Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Chromosomentest macht künstliche Befruchtung sicherer

26.02.2002


Mit der Polkörperanalyse lassen sich die Erfolgsaussichten einer künstlichen Befruchtung steigern. Dieses Bild lässt sich unter http://www.verwaltung.uni-bonn.de/presse/Bildgalerie/pol.jpg aus dem Internet laden (Bildautor Dr. Markus Montag/Uni Bonn)


Mediziner der Universität Bonn haben mit der Polkörperanalyse deutschlandweit erstmalig eine Methode angewandt, mit der sie gesunde von anomalen Eizellen unterscheiden können. Bei der künstlichen Befruchtung können sie so nur die gesunden Zellen in die Gebärmutter einpflanzen und die Erfolgswahrscheinlichkeit gerade bei älteren Frauen mit Kinderwunsch deutlich steigern. Inzwischen kam in Bonn mit Hilfe dieser Methode erstmals ein gesundes Mädchen zur Welt.


Für viele Paare ist die künstliche Befruchtung der letzte Weg zum Wunschkind. Doch auch diese Methode ist nicht immer erfolgreich. Häufiger Grund: Gerade die Eizellen von älteren Frauen bekommen bei ihrer Bildung im Eierstock mitunter zuviel oder zuwenig genetisches Material ab. Mediziner der Universität Bonn haben nun mit der Polkörperanalyse deutschlandweit erstmalig eine Methode angewandt, mit der sie gesunde von anomalen Eizellen unterscheiden können. Bei der künstlichen Befruchtung können sie so nur die gesunden Zellen in die Gebärmutter einpflanzen und die Erfolgswahrscheinlichkeit gerade bei älteren Frauen mit Kinderwunsch deutlich steigern. Inzwischen kam in Bonn mit Hilfe dieser Methode erstmals ein gesundes Mädchen zur Welt.

Lediglich etwa ein Drittel der künstlich befruchteten 30-Jährigen werden schwanger; bei 40-Jährigen liegt die Quote sogar nur bei 10 Prozent. Grund ist häufig eine falsche Verteilung der genetischen Informationsträger, der sogenannten Chromosomen. In normalen Körperzellen ist jedes Chromosom doppelt vorhanden: eines stammt jeweils aus der Samenzelle des Vaters, das zweite aus der Eizelle der Mutter. Insgesamt enthält jede Körperzelle 23 Chromosomenpaare; man spricht von einem doppelten Chromosomensatz.


Bei der Entwicklung der Eizelle sortiert der Körper die Chromosomenpaare nach dem Zufallsprinzip auseinander und verteilt sie auf zwei Tochterzellen, die jeweils den einfachen Satz von 23 Einzelchromosomen besitzen. Bei Frauen entstehen dabei die Eizelle und der genetisch gewissermaßen spiegelbildlich (komplementär) ausgestattete Polkörper, der zunächst innerhalb der Eihülle verbleibt und später verkümmert. Für die Entwicklung des Embryos hat der Polkörper keine Bedeutung.

Bei der Aufteilung der Chromosomen geschehen allerdings manchmal Fehler. So kann es vorkommen, dass ein Chromosomenpaar nicht auseinandersortiert wird - die Eizelle enthält dann beispielsweise ein Chromosom zuviel, der Polkörper entsprechend ein Chromosom zuwenig. Aufgrund der Fehlverteilung der Erbinformation sterben solche Eizellen meist schon kurz nach der Befruchtung ab oder führen zur Fehlgeburt.

"Gerade bei älteren Frauen ist eine derartige Fehlverteilung nicht selten", erklärt der Bonner Reproduktionsmediziner Professor Dr. Hans van der Ven. "Bei Frauen über 40 Jahren sind in 50 bis 70 Prozent der Eizellen, die bei einer künstlichen Befruchtung entnommen werden, die Chromosomen falsch verteilt."

Bei der sogenannten in-vitro-Befruchtung (IVF) werden der Frau mehrere Eizellen entnommen und außerhalb des Körpers mit Spermien des Mannes befruchtet. Nach 18 bis 20 Stunden erfolgt die Kontrolle, ob die Befruchtung erfolgreich war. Maximal drei der befruchteten Eizellen dürfen nach dem Embryonenschutzgesetz der Frau in die Gebärmutter gesetzt werden. Die Wissenschaftler vom Zentrum für Reproduktionsmedizin und Frauenheilkunde haben mit der Polkörperanalyse nun deutschlandweit erstmalig eine Methode angewandt, mit der sie gesunde von defekten Eizellen unterscheiden können. Nur die erfolgversprechenden Zellen werden nach der künstlichen Befruchtung in die Gebärmutter gespült. Gerade bei älteren Frauen steigt so die Chance, wirklich schwanger zu werden, an; seltener kommt es zu körperlich und psychisch belastenden Fehlversuchen.

Die Mediziner nutzen bei ihrer Methode aus, dass die genetische Ausstattung des Polkörpers komplementär zu der der Eizelle ist. Nach der Injektion des Spermas schneiden sie mit einem feinen Laserstrahl ein kleines Loch in die Eihülle, durch das sie unter dem Mikroskop das Polkörperchen mit einer Mikropipette entnehmen können. Diejenigen Chromosomen des Polkörperchens, bei denen man häufig Fehlverteilungen beobachtet, werden anschließend mit Fluoreszenzfarbstoffen gefärbt, so dass unter dem Mikroskop die Verteilung sichtbar wird.

"Die Methode erfordert einen hohen labortechnischen Aufwand und speziell geschulte Embryologen. Außerdem ist sie sehr zeit- und kostenintensiv, so dass momentan eine routinemäßige Anwendung noch nicht möglich ist", erklärt Professor van der Ven. Bei Patientinnen mit höherem Alter und mehreren vorherigen IVF-Fehlversuchen konnten die Bonner Reproduktionsmediziner aber bereits Erfolge erzielen: Vor kurzem brachte eine Patientin ein gesundes Mädchen zur Welt, fünf weitere Frauen sind inzwischen schwanger - darunter eine 43jährige, die normalerweise nur eine fünfprozentige Chance auf eine erfolgreiche in-vitro-Befruchtung gehabt hätte.


Weitere Informationen: Professor Dr. Hans van der Ven, Zentrum für Geburtshilfe und Frauenheilkunde an der Universität Bonn, Tel.: 0228/287-5779 oder -5450 (Pforte), Fax: 0228/287-5795, E-Mail: hans.van-der-ven@ukb.uni-bonn.de


Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.verwaltung.uni-bonn.de/presse/Bildgalerie/pol.jpg

Weitere Berichte zu: Befruchtung Chromosom Eizelle Gebärmutter Polkörper

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress 2017:„Closed Loop“-Systeme als künstliche Bauchspeicheldrüse ab 2018 Realität

23.05.2017 | Veranstaltungen

Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquium 2017: Internet of Production für agile Unternehmen

23.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Krebs erregende Substanzen aus Benzinmotoren

24.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wasserqualität von Flüssen: Zusätzliche Reinigungsstufen in Kläranlagen lohnen sich

24.05.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Orientierungslauf im Mikrokosmos

24.05.2017 | Physik Astronomie