Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn das Blut ins Stocken gerät

06.02.2002


Der Tenasekomplex bringt die Blutgerinnung in Gang. Dieser setzt sich am Endothel (unten) aus Faktor VIII (orange; mit seinen Domänen A1 bis C2) und den Gerinnungsfaktoren IXa (rosa) und X (blau) zusammen.
Bild: Oldenburg


Bei vielen Patienten mit einem Blutgerinnsel tritt der Blutgerinnungsfaktor VIII in zu hoher Konzentration auf. Das kann erbliche Gründe haben, weshalb Wissenschaftler von der Universität Würzburg jetzt die genetische Ursache identifizieren wollen.

"Wenn zwei Jungen bei der Beschneidung an Blutungen gestorben sind, brauchen alle weiteren Söhne der Mutter, ihrer Töchter und ihrer Schwestern nicht mehr beschnitten werden." Dieses erste Zeugnis der Bluterkrankheit stammt aus dem 2. Jahrhundert nach Christi Geburt, und zwar aus dem Talmud. Das Bluteiweiß, das den Bluterkranken fehlt, wurde 1936 als "antihämophiles Globulin" beschrieben. Heute ist es unter dem Namen Faktor VIII bekannt.

Dieser Faktor hat aber auch etwas mit Blutgerinnseln (Thrombosen) zu tun. Einer von 1.000 Menschen erleidet im Laufe seines Lebens eine Thrombose in den tief im Körper liegenden Venen, manchmal gefolgt von der mitunter lebensbedrohlichen Komplikation einer Lungenembolie. Das Zusammenspiel von Faktor VIII und venöser Thrombose untersuchen Dr. Christian M. Schambeck und Dr. Mario Berger am Institut für Klinische Biochemie und Pathobiochemie der Uni Würzburg. Ihr Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

"Beschäftigt man sich mit der Blutgerinnung, fühlt man sich unweigerlich an den Autoverkehr erinnert: Es wird Gas gegeben und es wird auf die Bremse getreten", so Dr. Schambeck: Wird die Gerinnung - zum Beispiel bei Verletzungen - aktiviert, dann sorgen wiederum gerinnungshemmende Mechanismen dafür, dass die gerinnungsfördernden Prozesse nicht überhand nehmen. So bleibt die Blutgerinnung in der Balance. Ist eines dieser Systeme defekt, läuft die Blutgerinnung aus dem Ruder.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Wissenschaft herausgefunden, dass insbesondere ein unzureichendes Bremssystem die Entstehung von Thrombosen in den tiefen Venen begünstigt. Oft sind hierfür erbliche Defekte verantwortlich, zum Beispiel ein Mangel an Antithrombin, an Protein C oder Protein S oder die sehr häufige Faktor V Leiden-Mutation.

Verhältnismäßig neu ist laut Dr. Schambeck dagegen die Erkenntnis, dass Thrombosen auch entstehen, wenn zu heftig aufs Gaspedal getreten wird: So fördern auch hohe Faktor VIII-Blutspiegel das Zustandekommen von tiefen Venenthrombosen.

Dass hohe Faktor VIII-Spiegel bei Familien mit Thrombosen einen erblichen Hintergrund haben, fand die Arbeitsgruppe von Dr. Schambeck unlängst heraus. Die genetische Ursache zu identifizieren, ist nun das erklärte Ziel der Würzburger Wissenschaftler. Hierfür durchsuchen sie das gesamte Erbgut der betroffenen Familien, und zwar in Kooperation mit der Bonner Arbeitsgruppe von PD Dr. Johannes Oldenburg: Diese Forscher fahnden auf Proteinebene nach Partnern, die mit dem Faktor VIII in Wechselwirkung treten und womöglich im Zusammenhang mit den hohen Blutspiegeln stehen.

Von dieser Problematik sind nicht wenige Menschen betroffen: Etwa zehn Prozent der Thrombosepatienten haben hohe Faktor VIII-Spiegel. "Ist einmal die Ursache bekannt, dann könnte sich das auf Art, Intensität und Dauer der Thrombosevorbeugung auswirken", wie Dr. Schambeck sagt. Dies seien Fragen, die tagtäglich in der Gerinnungsambulanz des Würzburger Uniklinikums mit Patienten diskutiert werden. Vielleicht könne man am Ende einen Mechanismus finden, der sich auch für die Prävention von unerwünschten Blutungen bei Blutern ausnutzen ließe.

Weitere Informationen: Dr. Christian M. Schambeck, T (0931) 201-2760, Fax (0931) 201-2793, E-Mail: 
c.schambeck@medizin.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw

Weitere Berichte zu: Blutgerinnung Protein Thrombose

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Innovative Antikörper für die Tumortherapie
20.02.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Nervenschmerzen zukünftig wirksamer behandeln
20.02.2017 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Im Focus: Breakthrough with a chain of gold atoms

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

Im Focus: Hoch wirksamer Malaria-Impfstoff erfolgreich getestet

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungen

Physikerinnen und Physiker diskutieren in Bremen über aktuelle Grenzen der Physik

21.02.2017 | Veranstaltungen

Kniffe mit Wirkung in der Biotechnik

21.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit den Betriebsräten Sozialpläne

21.02.2017 | Unternehmensmeldung

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Zur Sprache gebracht: Und das intelligente Haus „hört zu“

21.02.2017 | Messenachrichten