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Blutschwämmchen: Abwarten war gestern – Frühzeitige Behandlung verhindert Komplikationen

18.01.2007
Vor zwei Wochen hatte Marion R. bei ihrem knapp vier Monate alten Säugling einen kleinen roten Punkt auf der linken Wange festgestellt. Mittlerweile ist dieser fast erbsengroß und hat auch schon einmal geblutet. Der Kinderarzt kann die besorgte Mutter beruhigen. Bei der Hautveränderung handelt es sich um ein Hämangiom, zu deutsch Blutschwämmchen – eine zumeist harmlose Erkrankung, die unbehandelt aber durchaus zu Komplikationen führen kann.

„Hämangiome sind die häufigsten gutartigen Tumore im Kindesalter“, erklärt Dr. Elke Radeloff, Oberärztin in der Abteilung für Kinderchirurgie des Elisabeth-Krankenhauses Essen. „Es handelt sich dabei um Wucherungen kleiner Hautgefäße, die zu den typischen rotbläulichen Hautveränderungen führen. Etwa zehn Prozent aller Neugeborenen entwickeln Blutschwämmchen. Diese sind bei einem Drittel bereits bei der Geburt sichtbar, die anderen treten in den ersten Lebenstagen und -wochen in Erscheinung und zeigen während der folgenden Monate häufig eine rasche Wachstumstendenz.

Die weichen Gefäßtumore wachsen in oder unter der Haut und sind zumeist deutlich begrenzt. Es bilden sich flächige Gefäßnetze oder Hautknötchen, die erbsen- bis faustgroß werden können. Die meisten Hämangiome findet man am Kopf oder am Unterleib der Kinder.“ Blutschwämme werden weder vererbt noch sind sie ansteckend. Laut Statistik sind vermehrt Mädchen und Frühgeborene betroffen. Ab dem zwölften Lebensmonat bilden sich viele dieser Tumore von selbst zurück. Diese Rückbildung kann allerdings drei bis zehn Jahre dauern und ist nicht immer vollständig. „Bei der Hälfte der Betroffenen bleibt als Restbefund sackartige überschüssige Haut oder eine narbige Veränderung zurück“, so Radeloff.

Komplikationen

Im Allgemeinen machen Blutschwämmchen, bis auf kosmetische Beeinträchtigungen, kaum Beschwerden. Unbehandelte, große Hämangiome im Gesicht können allerdings zu einer massiven Entstellung führen. Psychische und soziale Belastungen durch Hänseleien in Kindergarten und Schule sind für das betroffene Kind dann oft die Folge, weiß die Kinderchirurgin. „Insbesondere bei den Blutschwämmchen am Unterleib kann es außerdem zu Blutungen, Geschwürbildung und Infektionen durch Stuhlverschmutzung sowie Reibung durch Windel oder Kleidung kommen. Die gefürchtetste Hämangiom-Komplikation ist eine mögliche Verdrängung und Einengung einer wichtigen Körperöffnung – ob nun Luftröhre, Nase, Augen, Mund, Ohr, Genital- oder Analbereich. Behinderungen beim Sehen, Hören, Essen, Sprechen und Atmen sind dann möglich. In seltenen Fällen kann es dadurch auch zu lebensbedrohlichen Zuständen kommen.“

So früh wie möglich

Obwohl sich viele Hämangiome früher oder später zurückbilden, ist es häufig nicht ratsam, diesen Vorgang einfach abzuwarten. Radeloff rät: „Jeder Blutschwamm sollte möglichst frühzeitig von einem Spezialisten angeschaut und beurteilt werden. Dazu gehört auf jeden Fall eine Fotodokumentation zur Verlaufskontrolle und gegebenenfalls eine Ultraschalluntersuchung. Aufgrund der modernen Therapieverfahren ist das früher häufig angeratene Abwarten heute nicht mehr zu empfehlen. Zum einen ist das kosmetische Ergebnis am Ende der Rückbildungszeit nicht immer befriedigend, zum anderen erspart eine rechtzeitige Therapie unter Umständen spätere, aufwändigere Operationen. Ziel der Behandlung muss nicht unbedingt die komplette Rückbildung oder Entfernung des Hämangioms sein. Das Erreichen eines frühzeitigen Wachstumsstopps, um Komplikationen zu vermeiden, ist entscheidender. Nur bei kleinen unauffälligen Befunden am Körper kann man auch heute noch abwarten. Aber auch sie sollten engmaschig kontrolliert werden. Falls sich eine Wachstumstendenz zeigt, ist auch hier eine sofortige Therapie zu empfehlen.“

Moderne Verfahren

Früher konnten Blutschwämmchen chirurgisch entfernt, mit Röntgenbestrahlung, Druckverbänden oder Cortisoninjektion behandelt werden. Heute stehen neuere und nebenwirkungsarme Therapieformen zur Verfügung. Eine davon ist die so genannte Kryotherapie. „Bei dieser Methode wird ein in flüssigem Stickstoff auf Minus 196 Grad Celsius gekühlter Metallstempel für ca. zehn Sekunden auf das betroffene Hautareal gesetzt. Dies führt zu einer Einfrierung des Gewebes von maximal zwei Millimetern Tiefe. Während einer Sitzung können Veränderungen mit einem maximalen Durchmesser von anderthalb Zentimetern behandelt werden,“ erklärt die Kinderchirurgin aus Essen. „Die Prozedur ist fast schmerzfrei und erfordert keine Narkose.“ Bei der Lasertherapie wird ein Lichtstrahl in Wärme umgewandelt. Die Behandlung kann schmerzhaft sein und erfolgt daher insbesondere im Gesichtsbereich unter Narkose. Radeloff: „Die Wärmestrahlung bis zu einer Eindringtiefe von einem Zentimeter führt zu einer sterilen Entzündungsreaktion innerhalb der Gefäße des Hämangioms und so zu einer Verkleinerung des Befundes. Nach der Behandlung kann es kurzzeitig zu Schwellungen kommen, bevor dann nach etwa vier Wochen ein Rückgang erkennbar ist. Im Gegensatz zur chirurgischen Therapie hinterlässt die Laserbehandlung keine Narben.“

Aufgrund der Laser- oder Kryotherapie ist das chirurgische Vorgehen in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund gerückt. Tiefer gelegene Hämangiome müssen in aller Regel aber auch heute noch operativ entfernt werden. Auch wenn beispielsweise ein schnell wachsender Blutschwamm am Augenlid die Sehfähigkeit des Kindes bedroht, ist ein chirurgischer Eingriff unabdingbar. Je nach Befund und Lokalisation des Blutschwämmchens werden die verschiedenen Therapieverfahren kombiniert eingesetzt. „Kleine Hämangiome lassen sich häufig schon durch eine einzige Behandlung entfernen, während bei großen Blutschwämmchen mehrfache Vereisungen, Laserbehandlungen oder Operationen notwendig sein können“, so Radeloff. „Deshalb ist es wichtig, dass beim Entstehen roter Flecken jeder Säugling innerhalb von drei Tagen von einem Arzt begutachtet wird, damit gegebenenfalls eine Behandlung so früh wie möglich eingeleitet werden kann.“

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