Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Europapremiere in Heidelberg: Neues Medikament bei Knochenmarkkrebs

13.08.2007
Erstes Rezept an der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg ausgestellt / Internationale klinische Studien zeigen Vorteile des neuen Wirkstoffs gegenüber herkömmlicher Therapie

Das europaweit erste Rezept für ein neues Medikament zur Behandlung des Knochenmarkkrebses Multiples Myelom wurde jetzt am Universitätsklinikum Heidelberg ausgestellt. Die Europäische Agentur für Medizinprodukte (EMEA) hatte den viel versprechenden Wirkstoff Lenalidomid unter dem Handelsnamen REVLIMID(r) (Firma Celgene GmbH, München) am 19. Juni 2007 zur Therapie des Multiplen Myeloms zugelassen.

Demnach darf Lenalidomid in Kombination mit dem Cortisonpräparat Dexamethason bei Patienten mit Multiplem Myelom eingesetzt werden, die mindestens eine Vortherapie erhalten haben. Vorausgegangen waren zwei große internationale klinische Studien zu Wirksamkeit und Sicherheit, an denen die Medizinische Universitätsklinik Heidelberg als größte deutsche Behandlungseinrichtung maßgeblich beteiligt war.

Heidelberger Patientin geht es bereits besser

... mehr zu:
»Knochenmarkkrebs »Lenalidomid

Bereits im Vorfeld der offiziellen Zulassung konnte die Heidelberger Patientin Roselinde Wirth aus Landau von Lenalidomid profitieren. Ein individuelles Abkommen mit der Krankenkasse - ein Verfahren, das bei schweren Krebserkrankungen anwendbar ist - machte die Einnahme der Tabletten seit Januar möglich, streng überwacht durch die Ärzte. "Ich habe sehr darum gekämpft, das neue Medikament bereits vor der Zulassung zu bekommen", sagt die 58jährige, die seit 1999 in der Medizinischen Universitätsklinik betreut wird.

Weihnachten 2006 ging es der dreifachen Mutter und Oma eines Enkelkindes sehr schlecht. Etablierte Behandlungsformen mit Cortisonpräparaten, Chemotherapie, Bestrahlung und Transplantation von Blutstammzellen hatte sie bereits hinter sich. "Ich dachte, das war's jetzt", erinnert sich Roselinde Wirth. Doch das neue Medikament zeigte Wirkung, die Blutwerte normalisierten sich. "Seit ich Lenalidomid nehme, geht es mir viel besser. Ich kann wieder aktiv sein, lange Spaziergänge machen. Ich verspüre auch keine Nebenwirkungen."

Abkömmling des Contergan-Wirkstoffs Thalidomid

Lenalidomid - ein Abkömmling des Contergan-Wirkstoffs Thalidomid, der seit einigen Jahren erfolgreich beim Multiplen Myelom eingesetzt wird - zählt zu den so genannten "immunmodulatorischen Substanzen". Das Medikament hat eine komplexe Wirkung auf das Immunsystem, wirkt toxisch auf Krebszellen und hemmt die Ausbildung von Blutgefäßen, die wiederum die bösartige Zellwucherung im Knochenmark begünstigen. Die in den Studien beobachteten Nebenwirkungen wie Beeinträchtigung der Blutbildung, Darmverstopfung und tiefe Venenthrombosen erwiesen sich als gut beherrschbar.

Dennoch müssen bei der Anwendung von Lenalidomid wichtige Aspekte beachtet werden. Weil nicht bekannt ist, ob die Substanz fruchtschädigend wirkt, gehört ein Schwangerschaftsverhütungsprogramm für gebärfähige Frauen und deren Partner sowie für Männer dazu. Wöchentliche Blutbildkontrollen sind in den ersten acht Behandlungswochen erforderlich. Auch eine Thromboseprophylaxe sowie eine Dosisreduktion bei Niereninsuffizienz sind nötig. Das Medikament darf zudem nicht an Dritte weitergereicht werden; nicht verbrauchte Kapseln sind an den Apotheker zurückzugeben.

Kombinationstherapie wirkt besser als herkömmliche Cortisonbehandlung

In beiden internationalen Studien wurde die Monotherapie mit dem Cortisonpräparat Dexamethason - eine etablierte Behandlungsmethode bei Myelom-Patienten - mit der Kombinationstherapie Lenalidomid / Dexamethason verglichen. Die Patienten sprachen besser auf die Kombinationstherapie an (60,6 Prozent gegenüber 21,9 Prozent) und der Zeitraum bis zum Fortschreiten der Erkrankung verlängerte sich (48,3 gegenüber 20,1 Wochen). Auch die Überlebensrate nach einem Jahr war unter der Kombinationstherapie höher (82 Prozent gegenüber 75 Prozent).

"Studien haben außerdem gezeigt, dass Lenalidomid mindestens ebenso wirksam ist wie Thalidomid und gleichzeitig ein günstigeres Spektrum an Nebenwirkungen hat", erklärt Professor Dr. Hartmut Goldschmidt, Leiter der Sektion Multiples Myelom.

Multiples Myelom bisher nicht heilbar

Das Multiple Myelom, an dem in Deutschland jährlich ca. 3.500 Menschen erkranken, ist bislang nicht heilbar. "Doch dank neuer Behandlungskonzepte kann die Überlebenszeit der Patienten verlängert und die Lebensqualität gesteigert werden. Lenalidomid ist dabei ein wichtiger zusätzlicher Therapie-Baustein", sagt Professor Hartmut Goldschmidt. Weitere Vorteile des Medikaments: Die Patienten können es in Tablettenform leicht zu Hause einnehmen - bei regelmäßiger Kontrolle in der Heidelberger Sektion. Außerdem wird der Wirkstoff meist relativ gut vertragen.

Klinische Studien in den USA haben auch einen positiven Effekt von Lenalidomid auf die bei Myelom-Patienten häufige Anämie nachgewiesen, welche bislang meist mit Bluttransfusionen behandelt wird. Etwa 70 Prozent der Patienten sprachen auf Lenalidomid an, es konnte auf Transfusionen verzichtet werden.

Weitere klinische Studien zu Lenalidomid in Heidelberg

In der Sektion Multiples Myelom der Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Rheumatologie der Medizinischen Universitätsklinik (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Anthony D. Ho) und des Nationalen Centrums für Tumorforschung (NCT; Leitung: Professor Dr. Christof von Kalle und Professor Dr. Dirk Jäger) werden jedes Jahr 800 Patienten von Sektionsleiter Professor Dr. Hartmut Goldschmidt und seinem Team betreut.

"Zur Zeit laufen weitere klinische Studien, um die Zulassung von Lenalidomid eventuell auf weitere Patientengruppen zu erweitern", erklärt Dr. Ulrike Klein. Die Ärztin der Medizinischen Klinik hat bereits 40 Myelom-Patienten mit Lenalidomid behandelt. Untersucht wird der Einsatz bei Patienten, die älter als 65 Jahre sind und bei denen die Erkrankung neu diagnostiziert wird, sowie bei Lymphomen, also Krebserkrankungen des Lymphsystems. "Wenn wir das Medikament möglichst früh einsetzen, dann könnte es gelingen, Krebserkrankungen früher zurückzudrängen, bei gleichzeitig weniger Nebenwirkungen." Auch an diesen internationalen Studien sind die Heidelberger Experten maßgeblich beteiligt.

Kontakt:

Roselinde Wirth, Patientin
Tel.: 06341 / 939 310
Dr. Ulrike Klein
Medizinische Universitätsklinik Heidelberg
Abt. Hämatologie, Onkologie und Rheumatologie
Im Neuenheimer Feld 410
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 38196
E-Mail: Ulrike.Klein2@med.uni-heidelberg.de
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

Weitere Berichte zu: Knochenmarkkrebs Lenalidomid

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Abstoßung von Spenderorganen: Neue Biomarker sollen Komplikationen verhindern
15.12.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Antibiotikaresistenzen durch Nanopartikel überwinden?
15.12.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik