Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie lassen sich dilatierte Herzkranzgefäße dauerhaft offen halten?

11.02.2002


Charité-Forscher finden neuen Ansatz zur Verhinderung von Wiederverschlüssen

Die Aufdehnung verengter oder bereits vollständig verschlossener Herzkranzgefäße (Ballondilatation) ist ein seit 20 Jahren weit verbreitetes und erprobtes Verfahren. Kardiologen wenden es allein in Deutschland im Jahr etwa 180 000 mal an, um einen drohenden Herzinfarkt zu verhindern oder - nach bereits eingetretenem Infarkt - weiteren Schäden am Herzmuskel vorzubeugen.

Leider haben die aufgedehnten Gefäße die Tendenz zum Wiederverschluss (zur "Re-Stenose"): Nach einem Jahr ist bei bis zur Hälfte der Patienten der dilatierte Gefäßabschnitt erneut verengt. Dies hängt damit zusammen, dass die Gefäßinnenwand bei der Dilatation verletzt wird und teilweise einreißt. Die so entstandene Wunde wird dann durch Zellen des Immunsystems und der Gefäßwand repariert: Es entsteht eine Art wucherndes Narbengewebe. Trotz verschiedenster Ansätze sind die Versuche, das Problem der Re-Stenosierung grundsätzlich zu beheben, bislang gescheitert.

Jetzt haben Wissenschaftler der Charité ein neues Prinzip erkannt, das den Ansatz zur medikamentösen Verhinderung des unerwünschten Wiederverschlusses bietet:
Frau Dr. Silke Meiners aus der Arbeitsgruppe um den Kardiologen Professor Karl Stangl und den Biochemiker Professor Peter-Michael Kloetzel, hat die grundlegenden Erkenntnisse, die zwar an Ratten gewonnen wurden, aber mit großer Wahrscheinlichkeit für alle Säuger (und also auch für den Menschen) gelten, jüngst in der angesehenen Zeitschrift "Circulation" publiziert ([2002]; 105: 483-489).
Die Gruppe konnte zeigen, dass durch medikamentöse Hemmung eines Eiweißabbausystems, das in jeder Zelle vorhanden ist, die Häufigkeit von Re-Stenosen nach Ballondilatation um 75% (bzw. auf ein Viertel) gegenüber dem gegenwärtigen Stand verringert werden kann.
Eiweiß-(Protein-)abbausysteme oder "Proteasome" sind große Proteinkomplexe in der Zelle, die darauf spezialisiert sind, geschädigte oder nicht mehr benötigte Proteine in der Zelle zu zerstören. Das Proteasom-System ist also eine Art Abfallbeseitigungsunternehmen und Sicherheitsprogramm für korrekte Zellfunktion.

Die Wissenschaft kennt bereits heute Substanzen, die die Arbeit des Proteasoms hemmen können. Solche Stoffe verhindern, dass die Zelle unbrauchbares Protein los wird, und blockieren wesentliche Prozesse, die die Zelle zum Überleben braucht. Spezialisierte Proteasom-Hemmstoffe werden daher neuerdings auch in der Krebsbehandlung eingesetzt. Die Charité- Gruppe konnte nun zeigen, dass geeignete Proteasom Hemmsubstanzen auch für die Kardiologie von großer Bedeutung sein können.
Im Zellversuch und am geeigneten Tiermodell (von Ratten und Schweinen) haben die Wissenschaftler dreierlei zeigen können:

Nach örtlicher Behandlung mit einem Proteasom-Hemmer (Arbeitsname: MG 132)

  • wird die Einwanderung von Immunzellen aus dem Blut in die durch Dilatation aufgeplatzte Gefäßinnenwand unterbunden,
  • unterbleiben weitgehend Wachstum und Teilung von Muskelzellen aus der Gefäßwand, die den Hauptanteil an der Re-Stenose der Gefäße ausmachen,
  • schalten die Zellen vermehrt ihr Selbstmord-(Apoptose-) Programm an.

Durch diese kombinierte entzündungs- und wachstumshemmende, und die Apoptose fördernde Wirkung blieb die gefürchtete Narbenbildung nach Ballondilatation an Ratten aus.
In Zukunft wird es darauf ankommen, die Hemmung des Protease-Systems als geeignete Maßnahme zur Verhinderungen von Re-Stenosen so spezifisch weiterzuentwickeln, dass der Wiederverschluss nach Dilatation von Gefäßen sicher ausbleibt, aber auch keine unerwünschten Nebenwirkungen eintreten.

Dr. med. Silvia Schattenfroh | idw

Weitere Berichte zu: Ballondilatation Dilatation Gefäß Herzkranzgefäß Kardiologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Mikrobiologen entwickeln Methode zur beschleunigten Bestimmung von Antibiotikaresistenzen
13.02.2018 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

nachricht Überschreiben oder Speichern? Die Gewissensfrage zur Vergesslichkeit
13.02.2018 | PhytoDoc Ltd.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

Aachener Optiktage: Expertenwissen in zwei Konferenzen für die Glas- und Kunststoffoptikfertigung

19.02.2018 | Veranstaltungen

Konferenz "Die Mobilität von morgen gestalten"

19.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Highlight der Halbleiter-Forschung

20.02.2018 | Physik Astronomie

Wie verbessert man die Nahtqualität lasergeschweißter Textilien?

20.02.2018 | Materialwissenschaften

Der Bluthochdruckschalter in der Nebenniere

20.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics