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Wege aus der Malaria-Misere

14.06.2007
Heidelberger Tropenmediziner analysiert und bewertet die Malaria-Politik der internationalen Gebergemeinschaft / Wirkungsvolle und bezahlbare Strategien sind möglich

Trotz wirkungsvoller Medikamente, intensiver Forschungsarbeit und steigender finanzieller Unterstützung - die Zahl der Malaria-Opfer im tropischen Afrika wächst Jahr für Jahr. Ursachen und mögliche Lösungen für dieses Desaster haben Tropenmediziner um Professor Dr. med. Olaf Müller vom Hygiene-Institut des Universitätsklinikums Heidelberg und Kollegen aus dem westafrikanischen Staat Burkina Faso in einem Artikel für das renommierte "PloS Medicine", das Medizin-Internetjournal der Public Library of Science, zusammengefasst.

Diese Veröffentlichung ist ein weiteres Resultat der erfolgreichen Zusammenarbeit des Heidelberger Sonderforschungsbereiches "Kontrolle Tropischer Infektionskrankheiten" (Sprecher Professor Dr. Hans-Georg Kräußlich) mit einem nationalen Forschungszentrum in Nouna/Burkina Faso.

Mängel bei Therapieempfehlungen der WHO: Es gibt billigere Wirkstoffe

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"Unsere Arbeit beschreibt einmal mehr, wie komplex eine wirksame und nachhaltige Bekämpfung von Armutskrankheiten im Kontext vollmundiger, aber leider selten eingehaltener Versprechungen ist", betont Professor Olaf Müller und verweist auf die Ergebnisse des G8 Gipfels von Heiligendamm. "Eine weiterhin patriarchalisch agierende internationale Gebergemeinschaft erteilt völlig unspezifische Zusagen in Höhe von 60 Milliarden US-Dollar für Afrika. Ein Umdenken ist hier dringend erforderlich."

So seien etwa die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen hochwirksamen Medikamente für die Betroffenen zu teuer. Erschwingliche Medikamente wie beispielsweise Chloroquin werden hingegen in zunehmendem Maße wirkungslos, da die Malaria-Erreger Resistenzen entwickelt haben.

Die Forscher aus Heidelberg und Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt, setzen sich daher für eine pragmatische, aber bezahlbare Lösung ein: "Eine Kombination der altbekannten Wirkstoffe Sulfadoxin-Pyrimethamin und Amodiaquin ist zur Zeit in einigen betroffenen Ländern, so auch in Burkina Faso, genauso effektiv wie die von der WHO geforderte teure Artemisinin-Kombinationstherapie (ACT)", sagt Olaf Müller. Kosten würde die Behandlung circa 0,2 US-Dollar - weitaus weniger als die ACT mit rund 6,50 US-Dollar pro Fieberschub. Behandlungskosten über 0,5 US-Dollar sind für fast alle Burkinabe - und ihre Kinder - unerschwinglich.

Heidelberger Studien vor Ort zeigen: Bürokratie verhindert pragmatische Lösung

Der an sich sinnvolle Einsatz der WHO für ACT erweist sich aus Sicht der Tropenmediziner im Fall von Burkina Faso als Bumerang: Ein Antrag des Landes bei der Weltbank, aus einem laufenden Entwicklungshilfekredit Gelder für die Anschaffung der Wirkstoffe Sulfadoxin-Pyrimethamin und Amodiaquin zur Verfügung zu stellen, wurde mit Hinweis auf die WHO-Empfehlungen abgelehnt.

Olaf Müller und seine Kollegen aus Burkina Faso belegen die Misere mit aktuellen Zahlen aus dem Bezirk Nouna im Nordwesten des Landes: 122 Fieberanfälle von Vorschulkindern in 1080 Haushalten im Bezirk wurden retrospektiv untersucht - kein Kind war mit ACT behandelt worden, 112 Kinder dagegen mit dem weitgehend unwirksamen Chloroquin und zehn Kinder mit weiteren Medikamenten. In dem westafrikanischen Staat sterben 20 Prozent der Kinder, bevor sie fünf Jahre alt werden - die häufigste Todesursache ist Malaria.

Moskitonetze schützen und senken Kosten - doch ihre Verbreitung ist minimal

Es geht den Wissenschaftlern nicht nur darum, Fieberepisoden effektiver zu behandeln und Todesfälle zu vermeiden - noch besser ist es, wenn eine Infektion mit den Malaria-Erregern vermieden wird. "Seit mehr als 25 Jahren weiß man, dass mit Insektiziden behandelte Moskitonetze effektiv vor Malaria schützen", sagt Olaf Müller. "Dennoch schlafen in Burkina Faso nur 4 Prozent der Kinder unter solchen Netzen."

Auch hier fehlen Geld und Planung, um richtungsweisende Forschungsergebnisse in die Tat umzusetzen: Die Anschaffung von Moskitonetzen für alle Vorschulkinder in Burkina Faso würde rund 20 Millionen US-Dollar kosten, hinzu kommen rund 5 Millionen US-Dollar jährlich für Neuanschaffungen. "Politiker müssen einsehen, dass Vorbeugung und Behandlung zusammengehören", erklärt der Tropenmediziner. Letztendlich können die Netze nicht nur das Leid vermindern, sondern auch die Anzahl der Fieberepisoden halbieren - und damit auch die Notwendigkeit von teuren Behandlungen mit ACT.

Heidelberg - Burkina-Faso: Netzwerk gegen tödliche Infektionskrankheiten

Im Kampf gegen Malaria, AIDS und andere tödliche Infektionskrankheiten haben Wissenschaftler und Ärzte des Universitätsklinikums und anderer Heidelberger Forschungseinrichtungen ein einmaliges Netzwerk etabliert. Die Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Centre de Recherche en Santé de Nouna (CRSN) in Nouna/Burkina Faso wurde deshalb von Global Health Forum als Modell für eine exzellente und faire Kooperation ausgezeichnet. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das Land Baden-Württemberg haben die gemeinsamen Projekte seit Einrichtung des Sonderforschungsbereiches im Jahr 1999 mit insgesamt 14 Millionen Euro unterstützt.

Literatur:
Bocar Kouyaté, Ali Sie, Maurice Yé, Manuela De Allegri, Olaf Müller: The great failure of malaria control in Africa: a district perspective from Burkina Faso. PLoS Medicine. Vol. 4(6) June 2007.

(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

Weitere Informationen im Internet:
- Veröffentlichung im Medizin-Internetjournal der "Public Library of Science":
www.plosmedicine.org
- Sonderforschungsbereich SFB 544 "Kontrolle Tropischer Infektionskrankheiten":
www.hyg.uni-heidelberg.de/sfb544
- Allgemeine Informationen und Links zum Thema Malaria:
www.who.int/topics/malaria/en
Ansprechpartner:
Professor Dr. med. Olaf Müller
Hygiene-Institut, Abteilung Tropenhygiene und
Öffentliches Gesundheitswesen
Universitätsklinikum Heidelberg
Tel.: 06221/56 50 35
E-Mail: olaf.mueller@urz.uni-heidelberg.de
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.hyg.uni-heidelberg.de/sfb544
http://www.plosmedicine.org
http://www.who.int/topics/malaria/en

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