Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn Essen zur Wissenschaft wird

23.03.2007
Ein an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig entwickeltes Lernprogramm für Patienten hilft Zöliakie-Patienten bei der Auswahl der richtigen Lebensmittel

Das auf dem Bildschirm abgebildete Brot verzieht das Gesicht, wenn der User es mit einem falschen, also einem glutenhaltigen Getreide füttert. Oder wenn der Einkaufswagen mit glutenhaltigen Lebensmitteln gefüllt wird, ist plötzlich ein Schriftzug zu lesen: "Sie riskieren einen Diätfehler!". Die Benutzer dieses Programmes - Zöliakie-Patienten - wissen sehr wohl was das dann bedeutet. Dennoch wird es gleich noch bildlich gemacht: Es taucht ein Toilettenhäuschen auf, besetzt von einem missmutig dreinblickenden Männlein.

"Bei den ersten Tests des Programms in Selbsthilfegruppen waren wir besonders bezüglich dieser Karikatur etwas skeptisch, wie sie beim Nutzer des Programms ankommt. Aber alle Betroffenen haben darüber gelacht", erzählt Kirsten Meyer. Betroffen ist sie auch selbst. Die junge Frau leidet an der Stoffwechselkrankheit Zöliakie, also einer Getreideunverträglichkeit. Nicht zuletzt diese chronische Krankheit brachte die Oecotrophologin (Ernährungs- und Haushaltswissenschaften) dazu, von ihrem Studienort Bernburg an die Universität Leipzig zu wechseln. Hier fand sie in der Arbeitsgruppe Medizinische Lern- und Informationssysteme besonders gute Voraussetzungen vor, um als ihre Diplomarbeit ein Lernprogramm zu entwickeln, das Zöliakie-Patienten ermöglicht, das notwendige Wissen für ihre Ernährung zu gewinnen. Steffen Sülzle stand und steht ihr zur Seite, wenn es darum geht, Wege zu finden, auf denen dieses Programm über die Ladentische gehen könnte.

Programm auch für andere Diäten anwendbar

Fachliche Unterstützung fand die Diplomandin und spätere Universitätsmitarbeiterin bei Prof. Ralf Paschke, der auf diesem Gebiet bereits arbeitete und mit einer anderen Firma auch den Grundstock für die Ausgründung der SCIAS GbR gelegt hatte. "Die Mitarbeiter der Arbeitsgruppe unter der Leitung des Informatikers Dr. Nebel haben einen interessanten Ansatz gefunden, wie man mit Volkskrankheiten umgehen sollte", so Paschke. "Die umfassend notwendige Aufklärung und Wissensvermittlung kann nicht mehr ausschließlich in der Sprechstunde des Facharztes erfolgen. Solche Programme könnte ich mir ebenfalls bei Adipositas und vielen ähnlichen, durch das Verhalten der Pateinten beeinflussbaren Erkrankungen vorstellen." Unter der Leitung von Prof. Paschke wurden am Universitätsklinikum Leipzig drei derartige Schulungsanwendungen für Diabetes Patienten entwickelt.

Neben der wissenschaftlichen Hilfe suchte Kirsten Meyer die Unterstützung der Selbsthilfegruppen. Die Runden der Betroffenen erzählten ihr detailliert, wann sie vor welchen Problemen stehen. "Es geht darum, nicht nur Wissen schlechthin zu vermitteln, sondern es in den Kontext der Alltagssituationen einzufügen, denen der Patient gewachsen sein muss. Und dann sollte das Lernen auch noch Spaß machen." Um das zu verdeutlichen lädt sie per PC zu einem Restaurantbesuch ein: Der Kellner bringt die Karte und schon beginnt - per Sprechblase und Ton - ein interaktives Gespräch zwischen Kellner und Gast. Denn der Patient, darf nichts auswählen, was auch nur mit dem kleinsten Hauch Weizenmehl in Berührung gekommen ist, keine angedickte Soße, kein gebundenes Gemüse, nicht mal ein Spritzer Soja-Soße. "Was also genau, muss ich dem Kellner sagen? Wie erkläre ich ihm, dass ich keine Kompromisse machen darf? Oder rede ich lieber gleich mit dem Koch? Welche Alternativen schlage ich dem vor? Das will gelernt sein."

Schnelle Aneignung des Lernstoffes

Aber nicht nur die Inspiration für die Lernprogramme lieferten die Selbsthilfegruppen, sie stellen sich auch als Tester zur Verfügung. Nach dem Zufallsprinzip wurden im Rahmen einer Studie zwei Mannschaften eingeteilt. Die eine musste herkömmliche Info-Broschüren lesen. Die andere - ob nun mit oder ohne einschlägige Erfahrung - wurde vor den PC mit der neuen Lern-Software gesetzt. "Und wie erwartet konnten die User des Programms sich den Lernstoff nicht nur schneller aneignen, sie konnten ihn auch drei Wochen später korrekter darstellen und anwenden." A

Der gegenwärtige Schritt, den die SCIAS-Gründer gehen, ist die Anpassung des Zöliakie-Programms an die Gegebenheiten der Schweiz und Österreichs und dessen Übersetzung ins Englische und Anpassung an die USA, Canada und Groß Britannien. Eine weitere Stoffwechselkrankheit, der sie sich widmen möchten, ist Phenylketonurie.

Autoren dieser Software sind die Oecotrophologin Kirsten Meyer und der Betriebswirtschaftler Steffen Sülzle, bislang Mitarbeiter der Universität Leipzig und seit kurzem Gründer der SCIAS GbR. Betreut wurden sie von Prof. Ralf Paschke, Leiter der Endokrinologischen Ambulanz, der neben PD Dr. Secknus, Chefarzt der Klinik für innere Medizin ll in Weimar, als Autor am Programm mitwirkte.

Marlis Heinz

weitere Informationen:
Prof. Dr. Ralf Paschke
Telefon: 0341 97-13200
E-Mail: ralf.paschke@medizin.uni-leipzig.de

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de/~innere

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

nachricht Künftige Therapie gegen Frühgeburten?
19.07.2017 | Universitätsspital Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten