Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ausgereifte Systeme der Cochlea-Implantate

20.03.2002


Seit 15 Jahren werden an der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten am Klinikum der Universität München in Großhadern so genannte Cochlea-Implantate verwendet (Cochlea ist der anatomische Fachbegriff für die Hörschnecke im Ohr). 142 Patienten sind in dieser Zeit mit diesem System versorgt worden. Am heutigen Mittwoch treffen sich Patienten und Ärzte, um über die neuesten Entwicklungen in der HNO-Disziplin zu diskutieren.

Was ist ein Cochlea-Implantat?

Ein Cochlea-Implantat umgeht ein funktionsunfähiges Innenohr und reizt den Hörnerv direkt mit schwachen elektrischen Signalen. Das System besteht aus externen Elementen (Mikrofon, Sprachprozessor und Sendespule) und Elementen, die dem Patienten durch eine Operation implantiert werden (Empfangsspule, Elektronik, 8 bis 22 Reizelektroden). In der HNO-Klinik in Großhadern werden die drei marktführenden Implantat-Systeme eingesetzt.

Wie funktioniert das Implantat?

Normalerweise nehmen die Sinneszellen im Innenohr Schallwellen auf und leiten sie an den Hörnerv weiter. Sind diese Sinneszellen degeneriert oder wie zum Beispiel bei taubgeborenen Kindern gar nicht angelegt, kommt das Cochlea-Implantat zum Ein-satz. Über ein Mikrofon werden akustische Signale aufgenommen und zu einem Sprachprozessor geleitet. In diesem Prozessor werden diese akustischen Signale in elektrische umgewandelt und über einen Sender zur Empfangsspule im hinter dem Ohr eingepflanzten Implantat geleitet. Das Implantat dekodiert die Signale und gibt sie an die Reizelektroden im Innenohr weiter, die dann den Hörnerv anregen. Das Cochlea-Implantat übernimmt so praktisch die Schallwellenübertragung bis zum Hörnerv. Ab welcher Stromstärke ein Patient hört oder nicht, muss nach der Operation individuell eingestellt werden. Die Geräte haben eine hohe Zuverlässigkeit, die höher als z.B. bei Herzschrittmachern liegt.

Welche Patienten sind Kandidaten für dieses System?

In den Anfangsjahren des Cochlea-Implantats wurde die Indikation dafür noch äußerst streng gefasst. Heute kommen alle Patienten in Frage, die mit normalen Hörgeräten nicht mehr ausreichend kommunizieren können oder bei denen in den
nächsten Jahren eine vollständige Ertaubung droht. Möglich ist das Implantat auch bei taubgeborenen Kindern und bei Patienten, die durch äußere Einflüsse wie z.B. Unfälle oder Hirnhautentzündungen ertaubt sind.

Wann ist der günstigste Zeitpunkt für das Implantat?


Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn zwischen Ertaubung und Implantation höchstens ein paar Monate vergangen sind, damit noch eine gute Hörerinnerung vorhanden ist. Sind Patienten bereits einige Jahre taub, ist der Hörfortschritt langsamer und die Rehabilitation wesentlich mühsamer. Bei taubgeborenen Kindern sollte die Operation in den ersten beiden Lebensjahren erfolgen, da auch die Hörbahnen im Gehirn vorwiegend in den ersten 20 Lebensmonaten reifen.

Was passiert bei der Operation?

Der Eingriff dauert unter Vollnarkose etwa zwei bis drei Stunden. Alle Maßnahmen geschehen am äußeren Schädel. Je nach Modell und Patient werden 8 bis 22 Elektroden in die Hörschnecke eingeführt, jede Elektrode repräsentiert eine andere Tonhöhe. Für die Empfangsspule wird ein Bett in den Schädelknochen gefräst. Schon während der Operation wird die Funktion des Implantats überprüft.

Wie sieht die Nachsorge aus?

Nach dem Abschluss der Wundheilung beginnt die Anpassung des Sprachprozessors. Dabei werden die einzelnen Elektroden des Implantats der Reihe nach angesteuert, um zu registrieren, ab welcher Stromstärke ein Patient hört und ab wann es zu laut wird. In Abhängigkeit von der Lage der Elektrode und der Leitfähigkeit der Lymphflüssigkeit in der Hörschnecke wird das Gerät individuell eingestellt. Im Anschluss an die Anpassung erfolgt ein intensives Hörtraining durch eine Hör- und Sprachtherapeutin. Hierbei soll der Patient das Hören und das Verstehen von Sprache mit dem Implantat erlernen. Im Rahmen dieses Trainings wird der Sprachprozessor immer wieder nachjustiert bis der Höreindruck dem natürlichen Sprachklang möglichst nahe kommt. Ziel der Rehabilitation ist nicht nur das Sprachverstehen in Ruhe wiederherzustellen, sondern auch Sprache im Störgeräusch zu verstehen und telefonieren zu können. Bisher lässt sich mit der gegenwärtigen Technik allerdings keine befriedigende Klangqualität beim Hören komplexer Musik (z.B. Symphonien) erzielen.

S. Nicole Bongard | idw
Weitere Informationen:
http://idw-online.de/public/www.klinikum.uni-muenchen.de

Weitere Berichte zu: Cochlea-Implantat Elektrode Hörnerv Implantat

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Lymphdrüsenkrebs programmiert Immunzellen zur Förderung des eigenen Wachstums um
22.02.2018 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Forscher entdecken neuen Signalweg zur Herzmuskelverdickung
22.02.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics