Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Toxische Stoffe in der Spülflüssigkeit

29.11.2006
Nils-Alwall-Preis 2006 für Wissenschaftler der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg / Mechanismus der Bauchfellschäden durch Dialyse geklärt
Warum wird das Bauchfell bei der chronischen Bauchfelldialyse geschädigt?

Toxische Substanzen, die bei der Hitzesterilisation der Spülflüssigkeit aus den enthaltenen Zuckermolekülen entstehen, sind dafür verantwortlich, dass die Oberflächenzellen des Bauchfells in Mitleidenschaft gezogen werden und schließlich ihre für die Dialyse erforderliche Filterfunktion nicht mehr ausüben können.

Für die Entdeckung dieses grundlegenden Mechanismus ist Dr. Vedat Schwenger, Leitender Oberarzt in der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg, mit dem Nils-Alwall-Preis 2006 der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, der mit 10.000 Euro dotiert ist, ausgezeichnet worden. Der Preis wird jährlich für wegweisende Arbeiten im Bereich der Nierenersatztherapie vergeben und erinnert an den schwedischen Nephrologen Nils Alwall, einen der Pioniere der Blutwäsche.

Spülflüssigkeit entzieht dem Blut toxische Stoffe

Die Blutwäsche im Bauchraum (Peritonealdialyse) ist eine Alternative zur Blutwäsche durch die Maschine (Hämodialyse). Die Patienten lassen täglich über einen Katheter eine hochkonzentrierte, sterile Spülflüssigkeit in ihren Bauchraum, die durch Osmose dem gut durchbluteten Bauchfell die toxischen Abfallstoffe entzieht. Die Spülflüssigkeit wird nach wenigen Stunden wieder abgelassen. Diese Prozedur kann auch mit Hilfe einer Maschine nachts während des Schlafs vorgenommen werden.

Die Peritonealdialyse ist besonders schonend und effektiv und wird vor allem bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt. In Deutschland praktizieren ca. 5 Prozent der erwachsenen Dialysepatienten diese Form der Blutwäsche, im internationalen Durchschnitt werden hingegen etwa 25 Prozent der dialysepflichtigen Patienten mit diesem Verfahren behandelt. Insgesamt sind in Deutschland sind ca. 60.000 nierenkranke Menschen auf eine regelmäßige Blutwäsche angewiesen.

Reinigungsfunktion des Bauchfells lässt mit der Zeit nach

"Den Vorzügen stehen jedoch die Risiken und Grenzen der Methode gegenüber", erklärt Professor Dr. Martin Zeier, Leiter der Sektion Nephrologie der Abteilung Endokrinologie und Stoffwechsel der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Peter Nawroth). So ist z.B. nicht jeder Patient für die Bauchfelldialyse geeignet. Bei stark übergewichtigen Patienten und Patienten ohne jegliche Urinauscheidung sollte eine andere Form der Nierenersatztherapie ausgewählt werden. Das Risiko der Bauchfellentzündung hingegen ist inzwischen aufgrund technischer Verbesserungen in erfahrenen Zentren nur noch von untergeordneter Bedeutung. Limitierend für die Langzeitbehandlung ist die Tatsache, dass mit der Zeit die Reinigungsfunktion durch Gewebeschädigung des Bauchfells stark abnehmen kann.

Dies liegt, wie die Arbeiten von Dr. Schwenger gezeigt haben, daran, dass bei der Hitzsterilisation in der Dialysatlösung hochtoxische Abbauprodukte des reichlich enthaltenen Zuckers entstehen, die in sogenannte "advanced glycation end-products" (AGE's) umgewandelt werden. Diese binden wiederum an spezifische Rezeptoren (RAGE) in den Bauchfellzellen und setzen dadurch eine zerstörerische Kaskade in Gang. Die Heidelberger Wissenschaftler wiesen diesen Mechanismus an einem Mausmodell nach, dem die Gene für RAGE fehlten und die deshalb keine Schäden am Bauchfell aufwiesen.

Sterilisationsverfahren wurde geändert

"Um diesen Schäden vorzubeugen, werden nun veränderte Sterisilationsmethoden angewandt", erklärt Dr. Schwenger. Die Dialysatlösungen werden nicht mehr wie bisher in einem Beutel, sondern in getrennten Beuteln sterilisiert, die erst vor ihrer Verwendung durchmischt werden. Inbesondere die Glukose wird von anderen Bestandteilen wie Salzen und Puffern währen der Sterilisation getrennt, da diese den Abbau der Glukose in die toxischen Abbauprodukte beschleunigen.

Ziel wissenschaftlicher Untersuchungen ist derzeit es nicht nur die Bildung der AGEs zu hemmen, sondern auch deren Bindung an den spezifischen Rezeptor RAGE - mit dem Ziel die Behandlungsqualität steigern zu können.

Literatur:
Schwenger V, et al: Damage to the peritoneal membrane by glucose degradation products is mediated by the receptor for advanced glycation end-products. J Am Soc Nephrol 2006;17(1):199-2007

(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

Ansprechpartner:
Dr. med. Vedat Schwenger
Medizinische Universitätsklinik Heidelberg
Sektion Nephrologie
Im Neuenheimer Feld 162
69120 Heidelberg
E-Mail: vedat.schwenger@med.uni-heidelberg.de
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: Annette_Tuffs@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

Weitere Berichte zu: Bauchfell Blutwäsche RAGE Spülflüssigkeit Toxisch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn
19.01.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie