Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neues Verfahren zur Implantation von Aortenherzklappen-Stents bei Hoch-Risiko-Patienten bewährt sich erstmals

21.06.2007
Kardiochirurgen und Kardiologen des Frankfurter Universitätsklinikums testeten in klinischer Phase-I-Studie erfolgreich minimal-invasives Verfahren zur Behandlung der Aortenstenose bei Hoch-Risiko-Patienten. Technik kann neue Standards in der Herzklappenchirurgie setzen

Bundesweit liegt eine hochgradige Verengung (Stenose) der Aortenklappe bei drei bis fünf Prozent der Bevölkerung im Alter von 75 Jahren vor. Bei einer Aortenstenose, die tödlich enden kann, öffnet sich eine Herzklappe nicht mehr ausreichend, wodurch sich der Blutfluss vermindert und langfristig die Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Voraussichtlich wird die Zahl der Erkrankungen an einer Aortenstenose bei Zunahme der mittleren Lebenserwartung noch steigen. In der klinischen Praxis der Herzklappenchirurgie sind konventionelle Aortenklappenersatz-Operationen bislang nur unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine möglich. Aber für viele Patienten, die älter als 75 Jahre sind, bedeutet eine solche Operation bei vorliegenden Begleiterkrankungen ein erhöhtes Mortalitätsrisiko.

Ein Ärzteteam des Klinikums der J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main unter der Leitung des Herzchirurgen Prof. Dr. Gerhard Wimmer-Greinecker (Klinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie, THG) und des Kardiologen Prof. Dr. Volker Schächinger (Medizinische Klinik III: Kardiologie) hat jetzt ein für diese Patienten geeignetes Verfahren zur Implantation einer stentgestützten Aortenklappen-Prothese mitentwickelt, das gegenüber herkömmlichen Verfahren risikoärmer ist. Die Durchführbarkeit des Verfahrens konnte in ersten Tests mit guten Resultaten belegt werden. Bei der Operation handelt es sich um eine kardiochirurgische Hybridtechnik, die minimal-invasiv erstmals eine Aortenklappenverpflanzung am schlagenden Herzen über einen Katheter ermöglicht und es erlaubt, auf eine Herz-Lungen-Maschine zu verzichten. Dies reduziert die Risiken, die mit der Anwendung derselben verbunden sind - nämlich ein unterschiedlich ausgeprägter Entzündungsprozess durch die Fremdoberfläche, eine Minderperfusion der Organe sowie ein gewisses Embolierisiko. Damit setzt das Frankfurter Ärzteteam aus Herzchirurgen, Kardiologen und Anästhesisten in der minimal-invasiven Behandlung von Aortenstenosen bei Hoch-Risiko-Patienten einen wichtigen Impuls.

Signifikante Risikosenkung durch weniger invasiven Eingriff

"Durch das Verfahren lässt sich die Schwere des Eingriffs und auch die damit verbundene Operationsmortalität im Vergleich zu herkömmlichen Methoden signifikant reduzieren", beurteilen die beiden Abteilungsleiter Prof. Dr. Anton Moritz (Direktor der Klinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie) und Prof. Dr. Andreas M. Zeiher (Direktor der Med. Klinik III) die Qualität der neuartigen Implantationsmethode. Denn gerade die Zielgruppe dieses Verfahrens weist Komorbiditäten wie etwa Diabetes auf, die eine klassische Herz-OP bei vollständiger Öffnung des Thorax als problematisch erscheinen lassen, etwa im Hinblick auf langwierigere Wundheilungsprozesse im hohen Alter oder eine postoperative Verschlechterung bereits vorgeschädigter Organe. Auch werten sie das neue Therapieverfahren als lebensverlängernde und die Lebensqualität steigernde Maßnahme für Patienten, für die eine konventionelle Herzklappenersatz-Operation keine Option darstellt. Am Frankfurter Uniklinikum werden jährlich zirka 300 Operationen von Aortenstenosen nach der konventionellen Methode durchgeführt.

Nach insgesamt zweijähriger interdisziplinärer Entwicklungsarbeit und einer internationalen klinischen Durchführbarkeitsstudie* (Phase I) an bereits mehr als 100 Patienten in Frankfurt und weiteren Studienzentren in Leipzig, Wien, Dallas (USA) und Vancouver (Kanada) stellten die Frankfurter Forscher diese Innovation vor dem Beginn der nächsten Studienphase in Frankfurt vor. Die so genannte PARTNER (Placement of AoRTic TraNscathetER Valves Trial)-Studie untersucht die Implantation der stentgestützten Aortenklappenprothese über zwei Zugangswege: transapikal (TAP) direkt über die Herzspitze der linken Herzkammer nach Öffnung der linken Thoraxhälfte mit einem kleinen Schnitt, oder transfemoral (TFE) über die Beinarterie in der Leistengegend ("Arteria femoralis"), wobei sich die guten Ergebnisse der jeweiligen Phase I-Studien jetzt in Langzeit- und randomisierten Studien abermals bestätigen müssen. Diese internationale Multi-Zentren-Studie wird an zehn europäischen und weiteren Zentren in den USA durchgeführt. Prof. Wimmer-Greinecker und Prof. Schächinger fungieren dabei als "Principle Investigator" des europäischen Armes dieser Studie.

