Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fortschritte im Kampf gegen Muskelkrebs

06.08.2007
Jedes Jahr erkranken in Deutschland 1.000 bis 2.000 Kinder an einer seltenen Form von Muskelkrebs. Für etwa ein Viertel der kleinen Patienten stehen die Überlebenschancen nach der Therapie nicht besonders gut.

An der Uni Würzburg arbeiten darum Wissenschaftler an neuen Behandlungsmethoden, die von der Wilhelm Sander-Stiftung finanziell gefördert wurden. Sie haben schon ermutigende Ergebnisse erzielt, aber auch noch einige Herausforderungen vor sich.

Die Krebsform, um die es geht, ist das Rhabdomyosarkom. Dieser Muskeltumor kann überall im Körper auftreten, meistens trifft er aber Kopf, Hals und Genitalbereich. Die Patienten haben Schmerzen und sind in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt. Behandelt wird die Krankheit je nach individuellem Fall mit Operationen, Chemo- und Strahlentherapie.

Allerdings erleidet etwa ein Viertel der Patienten nach der Behandlung einen Rückfall. Eine erneute Therapie ist dann nicht mehr sehr wirkungsvoll, denn nur fünf bis zehn Prozent der Betroffenen überleben die folgenden fünf Jahre. Neue Methoden seien darum dringend nötig, heißt es in einem Bericht, den das medizinische Konsortium European Intergroup Studies 2004 vorgelegt hat. In internationalen Studien waren in den Jahren zuvor die Behandlungserfolge bei Kindern mit Rhabdomyosarkomen überwacht worden.

... mehr zu:
»Muskelkrebs

An neuen Therapien arbeitet Professor Stefan Gattenlöhner vom Pathologischen Institut (Direktor: Professor Hans Konrad Müller-Hermelink) der Universität Würzburg. Mit seinem Kollegen Alexander Marx hat der Wissenschaftler herausgefunden, was das Besondere an den seltenen Tumoren ist: Die bösartigen Muskelzellen bilden massenhaft ein Protein, das eigentlich nicht da sein dürfte. Es handelt sich um den so genannten Fetalen Acetylcholin-Rezeptor, der normalerweise nur in Entwicklungsstadien vor der Geburt auftaucht, nicht aber bei Kindern oder Erwachsenen.

Genau hier sahen die Würzburger Forscher eine Chance: Da der Rezeptor nur auf der Oberfläche der Tumorzellen vorkommt und sonst nirgends im Körper der Kranken, ist er ein ideales Angriffsziel für Medikamente. Gattenlöhner und Marx verfolgten nun zwei Strategien. Zum einen verwendeten sie ein Stück Antikörper, das den fälschlicherweise auftauchenden Rezeptor zielgenau erkennt. Dann injizierten sie es in T-Zellen des Immunsystems, und die waren daraufhin in der Lage, in einer Zellkultur den Tumor abzutöten. Zum anderen koppelten die Pathologen das Antikörper-Bruchstück an einen bakteriellen Giftstoff. Auch dieser Ansatz brachte Erfolg: In Zellkulturen und im Tierexperiment mit Mäusen dockte der Antikörper an die Rezeptoren an, seine giftige Fracht drang in die Tumorzellen ein und tötete sie ab.

Bis diese Methoden möglicherweise erstmals an Menschen getestet werden können, sind noch mindestens zwei bis drei Jahre Arbeit nötig, wie Gattenlöhner sagt. Unter anderem gelte es, den im Experiment verwendeten Bakterien-Giftstoff durch eine körpereigene Substanz des Menschen zu ersetzen. Das sei nötig, um Unverträglichkeitsreaktionen zu verhindern. In Frage kommen dafür zum Beispiel Zellgifte wie Granzym, mit denen sonst das Immunsystem seine Feinde angreift.

"Manche Tumoren lassen sich heute exzellent behandeln, andere leider nicht", so der Würzburger Pathologe. Darum seien zusätzlich zu den etablierten Therapien neuartige Verfahren nötig. "Daran muss die Wissenschaft intensiv arbeiten, besonders an der Therapie mit Antikörpern." Denn gerade mit dieser Methode könne man sehr gezielt und effizient an Tumoren herankommen.

Stefan Gattenlöhner wurde dafür außerdem mit dem Rudolf-Virchow-Preis 2006 ausgezeichnet, dem wichtigsten Preis der Deutschen Gesellschaft für Pathologie.

Kontakt:
Prof. Dr. Stefan Gattenlöhner, Würzburg
Tel. +49 (931) 201-47421,
e-mail: stefan.gattenloehner@mail.uni-wuerzburg.de
Die Wilhelm Sander-Stiftung förderte dieses Forschungsprojekt über 6 Jahre mit über 360.000 €. Stiftungszweck der Stiftung ist die medizinische Forschung, insbesondere Projekte im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden dabei insgesamt über 160 Mio. Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

Bernhard Knappe | idw
Weitere Informationen:
http://www.wilhelm-sander-stiftung.de

Weitere Berichte zu: Muskelkrebs

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise