Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit 40.000 Blutproben gegen Grippe & Co.

07.02.2007
Vier Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Atemwegserkrankungen wie der Virusgrippe. Gerade älteren Menschen kann eine Infektion gefährlich werden. Hinzu kommt, dass bei dieser Risikogruppe die Grippeimpfung nicht so wirksam ist wie bei Jüngeren.

Grund: Im Alter nimmt die Schlagkraft der Immunabwehr ab - warum, ist noch weitgehend unbekannt. Unter Federführung der Universität Bonn startet nun ein internationales EU-Projekt, das Licht ins Dunkel bringen soll. Die Forscher wollen unter anderem durch die Untersuchung mehrerer zehntausend Blutproben des Rätsels Lösung näher kommen. Ziel ist auch die Entwicklung neuer Medikamente, die die Abwehrkräfte stimulieren.

Die Spanische Grippe raubte zwischen 1918 und 1920 mindestens 25 Millionen Menschen das Leben. Doch nicht nur wegen ihrer extremen Virulenz war die Erkrankung eine Ausnahme: Der Erreger, das Influenzavirus Subtyp A/H1N1, raffte vor allem Frauen und Männer in den besten Jahren hinweg. "Normalerweise stellen Atemwegsviren vor allem für Kinder und Menschen über 60 eine Gefahr dar", erklärt Projektkoordinator Dr. Oliver Schildgen. "Bei Älteren kommt leider noch hinzu, dass die Grippeimpfung nur in sechs von zehn Fällen eine Erkrankung verhindert." Bei jungen Erwachsenen liege die Erfolgsquote dagegen bei bis zu 90 Prozent.

Grund: Im Alter nimmt die Schlagkraft der Immunabwehr ab. Ein internationales Forschungskonsortium will nun herausfinden, warum das so ist. Rund 1,8 Millionen Euro stellt die EU dafür in den nächsten drei Jahren zur Verfügung. Bei anderen Erkrankungen wurde schon nachgewiesen, dass der gealterte Körper nicht mehr genügend wirksame Antikörper produzieren kann. "Wir wollen vor allem herausfinden, ob das auch bei Infekten mit neu entdeckten Atemwegsviren der Fall ist", sagt Oliver Schildgen.

Der "kleine Bruder" von SARS

Dazu wollen die Wissenschaftler bis zu 40.000 anonymisierte Blutproben analysieren, die am Uniklinikum Bonn in den letzten Jahren gesammelt wurden. Sie stammen von Patienten, die mit ganz unterschiedlichen Beschwerden eingeliefert wurden. Zu jeder Probe ist bekannt, wie alt die Person war, der sie entnommen wurde. Den Wissenschaftlern geht es darum, einen möglichst repräsentativen Überblick über den Immunstatus der Bevölkerung zu erhalten. "In letzter Zeit sind eine Reihe neuer Atemwegsviren entdeckt worden", erläutert der der Bonner Privatdozent. "Wir vermuten, dass wir in den Blutproben älterer Patienten weniger wirksame Antikörper gegen diese Erreger finden werden als bei Jüngeren."

Zu den möglicherweise gefährlichsten Erregern zählt das erst 2001 vom holländischen Projektpartner entdeckte Coronavirus NL63. Es gehört zur selben Virusgruppe wie der Erreger von SARS, der es bei einer Epidemie in den Jahren 2002 und 2003 zu trauriger Berühmtheit brachte. Die Gruppe vom Academic Medical Center in Amsterdam möchte nun herausfinden, wie eine Infektion mit dieser Virengruppe abläuft, um so möglicherweise Ansatzpunkte für neue Medikamente zu finden.

Unter den Partnern ist auch ein deutscher Softwareentwickler: Die Firma Hamann wird eine Datenbank entwickeln, um die umfangreichen Resultate auszuwerten. In den kommenden Jahren sollen damit auch aktuelle Atemwegsinfektionen in der EU standardisiert erfasst werden. Neue Immuntests, die von der spanischen Firma INGENASA entwickelt werden, sollen eine beschleunigte Lösung dieser Aufgabe ermöglichen. "Wir wollen herausfinden, welche Viren sich momentan ausbreiten, wie gefährlich sie sind und welche Risikofaktoren eine Infektion besonders wahrscheinlich machen", erläutert Schildgen.

Eine Arbeitsgruppe der Universität Siena untersucht derweil, wie sich die Immunantwort bei Älteren auf Zellebene verändert. Weitergehende Erkenntnisse sollen Studien mit gealterten Mäusen liefern. Dazu baut das Universitätsklinikum von Dijon ein entsprechendes Tiermodell auf. Der Belgische Projektpartner RNA-Tec will an den Tieren neue Konzepte erproben, um das Immunsystem Älterer zu Höchstleistungen anzuspornen.

Wenn das Immunsystem im Alter nachlässt, könnte das auch an einer lange zurückliegenden Infektion liegen. Unter Verdacht steht beispielsweise der Erreger des Pfeiffer'schen Drüsenfiebers. Wegen der hauptsächlich betroffenen Altersgruppe und eines möglichen Infektionsweges ist die Erkrankung auch als "Students' Kissing Fever" bekannt. Nach Abheilung der Symptome verbleibt der Erreger, das Epstein-Barr Virus, lebenslang im Körper und könnte mit zunehmendem Alter die Abwehrkraft des Körpers nachhaltig schwächen - eine Theorie, der die RWTH Aachen nachgeht.

Kontakt:
PD Dr. Oliver Schildgen
Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie der Universität Bonn
Telefon: 0228/287-11697
E-Mail: schildgen@mibi03.meb.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Berichte zu: Atemwegsviren Blutprobe Grippe Infektion

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht In Deutschland wächst die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus
23.02.2017 | Versorgungsatlas

nachricht Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt
22.02.2017 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2017

23.02.2017 | Veranstaltungen

Wie werden wir gesund alt? - Alternsforscher tagen auf interdisziplinärem Symposium in Magdeburg

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Heinz Maier-Leibnitz-Preise 2017: DFG und BMBF zeichnen vier Forscherinnen und sechs Forscher aus

23.02.2017 | Förderungen Preise

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: Bayreuther Forscher dringen tief ins Weltall vor

23.02.2017 | Physik Astronomie