Einmalige kardiochirurgische Hybridtechnik: niedrigere Komplikationsrate und kurze Erholungsphase des Patienten

Bei beiden Methoden bringt das kardiochirurgisch-kardiologische Team die Prothese, einen Herzklappen-Stent aus rostfreiem Stahl, katheterbasiert in die Aorta vor. In beiden Fällen wird der Stent in die Position der degenerierten, verengten Aortenklappe platziert und mit einem Ballon aufgedehnt ("Ballondilatation"). Dabei ersetzt die Prothese die alte degenerierte Herzklappe, indem sie diese zur Seite drängt. Das Implantationsergebnis überwacht das OP-Team mittels des Verfahrens der Angiographie und mittels Echokardiographie. "Dank dieser weniger invasiven Techniken minimieren wir den chirurgischen Eingriff und können so direkt am schlagenden Herzen operieren. Unsere ersten Einpflanzungen an mehr als 20 Patienten waren sehr erfolgreich", erklärt Prof. Wimmer-Greinecker. Bei der transapikalen Operation nimmt der Herzchirurg nur einen kleinen, etwa fünf bis zehn Zentimeter langen Schnitt im Zwischenraum des fünften Rippenbogens der linken Thoraxhälfte vor. Dort legt er die Herzspitze frei und schafft einen kleinen Zugang für den Katheter. Auf diesem wird die Herzklappen-Prothese aufgezogen und von vorne (antegrad) in Aortenposition vorgebracht. Nach erfolgreicher Implantation verschließt der Chirurg die Punktionsstelle mittels Tabaksbeutelnaht wieder.

Gänzlich ohne Öffnung des Thorax und rein katheterbasiert erfolgt die transfemorale OP. Denn hier wird der die Stent-Klappe tragende Katheter über die Beinarterie ("Arteria femoralis") bis zur Aorta von der Rückseite des Herzens her (retrograd) vorgeschoben. In beiden Fällen ist zwar eine Vollnarkose notwendig, aber der Patient kann nach vier bis fünf Tagen nach Hause entlassen werden.

Die Ergebnisse der Phase-I-Studie werten die Ärzte des Frankfurter Uniklinikums als vielversprechend. Generell kann es bei beiden Verfahren zu kleinen paravalvulären Leaks kommen, die aber keine klinische Relevanz haben. Je nach Verfahren, TFE oder TAP, ergeben sich für die Handhabung des Katheterverfahrens unterschiedliche Erfahrungswerte, bei dem sich die TAP-Variante aufgrund der kürzeren Distanz zwischen punktiertem Eingang und Aortenposition in der Herzkammer insgesamt als unproblematischer erweist. Dies gilt vor allem bei Patienten mit Arteriosklerose und sehr unregelmäßigen Arterienverläufen. Es kam bei keinem der Patienten zu einer Wanderung der Prothese, ein guter Blutfluss konnte bei allen Patienten wiederhergestellt werden und der Intensiv- und Krankenhausaufenthalt dieser Patienten war erstaunlich kurz.

* Thomas Walther, Volkmar Falk, Michael A. Borger, Todd Dewey, Gerhard Wimmer-Greinecker, Gerhard Schuler, Michael Mack und Friedrich W. Mohr, Minimally invasive transapical beating heart valve implantation - proof of concept, in: European Journal of Cardio-Thoracic Surgery, Volume 31, Issue 1, January 2007, pages 9-15

Für weitere Informationen:

Prof. Dr. med. Gerhard Wimmer-Greinecker
Klinik für Thorax-, Herz- und Thorakale Gefäßchirurgie
Klinikum der J.W. Goethe-Universität Frankfurt/ Main
Fon (0 69) 63 01 - 40 71
Fax (0 69) 63 01 - 58 49
E-Mail wimmer-greinecker@em.uni-frankfurt.de
Prof. Dr. med. Volker Schächinger
Medizinische Klinik III: Kardiologie
Klinikum der J.W. Goethe-Universität Frankfurt/ Main
Fon (0 69) 63 01 - 73 87
Fax (0 69) 63 01 - 65 46
E-Mail schaechinger@em.uni-frankfurt.de
Ricarda Wessinghage
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Klinikum der J.W. Goethe-Universität Frankfurt/ Main
Fon (0 69) 63 01 - 77 64
Fax (0 69) 63 01 - 8 32 22
E-Mail ricarda.wessinghage@kgu.de

Ricarda Wessinghage | idw
Weitere Informationen:
http://www.kgu.de

Weitere Berichte zu: Aortenstenose Implantation Katheter Prothese

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Diabetes Kongress 2017:„Closed Loop“-Systeme als künstliche Bauchspeicheldrüse ab 2018 Realität

23.05.2017 | Veranstaltungen

Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquium 2017: Internet of Production für agile Unternehmen

23.05.2017 | Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Medikamente aus der CLOUD: Neuer Standard für die Suche nach Wirkstoffkombinationen

23.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Diabetes Kongress 2017:„Closed Loop“-Systeme als künstliche Bauchspeicheldrüse ab 2018 Realität

23.05.2017 | Veranstaltungsnachrichten

CAST-Projekt setzt Dunkler Materie neue Grenzen

23.05.2017 | Physik Astronomie