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Eine gefährliche Wechselbeziehung: Wenn Diabetes und Parodontitis zusammentreffen

14.02.2007
Allein in Deutschland gibt es ca. sechs Millionen diagnostizierte Diabetiker. Die Anzahl der an Parodontitis Erkrankten liegt noch höher. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der Bundesbürger betroffen ist.

Auf den ersten Blick scheinen die beiden weit verbreiteten Volkskrankheiten nicht viel miteinander zu tun zu haben. Heute weiß man jedoch, dass die Zuckerkrankheit und die Entzündung des Zahnhalteapparates in einer engen Wechselbeziehung zueinander stehen, sich gegenseitig beeinflussen und auch gemeinsam Folgeerkrankungen im Körper auslösen können.

Fast 95 Prozent der Diabetiker in den Industrienationen leiden am so genannten Typ 2 Diabetes. Im Gegensatz zum Typ 1 wird bei dieser Form zwar noch das für den Stoffwechsel notwendige Hormon Insulin gebildet, die Körperzellen reagieren darauf allerdings nicht mehr richtig. Es ist bekannt, dass Erbfaktoren und Alter bei der Entwicklung eines Typ 2 Diabetes eine Rolle spielen, ob die Krankheit aber ausbricht, hängt in der Regel vom Lebensstil ab: Vor allem Bewegungsmangel, allzu üppiges Essen und das daraus resultierende Übergewicht sind entscheidende Faktoren.

„Wird der Blutzuckerspiegel über lange Zeit nicht ausreichend gesenkt, lagern sich verzuckerte Eiweiße an der Innenseite der kleinen und größeren Blutgefäße ab und richten dort Schaden an“, erklärt Dr. Birgit Tillenburg, Leiterin des Diabetes-Zentrums am Elisabeth-Krankenhaus Essen. „Dadurch verengen sich die Gefäße – im Extremfall können sie sich sogar völlig verschließen. Rauchen, erhöhte Blutfettwerte und Bluthochdruck verstärken diesen Prozess. Der Diabetes kann so schwerwiegende Folgekrankheiten am Herzen, an Nieren, Augen und anderen Organen nach sich ziehen. Die Schädigung der kleinen Blutgefäße begünstigt aber auch mögliche Erkrankungen im Mundraum. Denn die Sauerstoffversorgung und die Widerstandskraft des Zahnfleisches wird gestört. Gleichzeitig ist bei vielen Diabetikern häufig das gesamte Immunsystem geschwächt. Bakterien können sich deshalb stärker vermehren und Entzündungen hervorrufen. Die Parodontitis ist deshalb mittlerweile als Folgeerkrankung des Diabetes anerkannt.“

Teufelskreis

Die Parodontitis zählt zu den häufigsten Infektionskrankheiten der Mundhöhle. Sie beginnt meist mit scheinbar harmlosem Zahnfleischbluten. Auslöser sind Bakterien, die sich im weichen Zahnbelag – der so genannten Plaque – und im Zahnstein zwischen den Zähnen und am Zahnfleischrand festsetzen. Diese Keime rufen eine Abwehrreaktion des Körpers hervor: Das Immunsystem versucht, sich gegen die Eindringlinge zu wehren. „Eine vielfältige Abfolge von Aktion und Reaktion wird in Gang gesetzt“, so Dr. Jürgen Oberbeckmann, Leiter der Zahnklinik am Elisabeth-Krankenhaus. „Unter anderem werden Enzyme gebildet, die die Bakterien zerstören sollen. Diese Enzyme greifen aber nicht nur die Bakterien an, sondern auch den Zahnhalteapparat – also Zahnhals, Wurzelzement, Wurzelhaut und Kieferknochen. Die Folge: Eine fortschreitende Vertiefung der Zahnfleischtaschen und Abbau des Kieferknochens. Wird die Parodontitis zu spät behandelt, können sich die Zähne lockern und ausfallen.“

Doch nicht nur der Diabetes mellitus kann eine Parodontitis begünstigen oder eine bestehende verstärken, umgekehrt kann sich auch die Entzündung des Zahnhalteapparates negativ auf die Zuckererkrankung auswirken.

