Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Immer mehr Menschen mit Demenz im Krankenhaus: KDA fordert bessere Einstellung auf Patienten mit Demenz

21.03.2007
"Die meisten Krankenhäuser in Deutschland sind nicht ausreichend auf die steigende Zahl der Menschen mit Demenz und somit auf die Bedürfnisse dieser besonders verletzlichen Patientengruppe eingestellt", sagte Klaus Großjohann, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), auf einer Pressekonferenz im Rahmen der Fachmesse "Altenpflege+ProPflege 2007" in Nürnberg.

Wenn Demenzkranke in eine Klinik eingeliefert werden, liegt in der Regel eine akute somatische Erkrankung vor. Die Demenz als zweite Erkrankung, sofern sie überhaupt schon diagnostiziert wurde, tritt dabei häufig in den Hintergrund. "Die Nebendiagnose Demenz geht oft unter, weil sich die Krankenhausbehandlungen auf die Hauptdiagnosen konzentrieren", erklärt Großjohann weiter. Das hat für die altersverwirrten Patienten nicht selten fatale Folgen.

"Drohende oder plötzliche Krankenhausaufenthalte stellen alle Menschen vor große psychische Belastungen. Für Menschen mit Demenz können sie aber zum 'Horrortrip' werden", erläutert die KDA-Pflegeexpertin und Psychologin Christine Sowinski. "Ihre Orientierungsschwierigkeiten können sich so sehr verstärken, dass sich die Symptome einer bisher vielleicht unerkannten Demenz womöglich erstmals zeigen oder gar verschlimmern."

Das führt zu einer immensen Belastung nicht nur der Betroffenen selbst, sondern auch des Krankenhauspersonals, das darauf viel zu oft mit der Vergabe von Sedativa reagiert. "Ein Paradoxum", findet Dr. Ulrich Kastner, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Steigerwaldklinik Burgebrach und bis vor kurzem Leiter der Memory Clinic an den Rheinischen Kliniken in Bonn. "Da werden Psychopharmaka verabreicht, um die stationäre Behandlung erst möglich zu machen. Es wird also medikamentös auf ein Symptom reagiert, das durch den Krankenhausaufenthalt erst erzeugt wurde." Die Psychopharmaka könnten bei den Patienten zu Abhängigkeiten oder zu einer Erhöhung der Sturzgefahr mit der Folge von Knochenbrüchen führen, so Kastner weiter. Dazu kommt ein weiteres typisches Krankenhausproblem: "Patienten mit Demenz entwickeln unter anderem aufgrund der fremden und angstauslösenden Umgebung und mangels fester Bezugspersonen im Krankenhaus Ess- und Trinkstörungen, die wiederum zu Delirien führen können und das Krankheitsbild der Demenz zusätzlich überlagern", erklärt der Mediziner. Das Krankenhauspersonal müsse hier besser geschult werden, um zwischen den leicht verwechselbaren Symptomen von Demenz und Delir unterscheiden zu können, so Kastner weiter.

... mehr zu:
»Demenz »KDA

"Herausforderndes Verhalten" lässt sich vermindern oder verhindern

Eine größere Bereitschaft für eine "demenzsensible Pflege" im Krankenhaus fordert auch Christine Sowinski: "Die Klinikmitarbeiterinnen und -mitarbeiter brauchen neuere Erkenntnisse, wie sie mit Demenzkranken umgehen können. Die funktionalen Arbeitsabläufe im Krankenhaus passen nicht zu Menschen mit Demenz. Die reizarme Umgebung dort sowie das ihnen unbekannte Krankenhauspersonal verstärkt oft deren herausforderndes Verhalten, was im klinischen Arbeitsalltag als extrem störend empfunden wird." Mit herausforderndem Verhalten meint die Psychologin beispielsweise extremen Bewegungsdrang, lautstarke Äußerungen, verstärkte Kontinenzprobleme oder sogar sexuell übergriffiges Verhalten.

Wie das Krankenhauspersonal damit umgehen sollte, zeigt ein gerade erschienenes und erstmalig auf der "Altenpflege+ProPflege" vorgestelltes Lern- und Arbeitsbuch mit besten Praxisbeispielen aus Schottland, das vom KDA übersetzt wurde und herausgegeben wird. Die Autorin des Buches "Menschen mit Demenz im Krankenhaus", Carole Archibald von der Universität Stirling, beschäftigt sich seit vielen Jahren und in zahlreichen Forschungsarbeiten mit dem Thema und verdeutlicht, wie beispielsweise durch die Einbeziehung von Angehörigen, Biografiearbeit und bestimmten Kommunikationsformen im Krankenhaus auf die "Herausforderung Demenz" reagiert werden sollte.

