7. bis 10. November 2017 auf der Blechexpo in Stuttgart zwei Exponate, die eine schnelle, zuverlässige und automatisierte Materialcharakterisierung und Fehlerbestimmung ermöglichen (Halle 5, Stand 5306).

Bei Verwendung zeitaufwändiger zerstörender Prüfverfahren zieht die Qualitätsprüfung durch die Beschädigung oder Zerstörung der Produkte enorme Kosten nach...

Im Focus: Smart sensors for efficient processes

Material defects in end products can quickly result in failures in many areas of industry, and have a massive impact on the safe use of their products. This is why, in the field of quality assurance, intelligent, nondestructive sensor systems play a key role. They allow testing components and parts in a rapid and cost-efficient manner without destroying the actual product or changing its surface. Experts from the Fraunhofer IZFP in Saarbrücken will be presenting two exhibits at the Blechexpo in Stuttgart from 7–10 November 2017 that allow fast, reliable, and automated characterization of materials and detection of defects (Hall 5, Booth 5306).

When quality testing uses time-consuming destructive test methods, it can result in enormous costs due to damaging or destroying the products. And given that...

Im Focus: Cold molecules on collision course

Using a new cooling technique MPQ scientists succeed at observing collisions in a dense beam of cold and slow dipolar molecules.

How do chemical reactions proceed at extremely low temperatures? The answer requires the investigation of molecular samples that are cold, dense, and slow at...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

Intelligente Messmethoden für die Bauwerkssicherheit: Fachtagung „Messen im Bauwesen“ am 14.11.2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

Meeresbiologe Mark E. Hay zu Gast bei den "Noblen Gesprächen" am Beutenberg Campus in Jena

16.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mikroben hinterlassen "Fingerabdrücke" auf Mars-Gestein

17.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vorhersagen bestätigt: Schwere Elemente bei Neutronensternverschmelzungen nachgewiesen

17.10.2017 | Physik Astronomie

Kaiserschnitt-Risiko ist vererbbar

17.10.2017 | Biowissenschaften Chemie