Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Blut-Hirn-Schranke kurzzeitig öffnen

17.01.2001


Heilungschancen von Kindern mit Hirntumoren verbessern

Dank hochwirksamer Medikamente sind die Heilungschancen krebskranker Kinder heute besser denn je. Dies gilt jedoch oft nicht für Patienten mit einem Hirntumor. Der Grund: Die so genannte Blut-Hirn-Schranke verhindert, dass tumorzerstörende Wirkstoffe in das erkrankte Hirngewebe gelangen. Wissenschaftler an der Georg-August-Universität Göttingen ist es gelungen, diese Schranke für Krebsmedikamente kurzzeitig zu öffnen. Die Forscher testen die Methode nun erstmals bei Hirntumoren von Tieren. Außerdem untersuchen sie mögliche Nebenwirkungen. Die Deutsche Krebshilfe fördert das Projekt mit fast 280.000 Mark.

Jährlich erkranken in Deutschland rund 330 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren an einem bösartigen Hirntumor. Diese Krebserkrankung ist damit nach den Leukämien die zweithäufigste bei Kindern. Während die Heilungschancen vieler krebskranker Kinder in den letzten 20 Jahren durch eine gezielte Chemotherapie erheblich verbessert werden konnten, stagnieren die Überlebensraten beim Hirntumor - trotz Kombination von Operation, Bestrahlung und Chemotherapie. Der Grund: Hirntumoren können sehr unterschiedlich sein und müssen deshalb ganz individuell behandelt werden. Außerdem verhindert die so genannte Blut-Hirn-Schranke, die als Barriere das Hirngewebe vom Blutkreislauf trennt, dass die meisten bei einer Chemotherapie verwendeten zellzerstörenden Medikamente (Zytostatika) in das Gehirn gelangen.

Die Blut-Hirn-Schranke ist eine kontrollierte Sicherungseinrichtung des menschlichen Körpers, um die empfindlichen Nervenzellen des Gehirns vor schädlichen Stoffen wie Giften oder Stoffwechselprodukten von Krankheitserregern zu schützen. Nur sehr kleine und fettlösliche Medikamente können durch die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn gelangen. Die meisten der heute verfügbaren Zytostatika sind jedoch schlecht fettlöslich.

Ziel eines Forschungsprojektes an der Kinderklinik der Georg-August-Universität Göttingen unter der Leitung von Dr. Bernhard Erdlenbruch und Professor Dr. Max Lakomek, Abteilung Kinderheilkunde, Hämatologie und Onkologie, ist es, Verfahren zu entwickeln, die die Blut-Hirn-Schranke vor-übergehend öffnen, so dass Zytostatika in das erkrankte Hirngewebe eindringen können. Die Göttinger Forscher können mittlerweile erste Ergebnisse vorweisen. Erdlenbruch: "Durch die Verabreichung kleinmolekularer fett- und wasserlöslicher Substanzen, der so genannten Alkylglycerine, ist es uns im Tierexperiment gelungen, die Blut-Hirn-Schranke kurzfristig zu öffnen." Gleichzeitig verabreichten die Wissenschaftler Zytostatika, die in das Hirngewebe gelangen und sich dort um das zwei- bis über 500-fache anreichern. Das Ausmaß der Anreicherung konnte im Tierversuch durch die Wahl geeigneter Alkylglycerine und die Variation ihrer Konzentration sehr gut gesteuert werden. "Akute Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet", betonte Projektleiter Erdlenbruch. Die Alkylglycerine werden von Professor Dr. Hansjörg Eibl vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie der Universität Göttingen hergestellt.

Zur Zeit testet die Göttinger Arbeitsgruppe die Methode bei der Behandlung von Hirntumoren bei Tieren. "Wir wollen den Mechanismus, der zur erhöhten Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke führt, eingehender abklären. Außerdem untersuchen wir mögliche spät auftretende Nebenwirkungen.", sagten die Wissenschaftler. Die Deutsche Krebshilfe verspricht sich von dem Projekt ein neues therapeutisches Konzept für die Behandlung von Hirntumoren bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen. Insgesamt stellte die Spendenorganisation für die Forschungsarbeiten der Göttinger Arbeitsgruppe bereits rund 560.000 Mark bereit.

Infokasten: Krebs bei Kindern
Jährlich erkranken in Deutschland rund 1.750 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren neu an Krebs. Die häufigsten Krebsdiagnosen im Kindesalter sind Leukämien, Tumoren des zentralen Nervensystems/Gehirntumoren sowie bösartige Erkrankungen des lymphatischen Systems. Außerdem treten Neuroblastome, der Wilms-Tumor - eine Krebserkrankung der Niere -, Knochenkrebs und Keimzelltumoren häufiger auf. Die Ärzte haben die Überlebenschancen der kleinen Patienten erheblich steigern können: Während noch vor 30 Jahren fast jedes krebskranke Kind starb, werden heute rund 70 Prozent der Betroffenen geheilt. Bei manchen Krebsarten liegen die Heilungschancen sogar noch höher.

Interviewpartner auf Anfrage

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Dr. med. Eva M. Kalbheim-Gapp | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Chancen für die Behandlung von Kinderdemenz
24.07.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten