Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neuer Nutzen für eine alte Arznei

12.02.2007
Eisenüberschuss kann im Tiermodell erfolgreich mit einem Mittel gegen Bluthochdruck behandelt werden / Aktuelle Veröffentlichung in "Nature Medicine"

Ein populäres Blutdruckmittel kann im Tiermodell überschüssiges, in Organen abgelagertes Eisen entfernen. Dabei handelt es sich um Nifedipin aus der Gruppe der blutdrucksenkenden Calcium-Antagonisten.

Diese überraschende Entdeckung haben Wissenschaftler der Medizinischen Universität Innsbruck, des Universitätsklinikums Heidelberg und des European Molecular Biology Laboratory (EMBL) gemacht. Sie könnte einen Ansatz für neue Behandlungsmethoden darstellen. Die Arbeit ist in der aktuellen Online-Ausgabe von "Nature Medicine" veröffentlicht.

Eisen ist als Bestandteil des Blutfarbstoffs in den roten Blutkörperchen essentiell. Ständiger Eisenüberschuss ist jedoch schädlich für die Gesundheit. Überschüssiges Eisen wird in verschiedenen Organen, vor allem der Leber, gespeichert. Dort fördert es die Bildung gefährlicher Radikale von Sauerstoffverbindungen. Irreversibles Organversagen und Tod können die Folgen sein, wenn das Eisen nicht rechtzeitig entfernt wird.

Eisenüberschuss ist die Folge einer der häufigsten Erbkrankheiten, der Hämochromatose (Eisenspeicherkrankheit). Sie betrifft etwa einen von 300 Europäern. Ausserdem können wiederholte Bluttransfusion zu Eisenüberschuss und mit der Zeit zu Organversagen führen.

Nifedipin mobilisiert Eisen in der Leber und erhöht dessen Ausscheidung

Günter Weiss, Innsbruck, und seine Kollegen in Heidelberg fanden nun heraus, dass Nifedipin, eine Substanz, die gewöhnlich zur Kontrolle des Blutdrucks verwendet wird, den Körper beim Umgang mit überschüssigem Eisen unterstützen kann. "Wir konnten bei Mäusen mit Eisenüberschuss beobachten, dass Nifedipin in der Leber gespeichertes Eisen mobilisiert,, sowie dessen Ausscheidung in den Urin fördert", so Weiss. "Dieses Ergebnis eröffnet die Möglichkeit Nifedipin als neues Medikament bei angeborenen Eisenspeicherkrankheiten sowie bei anderen Eisenüberschuss-Störungen zu testen."

Mit einer Kombination von Techniken aus der Elektrophysiologie, Zellbiologie und Molekularforschung fanden Weiss und seine Kooperationspartner heraus, dass Nifedipin den Eisenstoffwechsel dadurch beeinflusst, dass es auf das so genannte DMT-1 Molekül wirkt. DMT-1 transportiert Eisen durch die Zellmembran. Dieser Transport wird durch Nifedipin 10- bis 100-fach verstärkt. Der genaue Mechanismus ist bislang noch unbekannt. Bekannt ist aber, dass Nifedipin Membrankanäle blockiert, die den Zufluss von Calcium in die Zellen steuern. Ob die Änderung des Calciumspiegels innerhalb der Zelle sich dann indirekt auf den Eisentransport auswirkt oder ob Nifedipin in Leber oder Niere direkt an DMT-1 bindet muss erst noch bestimmt werden.

"Wenn wir die genauen molekularen Mechanismen verstehen, die der Wirkung von Nifepidin auf den Eisentransport zu Grunde liegen, wäre dies ein großer Schritt in Richtung Therapieentwicklung, die bei Patienten angewendet werden kann", sagt Martina Muckenthaler, Professorin an der Universität Heidelberg. "Nifepidin könnte zügiger in die klinische Praxis eingeführt werden als andere Substanzen, da es schon seit Jahren zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt wird. Wir kennen also bereits das Medikament und seine Nebenwirkungen."

Blutdrucksenkung muss durch pharmakologische Anpassung vermieden werden

Ein wichtiger weiterer Schritt auf dem Weg vom Labor in die Klinik wird die gezielte pharmakologische Anpassung des Präparates sein, um den Effekt von Nifepidin auf den Eisenstoffwechsel von seiner bereits bekannten Wirkung auf den Blutdruck zu trennen.

"Unsere Entdeckung ist ein sehr gutes Beispiel für ein Zusammenspiel von Grundlagenforschung und Klinik, das Ergebnisse hervorbringt, die für die Medizin von Bedeutung sind und von denen letzten Endes der Patient profitiert", sagt Matthias Hentze, Vizedirektor des EMBL und Mitautor der Studie. "In der Molecular Medicine Partnership Unit (MMPU) zwischen EMBL und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg verflechten wir Molekularbiologie mit klinischer Medizin, um so ein grundlegendes Verständnis von Erkrankungen zu erreichen. Es ist daher sehr befriedigend, einen so aufregenden Fortschritt in der Medizin als Frucht der Zusammenarbeit von ehemaligen EMBL Mitarbeitern und der MMPU zu erleben."

Ansprechpartner:

Professor Dr. Martina Muckenthaler
Abt. Kinderheilkunde III, Onkologie, Hämatologie und Immunologie
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin
Tel.: 06221 / 56 4555 (Sekretariat)
E-Mail: martina.muckenthaler@med.uni-heidelberg.de
Professor Dr. Matthias Hentze
Vizedirektor des EMBL
Tel.: 06221 / 387 501
e-mail: hentze@embl.de
Professor Dr. Günter Weiss
Universitätsklinik für Innere Medizin
Medizinische Universität Innsbruck
Tel.: (+43) 0512 / 504 23314 oder -23251 (Sekretariat)
E-Mail: guenter.weiss@uibk.ac.at
Literatur:
Ca2+ channel blockers reverse iron overload by a new mechanism via divalent metal transporter-1. Susanne Ludwiczek, Igor Theurl, Martina U Muckenthaler, Martin Jakab, Sabine M Mair, Milan Theurl, Judit Kiss, Markus Paulmichl, Matthias W Hentze, Markus Ritter & Guenter Weiss. Nature Medicine, Published online: 11 February 2007.

(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

Webseite der Molecular Medicine Partnership Unit:

www.klinikum.uni-heidelberg.de/Molecular-Medicine-Partnership-Unit-MMPU.101349.0.html

Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: Annette_Tuffs@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

Weitere Berichte zu: DMT-1 EMBL Eisen Eisenüberschuss Medicine Molecular Nifedipin Nifepidin

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Tropenviren bald auch in Europa? Bayreuther Forscher untersuchen Folgen des Klimawandels
21.06.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften