Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Jeder Fehler zählt

08.05.2007
Frankfurter Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen analysiert typische Fehler und hilft, sie künftig zu vermeiden

"Anderer Fehler sind gute Lehrer" - dies ist das Motto eines internet-basierten anonymen Fehlerberichtssystems für Hausarztpraxen, das am Institut für Allgemeinmedizin unter der Leitung von Prof. Dr. Ferdinand Gerlach entwickelt wurde. Vorbild dieses ersten freiwilligen Berichtsystems ist das Risikomanagement sicherheitsorientierter Industrien wie der Luftfahrt.

Aufgespürt werden damit weniger schwerwiegende Fehler, als vielmehr die häufigeren Beinahefehler. Zu 80 Prozent sind diese auf Prozessfehler im Praxisalltag zurückzuführen, die sich durch veränderte Routinen dauerhaft vermeiden lassen.

Schätzungen zufolge ist bis zu jeder zehnte Patient in deutschen Krankenhäusern von vermeidbaren Schäden durch medizinische Behandlungen betroffen. Wie häufig Fehler im Rahmen der hausärztlichen Versorgung in Deutschland auftreten, ist bisher völlig unbekannt. Als eine Konsequenz wurde in den letzten Jahren in verschiedenen Ländern, wie der Schweiz oder Großbritannien, medizinische Fehlerberichtssysteme etabliert. In Deutschland ist das erste internet-basierte Fehlerberichtssystem am Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt etabliert worden.

Eine internationale Studie über medizinische Fehler in der hausärztlichen Versorgung, an der auch Prof. Ferdinand Gerlach und seine Mitarbeiter (damals noch in Kiel) für Deutschland teilnahmen, definierte erstmals unterschiedliche Fehlertypen. Die Studie zeigte, dass weniger als 20 Prozent der freiwillig gemeldeten Fehler als Kenntnis- beziehungsweise Fertigkeitsfehler einzustufen waren. "Dadurch, dass mehr als 80 Prozent der Fehler in Hausarztpraxen Prozessfehler sind, bietet sich eine große Chance, sie zukünftig zu vermeiden", berichtet Dr. Barbara Hoffmann, die das Projekt betreut.

Über eine gesicherte Internetverbindung berichten Hausärzte und Arzthelferinnen anonym von Fehlern und kritischen Ereignissen in ihrer Praxis. Als Fehler gilt jeder Vorfall, von dem es heißt: "Das war eine Bedrohung für das Wohlergehen des Patienten und sollte nicht passieren. Ich möchte nicht, dass es noch einmal passiert." Auch wenn kein Schaden für den Patienten entstanden ist, kann und soll über Fehler berichtet werden. Das Ausfüllen des Berichtsformulars ist einfach und dauert zirka fünf bis zehn Minuten. Wöchentlich wird ein Bericht ausgewählt und als "Fehler der Woche" veröffentlicht, der von den Nutzern des Systems kommentiert werden kann. Ein ebenfalls online vorgestellter "Fehler des Monats" erreicht über medizinische Fachzeitschriften nahezu alle Hausarztpraxen in Deutschland und Österreich.

Die Anonymität der Berichte wird zum einen dadurch gewährleistet, dass der Absender durch "Abschneiden" der Adresse nicht zurückverfolgt werden kann. Zum anderen werden die Berichte durch kleinere Veränderungen, z.B. das Entfernen von Ortsnamen, "anonymisiert". Seit Beginn des Jahres 2006 gibt es auch die Option, nur für die interne Datenbank zu berichten, ohne dass der Bericht veröffentlicht wird.

Zur künftigen Fehlervermeidung analysieren Barbara Hoffmann und ihre Kollegen im Hinblick auf Fehlerarten, -häufigkeiten und ihre Ursachen. Daraus entwickeln sie Strategien, wie man diese Fehler künftig vermeiden kann. Viele Besucher des Forums geben außerdem Kommentare zu einzelnen Fehlern ab, die oft wertvolle Tipps zur Fehlervermeidung beinhalten.

Seit September 2004 sind mehr als 260 Fehlerberichte eingegangen und die Seiten von www.jeder-fehler-zaehlt.de werden von etwa 6000 Besuchern im Monat genutzt. Die Resonanz ist sehr positiv, viele Ärzte haben im allgemeinen Diskussionsforum ausdrücklich die Einrichtung dieser Seite und damit eine offenere Diskussion über medizinische Fehler begrüßt. Dabei kommt der Schilderung eigener Fehler häufig auch eine entlastende Funktion zu, wie einige der eingegangenen Berichte und auch Kommentare zeigen.

Lesen Sie mehr dazu in der neuen Ausgabe von "Forschung Frankfurt".
Kostenlos bestellen: steier@pvw.uni-frankfurt.de
Weitere Informationen:
Dr. Barbara Hoffmann, Institut für Allgemeinmedizin,
Theodor-Stern-Kai 7, 60596 Frankfurt
Tel: 069-6301-7152
E-Mail: hoffmann@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de

Dr. Anne Hardy | idw
Weitere Informationen:
http://www.jeder-fehler-zaehlt.de

Weitere Berichte zu: Allgemeinmedizin Fehlerberichtssystem Prozessfehler

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Innovative Antikörper für die Tumortherapie
20.02.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Nervenschmerzen zukünftig wirksamer behandeln
20.02.2017 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Im Focus: Breakthrough with a chain of gold atoms

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

Im Focus: Hoch wirksamer Malaria-Impfstoff erfolgreich getestet

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Im Focus: Sensoren mit Adlerblick

Stuttgarter Forscher stellen extrem leistungsfähiges Linsensystem her

Adleraugen sind extrem scharf und sehen sowohl nach vorne, als auch zur Seite gut – Eigenschaften, die man auch beim autonomen Fahren gerne hätte. Physiker der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Welt der keramischen Werkstoffe - 4. März 2017

20.02.2017 | Veranstaltungen

Schwerstverletzungen verstehen und heilen

20.02.2017 | Veranstaltungen

ANIM in Wien mit 1.330 Teilnehmern gestartet

17.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Innovative Antikörper für die Tumortherapie

20.02.2017 | Medizin Gesundheit

Multikristalline Siliciumsolarzelle mit 21,9 % Wirkungsgrad – Weltrekord zurück am Fraunhofer ISE

20.02.2017 | Energie und Elektrotechnik

Wie Viren ihren Lebenszyklus mit begrenzten Mitteln effektiv sicherstellen

20.02.2017 | Biowissenschaften Chemie