Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Antikörper attackieren Nervenfasern - Möglicher Mechanismus der Multiplen Sklerose entdeckt

12.09.2007
Das Immunsystem kann im gesunden Körper zwischen Fremd und Selbst unterscheiden. Bei Autoimmunerkrankungen aber wird körpereigenes Material ebenso aggressiv attackiert wie ein Krankheitserreger.

Ein Beispiel dafür ist die Multiple Sklerose, kurz MS, eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter. Das Leiden kann zu schweren Schäden bei den Patienten führen, weil Immunzellen das zentrale Nervensystem angreifen. Wissenschaftler des Instituts für Klinische Neurologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und des Max-Planck-Instituts (MPI) für Neurobiologie in Martinsried haben in Zusammenarbeit mit internationalen Forschern einen möglichen neuen Mechanismus dieser fehlgeleiteten Attacke entdeckt.

Wie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Journal of Experimental Medicine" berichtet, fanden sie im Blut von MS-Patienten Antikörper, die gegen ungeschützte Stellen der Nervenfasern gerichtet sind. Damit könnte der neu entdeckte Mechanismus wenigstens bei einem Teil der Patienten mit MS eine Rolle spielen.

Die Multiple Sklerose verläuft meist in Schüben, wobei Nervenfasern durch Attacken bestimmter Immunzellen, so genannte T-Lymphozyten, sukzessive und irreversibel zerstört werden. Nervenfasern, die Axone, sind von Myelin umgeben. Diese fettreiche Schutzschicht besteht aus einzelnen Zellen, die sich um lange Fortsätze der Neuronen wickeln, um diese zu isolieren und die Signalweiterleitung entlang der Nervenzellen zu ermöglichen. Letztlich kommt es zuerst zu einem unwiederbringlichen Verlust von Myelin und dann zu einem Untergang der betroffenen Neuronen.

"Besonders die irreversible Zerstörung der Axone ist die Ursache für bleibende Behinderungen der Patienten", erklärt Professor Edgar Meinl vom Klinikum der LMU und dem MPI für Neurobiologie. Nach und nach zeigen sich ausgedehnte Schädigungen in Gehirn und Rückenmark. Je nachdem, wo und in welchem Ausmaß diese Läsionen vorliegen, können verschiedene Symptome auftreten. Sehverlust und Sprachschwierigkeiten gehören dazu, aber auch Zittern, Taubheitsgefühl oder eine Einschränkung der Blasenfunktion sowie der Mobilität.

Bislang ist sehr wenig von den Mechanismen bekannt, die der Schädigung der Neuronen zugrunde liegen. Für die vorliegende Studie untersuchte das Team um Meinl das Blut von MS-Patienten. Darin fanden sie Antikörper gegen Neurofascin, kurz NF. Dieses Protein kommt in den Ranvierschen Schnürringen vor, das sind nicht myelinisierte und damit freiliegende Abschnitte des Axons. Diese Stellen finden sich in regelmäßigen Abständen entlang myelinumhüllter Nervenfasern: Wird ein Nerv angeregt, bewegt sich das Signal nicht gleichmäßig über das Axon, sondern nur von Schnürring zu Schnürring, da dort die dafür nötigen Kanäle lokalisiert sind. Dadurch erhöht sich die Geschwindigkeit der so genannten saltatorischen Erregungsleitung beträchtlich. Neurofascin ist wichtig, um die Kanäle, die für die Erregungsausbreitung benötigt werden, an den Schnürringen zu konzentrieren. Das Protein kommt in zwei Formen vor. NF 186 sitzt in den Ranvierschen Schnürringen, während NF 155 zu den benachbarten Zellen des Myelins gehört und die Myelinfasern an den Nervenfasern verankert.

Die im Blut der MS-Patienten gefundenen Antikörper erkennen beide Formen des Proteins. Bei Tests an Zellkulturen blockierten die Antikörper die Nervenleitung, während sie im MS-Tiermodell die Nervenfasern schädigten und so die Krankheitssymptome verschlimmerten. "Damit solche Antikörper die Axone überhaupt angreifen können, muss zuerst die Blut-Hirn-Schranke gestört sein", so Meinl. "Das ist allerdings bei MS-Patienten typischerweise der Fall. Wir arbeiten jetzt an einem Labortest, mit dem sich die Menge der NF-Antikörper quantifizieren lässt. Denn die Menge an Antikörper variiert stark von Patient zu Patient. Möglicherweise zeigt eine hohe Konzentration einen besonders schweren Verlauf der Erkrankung an." Dann würde der Mechanismus wohl wesentlich zur Schädigung von Nervenfasern bei einem Teil der Patienten beitragen. Andere Tests sollen zeigen, ob die Entfernung der Antikörper, etwa durch eine Blutwäsche, therapeutischen Nutzen bringt. "Es ist aber wichtig, dass wir nicht die Ursache der Multiplen Sklerose gefunden haben", betont Meinl. "MS ist eine komplizierte Krankheit, bei der verschiedene fehlgeleitete Bestandteile des Immunsystems zusammenwirken. Wir haben einen neuen Mechanismus gefunden, der möglicherweise bei manchen Patienten dazu beiträgt."

Publikation:
"Neurofascin as a novel target for autoantibody-mediated axonal injury",
Emily K. Mathey, Tobias Derfuss, Maria K. Storch, Kieran R. Williams, Kimberly Hales, David R. Woolley, Abdulmonem Al-Hayani, Stephen N. Davies, Matthew N. Rasband, Tomas Olsson, Anja Moldenhauer, Sviataslau Velhin, Reinhard Hohlfeld, Edgar Meinl, and Christopher Linington,

Journal of Experimental Medicine, online am 10. September 2007

Ansprechpartner:
Professor Dr. Edgar Meinl
Institut für Klinische Neuroimmunologie Klinikum der LMU
und
Abteilung Neuroimmunologie, MPI für Neurobiologie
Tel.: 089 / 8578 - 3519
Fax: 089 / 89950163
E-Mail: meinl@neuro.mpg.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de/

Weitere Berichte zu: Antikörper Axon Multiple Sklerose Nervenfasern

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Methode der Eisenverabreichung
26.04.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Bestrahlung bei Hirntumoren? Eine neue, verlässlichere Einteilung erleichtert die Entscheidung
26.04.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Im Focus: Making lightweight construction suitable for series production

More and more automobile companies are focusing on body parts made of carbon fiber reinforced plastics (CFRP). However, manufacturing and repair costs must be further reduced in order to make CFRP more economical in use. Together with the Volkswagen AG and five other partners in the project HolQueSt 3D, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) has developed laser processes for the automatic trimming, drilling and repair of three-dimensional components.

Automated manufacturing processes are the basis for ultimately establishing the series production of CFRP components. In the project HolQueSt 3D, the LZH has...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Ballungsräume Europas

26.04.2017 | Veranstaltungen

200 Weltneuheiten beim Innovationstag Mittelstand in Berlin

26.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Wie digitale Technik die Patientenversorgung verändert

26.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Akute Myeloische Leukämie: Ulmer erforschen bisher unbekannten Mechanismus der Blutkrebsentstehung

26.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Naturkatastrophen kosten Winzer jährlich Milliarden

26.04.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Zusammenhang zwischen Immunsystem, Hirnstruktur und Gedächtnis entdeckt

26.04.2017 | Biowissenschaften Chemie