Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Chancen für Borderline-Patienten

21.03.2001


Selbstverletzte Unterarme einer

Borderline-Patientin


Prof. Dr. med. Fritz Hohagen, Direktor der

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der

MUL


Medizinische Universität Lübeck (MUL) mit speziellem Behandlungsangebot bei schweren Persönlichkeitsstörungen

Sie suchen Entlastung von einem extremen inneren Druck. Und weil sie diese im Alltag nicht finden, zerschneiden sich Menschen mit so genannten Borderline-Persönlichkeitsstörungen die Arme, drücken Zigaretten auf ihrem Körper aus, verweigern die Nahrungsaufnahme oder essen bis zum Brechanfall, schlucken Alkohol und Tabletten bis zur Besinnungslosigkeit. Das nur wenig bekannte Krankheitsbild ist dennoch weit verbreitet: Rund ein Prozent der Bevölkerung erkrankt daran; 20 Prozent aller Krankenhausaufnahmen im psychiatrischen Bereich stehen mit entsprechenden Symptomen im Zusammenhang.

"Damit gehören Borderline-Störungen von der Häufigkeit her zu den ganz großen psychischen Erkrankungen", erklärt Prof. Fritz Hohagen, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Lübeck (MUL). Aufgrund wachsender Patientenzahlen wurde in Lübeck ein Behandlungsschwerpunkt für Borderline-Patienten eingerichtet: Die 19 Therapieplätze umfassende Station ist die größte ihrer Art in Deutschland.

Der Ende der 30er Jahre geprägte Begriff Borderline ("Grenzlinie") geht auf den amerikanischen Psychoanalytiker William Louis Stern zurück. Er charakterisierte damit psychische Beeinträchtigungen, die zwischen Neurose und Psychose schwanken. Heute gelten Borderline-Störungen als eigenständiges Krankheitsbild; man definiert sie über die Instabilität von Gefühlen und Verhalten. Nur ein Viertel der Patienten ist männlich, betroffen sind meist Mädchen und Frauen zwischen 15 und 25.

Als Kind wurde Jennifer (Name geändert) jahrelang von ihren Eltern körperlich gepeinigt. Sie litt unter starken Angstzuständen, hatte früh ersten Kontakt zu kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen. Mit elf fing sie an zu fasten, mit 13 begann sie, sich selbst zu verletzen. "Anfangs waren es nur oberflächliche Ritzer mit Nagelschere und Küchenmesser", erinnert sie sich. Doch als das Messer einmal abrutschte und eine tiefe, klaffende Wunde hinterließ, verspürte sie "ein geniales Gefühl". Jennifer: "Es war völlig befreiend zu sehen, wie das Blut fließt. Von da an musste es immer so sein." Und das ging am besten mit Rasierklingen.

Der Drang, sich selbst zu schädigen, hat nichts mit Masochismus zu tun, denn das Schmerzempfinden ist in dieser Phase deutlich reduziert. Vielmehr geht es Betroffenen wie Jennifer darum, die in Folge psychischer Konflikte aufgebauten unerträglichen Spannungen im Kopf zu lindern. Dies macht jeder auf seine Art: Neben Fressanfällen, Selbstverletzungen oder Alkoholexzessen gelten auch sogenanntes S-Bahn-Surfen und extrem schnelles Motorrad- und Autofahren als mögliche Borderline-Symptome.

Heute ist Jennifer eine junge Frau von 25. Die Hälfte ihres Lebens hat sie sich selbst malträtiert, über 1000 Schnittverletzungen zugefügt. Ihre Unterarme gleichen Kraterlandschaften, sehen aus wie nach einem schweren Brandunfall: Wulstige, zentimeterlange Narbenhügel wechseln sich mit unzähligen, kleineren Schnitten ab. Fachgerecht behandelt wurden nur die wenigsten. "Meistens habe ich mir einfach Tesafilm oder Leukoplast auf die Wunden geklebt", erzählt sie.

Seit knapp zwei Jahren kommt Jennifer, die kurz vor dem Abitur die Schule geschmissen hat und beruflich niemals Fuß fassen konnte, regelmäßig in die Psychiatrische Klinik der MUL. Sie gehört zu einer Patientengruppe, die ein von Lübecker Wissenschaftlern entwickeltes, neues Therapieschema in Anspruch nimmt. "In Anlehnung an die dialektisch-behavoriale Therapie von Marsha Linehan haben wir unserem Konzept Bausteine hinzugefügt, mit denen vor allem schwer kranken Patienten geholfen werden kann", erläutert Oberarzt PD Dr. Ulrich Schweiger.

Entsprechend dem Entwurf der Psychologieprofessorin Linehan aus Seattle/USA gilt es zunächst, dass die Patienten freiwillig mit dem selbstschädigenden Verhalten aufhören. "Alternativen erlernen, mit ihren Spannungen umzugehen, können die Betroffenen nur dann, wenn sie sich nicht mehr dauernd selbst verletzen, exzessiv hungern oder übermäßig Drogen konsumieren", sagt Schweiger, der die Station mit Psychologin Valerija Sipos leitet. Deshalb werden gezielte Verhaltensverträge zwischen Patient und Therapeut abgeschlossen, außerdem Hilfen zur psychischen Stabilisierung angeboten.

Dieser Freiraum kann dann genutzt werden, um Strategien zur Spannungsbewältigung zu vermitteln und neue, erwünschte Verhaltensweisen einzuüben. Dazu werden in Lübeck zusätzlich fünf Module eingesetzt:

1. Selbstmanagement: Die Patienten werden Experten in eigener Sache, erfahren alles über ihr Krankheitsbild. Sie beginnen zu verstehen, warum sie sich in bestimmten Situationen so verhalten und welche Konsequenzen dies für sie hat.
2. Stresstoleranz: In Rollenspielen und Gruppengesprächen lernen sie, mit belastenden Spannungssituationen anders umzugehen.
3. Emotionsmanagement: Hier erfahren sie alles über Gefühle. Borderline-Patienten kennen meist nur "gut" und "schlecht", können mit differenzierten Gefühlen anderer nicht umgehen. Partnerschaftliche Beziehungen sind oft sehr anstrengend, wechseln abrupt zwischen extremer Nähe und hasserfüllter Distanz.
4. Soziale Kompetenz: Lernen "Nein!" zu sagen. Patienten mit Borderline-Störungen schalten ihre "innere Alarmanlage" aus und können nicht zwischen harmlosen und gefährlichen Situationen unterscheiden. Oft äußert sich dies in dem Wunsch, es allen, auch unbekannten Menschen, Recht machen zu wollen.
5. Achtsamkeit: Borderline-Patienten sind häufig fahrig und wie aufgeputscht. Mit Entspannungs- und Meditationstraining lernen sie, sich auf eine Sache zu konzentrieren.

Außerdem werden begleitende psychische Erkrankungen (z.B. Depressionen, Angst- und Essstörungen), die bei den meisten Patienten vorhanden sind, mit speziellen Angeboten in die Therapie eingebunden. So verfügt die Klinik über eine Lehrküche, in der die Betroffenen "normales" Essverhalten üben, und bietet Selbstverteidigungskurse an, in dem die meist weiblichen Patienten trainieren, sich effektiv zu wehren.

In der dritten Therapiephase wird das Erlernte in den Alltag übertragen. Ziel der Behandlung ist es, dass die Betroffenen im sozialen Alltag, in ihrer Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, in der Partnerschaft besser zurecht kommen, dass sie es schaffen, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz (wieder) aufzunehmen. Unterstützung bekommen sie hierbei von den MUL-Therapeuten. Oberarzt Schweiger vergleicht das Verhältnis zwischen Patienten und Therapeuten mit dem eines Bergführers und eines Bergsteigers: "Der Bergführer kennt die Wege zum Gipfel. Doch gehen muss jeder selbst. Und jeder entscheidet selbst, in welchem Tempo und wie weit er gehen möchte."

Die durchschnittlich 12wöchige stationäre Therapie in Lübeck ver-zeichnet gute Erfolge: Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen gehen die Symptome erheblich zurück und die soziale Anpassung verbessert sich deutlich, bilanziert Dr. Schweiger. Eine Hoffnung bleibt allen: Mit zunehmendem Alter wächst sich die Krankheit offensichtlich aus - jenseits der 40 werden Borderline-Symptome selten.

Auch Jennifer ist zuversichtlich: Statt täglich greift sie "nur" noch alle vier bis sechs Wochen zur Rasierklinge; ihre Ängste hat sie soweit in den Griff bekommen, dass sie allein einkaufen oder ins Café gehen kann, ihr extrem niedriges Körpergewicht von 33 auf 52 Kilogramm gesteigert. Ihr größter Wunsch? "Irgendwann möchte ich auf eigenen Beinen stehen, mein Leben selbst meistern und eine richtige Ausbildung machen."

Beim 4. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), der unter Leitung von Prof. Hohagen vom 4. bis 7. April in Lübeck stattfindet, steht die Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen auf der Tagesordnung. Eine Pressekonferenz ist geplant. Weitere Informationen: Prof. Fritz Hohagen, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Tel.: 0451/500 2441.

Hintergrund: Borderline-Patienten - Die Symptome


In nur zwei Minuten von "himmelhochjauchzend" bis "zu Tode betrübt" - treffender lassen sich die Stimmungsschwankungen von Borderline-Patienten kaum charakterisieren. Sie sind mit sich und ihrer gestörten Persönlichkeit so wenig im Reinen, dass ihnen der schnelle Wechsel zwischen Euphorie und Depression kaum bewusst wird. Sie reagieren oft unmittelbar auf plötzliche Impulse und können Wut schlecht kontrollieren.

Kennzeichnend ist bei vielen ein mangelhaftes Selbstbewusstsein. Sie fühlen sich in ihrer Rolle als Mann oder Frau nicht wohl, meinen, nicht liebenswert und einfach nur nutzlos zu sein. Sie klammern sich oft an andere, haben Angst vorm Verlassenwerden nahestehender Menschen. Innere Spannungen bewältigen sie mit riskantem Verhalten (gefährliche Sportarten, schnelles Autofahren, Essanfälle, sexuelles Risikoverhalten) und Selbstverletzungen. Häufig sind auch Suizidversuche.

In schwierigen, unerträglichen Situationen klinken sich Borderliner häufig aus: Sie geraten in "dissoziative" hypnoseähnliche Zustände. Jennifer berichtete von zahlreichen Situationen, in denen sie sich nach dem "Aufwachen" mit aufgeschlitzten Armen wieder fand; andere laufen einfach weg und kommen erst nach Stunden zur Besinnung.

Über die letzten Ursachen der Erkrankung ist wenig bekannt; als Risikofaktoren gelten vor allem körperliche und/oder sexuelle Misshandlungen in der Kindheit sowie extreme Vernachlässigungen in jungen Jahren, Abwertung durch wichtige Bezugspersonen, sowie eine vermutlich angeborene Neigung zu emotionaler Instabilität.

Uwe Groenewold

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Rüdiger Labahn | idw

Weitere Berichte zu: Borderline-Patient Borderline-Störungen MUL Psychiatrie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Platz 2 für Helikopter-Designstudie aus Stade - Carbontechnologie-Studenten der PFH erfolgreich

Bereits lange vor dem Studienabschluss haben vier Studenten des PFH Hansecampus Stade ihr ingenieurwissenschaftliches Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Malte Blask, Hagen Hagens, Nick Neubert und Rouven Weg haben bei einem internationalen Wettbewerb der American Helicopter Society (AHS International) den zweiten Platz belegt. Ihre Aufgabe war es, eine Designstudie für ein helikopterähnliches Fluggerät zu entwickeln, das 24 Stunden an einem Punkt in der Luft fliegen kann.

Die vier Kommilitonen sind im Studiengang Verbundwerkstoffe/Composites am Hansecampus Stade der PFH Private Hochschule Göttingen eingeschrieben. Seit elf...

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Zukunft des Leichtbaus: Mehr als nur Material einsparen

23.08.2017 | Veranstaltungen

Logistikmanagement-Konferenz 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Spot auf die Maschinerie des Lebens

23.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die Sonne: Motor des Erdklimas

23.08.2017 | Physik Astronomie

Entfesselte Magnetkraft

23.08.2017 | Physik Astronomie