Was derart konstruktive Ansätze bewirken können, zeigen die wenigen Projekte, die sich mit der Erforschung bzw. Veränderung der Situation von Menschen mit Demenz in Kliniken beschäftigen. Eines davon ist das GISAD-Projekt am Bethanien-Krankenhaus in Heidelberg. Dort wurde eine "Geriatrisch Internistische Station für Akuterkrankte Demenzpatienten" eingerichtet, auf der auch die Arbeitsansätze Carole Archibalds erprobt und angepasst wurden. "Bei uns sorgt ein speziell geschultes Team nicht nur für adäquate Behandlung der demenzkranken Patienten, sondern auch für besondere Aktivierungs- und Beschäftigungsangebote", erklärt die Pflegewissenschaftlerin und GISAD-Mitarbeiterin Dr. Elke Müller. "Unser Konzept bestätigt uns darin, dass sich auf diese Weise von 'herausforderndem Verhalten' geprägte Situationen vermindern oder gar verhindern lassen. Darüber hinaus legen wir vor allem viel Wert auf die Klärung der Weiterversorgung nach dem Klinikaufenthalt, wobei die Zusammenarbeit mit Angehörigen, Betreuungspersonen, Hausärzten, dem Heimpersonal sowie Mitarbeitenden von Pflegediensten im Vordergrund stehen", so Müller weiter.

Vermeidung von "Drehtüreffekten" durch verbesserte Überleitungspflege

Gerade um die Zusammenarbeit der Einrichtungen der Kranken- und Altenpflege geht es auch dem KDA. "Eine bessere Kooperation zwischen den beruflich Pflegenden in beiden Systemen bewirkt nicht nur Positives für die Betroffenen und ihre Angehörigen, sondern hilft auch dabei, dass es nicht zu den von allen Beteiligten ungewollten 'Drehtüreffekten' kommt, bei denen die an Demenz erkranken Menschen unnötigerweise zwischen den Ein-richtungen hin und her verlegt werden", verdeutlicht Christine Sowinski. Sie betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Überleitungspflege und des Expertenstandards "Entlassungsmanagement in der Pflege". Durch eine fachgerechte Überleitungspflege könnten Versorgungsbrüche im gesamten Krankheits- und Pflegeverlauf vermieden werden. Zur Ergänzung der in der Praxis oft nur unzureichend eingesetzten Pflegeüberleitungsbögen hat die KDA-Pflegefachfrau "Tipps für die Krisensituation Krankenhausaufenthalt" entwickelt, die dabei helfen sollen, kritische Situationen zu vermeiden, die bei einer Überleitung von der eigenen Häuslichkeit oder einem Altenheim ins Krankenhaus und zurück entstehen können. In der aktuellen Ausgabe 1/2007 von PRO ALTER, dem Fachmagazin des Kuratoriums Deutsche Altershilfe, werden diese Tipps vorgestellt.

Weitere Themen von PRO ALTER sind:

·Memory Klinik: Demenz diagnostizieren - Betroffene betreuen
·Ernährung von Heimbewohnern: Genau hinschauen - Gezielt verbessern
·Baugruppen: Zusammen bauen - Zusammen wohnen
·Altersdiskriminierung: Intensiv sensibilisieren - Aktiv sanktionieren
Ansprechpartner:
Kuratorium Deutsche Altershilfe
Ines Jonas und Harald Raabe
An der Pauluskirche 3
50677 Köln
Fon: 02 21/93 18 47-0
E-Mail: publicrelations@kda.de
Das KDA ist auch mit einem Bücher- und Informationsstand auf der Messe vertreten. Sie finden uns in Halle 2, Stand 2-616.

Klaus Großjohann | idw
Weitere Informationen:
http://www.kda.de

Weitere Berichte zu: Demenz KDA

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neurorehabilitation nach Schlaganfall: Innovative Therapieansätze nutzen Plastizität des Gehirns
25.09.2017 | Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

nachricht Die Parkinson-Krankheit verstehen – und stoppen: aktuelle Fortschritte
25.09.2017 | Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungen

Posterblitz und neue Planeten

25.09.2017 | Veranstaltungen

Hochschule Karlsruhe richtet internationale Konferenz mit Schwerpunkt Informatik aus

25.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Hochvolt-Lösungen für die nächste Fahrzeuggeneration!

25.09.2017 | Seminare Workshops

Seminar zum 3D-Drucken am Direct Manufacturing Center am

25.09.2017 | Seminare Workshops