Tillenburg: „Jeder Entzündungsherd im Körper verstärkt die Insulinresistenz der Zellen und verschlechtert so den Blutzuckerwert. Zusätzlich erschweren Entzündungen die Blutzuckereinstellungen – es kommt zu starken Schwankungen der Werte. Die beiden Krankheiten bilden also einen Teufelskreis: Einerseits fördert ein schlecht eingestellter Diabetes die Parodontitis, andererseits kann die Munderkrankung den Blutzucker in die Höhe treiben.“

Welche Wechselwirkungen zwischen der Mundgesundheit und der Gesundheit des übrigen Körpers bestehen, ist heute Gegenstand zahlreicher Forschungsprojekte. „Dabei geht es immer öfter auch um die Frage, inwieweit Parodontitis ein eigenständiger Risikofaktor für andere Erkrankungen ist,“ erläutert Tillenburg. „Über die Blutbahn können die Bakterien aus der Mundhöhle nämlich an andere Stellen des Körpers gelangen und dort ebenfalls Entzündungen auslösen. Neuere Forschungsarbeiten zeigen, dass insbesondere arteriosklerotische Gefäßerkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall signifikant häufiger bei Parodontitispatienten zu beobachten sind. Das Tückische ist, dass dies wiederum genau die Erkrankungen sind, die auch durch einen schlecht eingestellten Diabetes mellitus ausgelöst werden können.“

Was kann man tun?

Persönliche Lebensgewohnheiten und Verhalten haben einen großen Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf beider Krankheiten. Das ist einerseits Fluch, aber darin liegt auch eine große Chance: Da die Studien belegen, dass es vor allem schlecht eingestellte Diabetiker sind, die eine Parodontitis entwickeln und bei ihnen der Verlauf besonders gravierend ist, sollten Diabetiker alles tun, um ihren Blutzucker im Normbereich zu halten. Die Ernährung muss also so umgestellt werden, dass die Kalorienzufuhr auf die Bedürfnisse des Erkrankten zugeschnitten ist. Regelmäßige Bewegung, eine Gewichtsreduktion sowie eine medikamentöse Therapie mit Tabletten oder Insulininjektionen spielen in vielen Fällen ebenfalls eine entscheidende Rolle. So lassen sich die Risiken für eine Parodontitis und andere Folgeerkrankungen deutlich verringern.

Aus zahnmedizinischer Sicht ist eine Parodontitis heute sowohl therapierbar, kann aber auch sehr gut durch Prophylaxemaßnahmen verhindert werden. Um den Zahnhalteapparat gesund zu erhalten, ist eine gewissenhafte Mundhygiene notwendig. Wichtig ist dabei die richtige Putztechnik und das regelmäßige Entfernen von Plaque in den Zahnzwischenräumen. Faktoren, die eine Parodontitis begünstigen, sollten – wenn möglich – beseitigt werden. Dazu kann beispielsweise auch eine falsche Belastung der Zähne durch überstehende Kronen- und Füllungsränder gehören. Oberbeckmanns dringlichster Rat: „Rauchen Sie nicht! Rauchen ist der größte Parodontitisrisikofaktor.“ Da Parodontitis zunächst keine Beschwerden verursacht, bleibt sie für den Laien oft lange unerkannt. „Um sicher zu gehen, sollten Diabetiker den Zustand des Zahnfleisches zweimal im Jahr überprüfen lassen“, so Oberbeckmann. „Durch frühzeitiges Erkennen der Erkrankung und eine individuell zugeschnittene Therapie kann der Krankheitsprozess zum Stillstand gebracht und der Zustand des Zahnhalteapparates deutlich verbessert werden. Eine erfolgreiche Parodontitisbehandlung hilft Diabetikern, ihre Blutzuckereinstellung deutlich zu verbessern und schafft eine stabile Basis für die Allgemeingesundheit.“

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