Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Herzinfarkt ist eine Arbeiterkrankheit

24.11.2006
Medizinische Soziologie räumt mit alten Vorurteilen auf

Jeder weiß: Der Herzinfarkt ist eine typische Managerkrankheit. "Stimmt nicht", sagt Prof. Dr. Johannes Siegrist, der Leiter des Instituts für Medizinische Soziologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Je niedriger die soziale Stellung, desto höher das Infarktrisiko.

Siegrist leitet seit mehreren Jahren das Forschungsnetzwerk "Soziale Ungleichheit von Gesundheit und Krankheit in Europa". Seine Forschungsgruppe an der Heinrich-Heine-Universität ist an diversen Studien beteiligt, die derzeit wichtigste läuft in Essen seit 2000 und beobachtet den Gesundheitszustand von rund 4800 Erwachsenen.

Dass die Gesundheit auch vom sozialen Status einer Person abhängt, ist mittlerweile erwiesen, wie sich die einzelnen Faktoren aber genau auswirken, das will Siegrist wissen. "Wie viel hängt an der Arbeitsbelastung?", ist eine seiner Fragestellungen. "Das heißt nicht in erster Linie Lärm, Schmutz oder zu langes Stehen", erklärt er, "sondern vor allem die Stressbelastung. Damit ist nicht einfach ein ab und zu hektischer Alltag gemeint, sondern zum Beispiel eine langfristig starke Arbeitsbelastung unter unsicheren, als bedrohlich empfundenen Rahmenbedingungen." Auch die fehlende Anerkennung, begrenzte Aufstiegschancen und eine inadäquate Entlohnung beeinflussen das Stressempfinden und damit das Infarktrisiko. Das von dem Düsseldorfer Forscher und seiner Arbeitsgruppe entwickelte, mit standardisierten Fragebögen gemessene Stressmodell ist mittlerweile in vielen in- und ausländischen Studien getestet und bestätigt worden.

... mehr zu:
»Herzinfarkt

Stress wird in den unteren sozialen Schichten häufig auch deshalb besonders stark empfunden, weil der Ausgleich fehlt. Das Wissen um Entspannungstechniken, die Möglichkeit, sich durch den Besuch kultureller Veranstaltungen vom Arbeitsalltag zu lösen oder draußen Sport zu treiben, ist häufig kaum vorhanden. Hinzu kommt ein gesundheitsschädlicher Lebensstil mit Rauchen, schlechter Ernährung und mangelnder Gewichtskontrolle. Das erklärt auch, warum die gesundheitliche Belastung bei jungen, gut ausgebildeten Hochschulabsolventen, die sich derzeit mit schlechten Berufsaussichten von Praktikum zu Praktikum hangeln, nicht so hoch ist: Sie kennen die Ausgleichmöglichkeiten, treiben Sport, ernähren sich gesund.

Dass Stress gesundheitliche Probleme auslöst, ist nicht nur bei Menschen so. In einer Studie mit Makaken wurden die Alphatiere periodisch deklassiert, die Affen reagierten gestresst, ihre Herzkranzgefäße verengten sich deutlich.

Die medizinische Erklärung für dieses Phänomen bei Affen und Menschen zeigt folgendes: Das Gehirnbelohungssystem, in dem die negativen Emotionen verarbeitet werden, steht in direkter Verbindung mit zwei Stressachsen des Körpers. Die Sympathikus-Achse sorgt für die Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin, die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrindenachse ist zuständig für die Ausschüttung des Hormons Cortisol. Sind diese Stresshormone ständig in sehr hoher Konzentration im Blut vorhanden, so wird auch der Fettstoffwechsel beeinflusst, das Blut wird zähflüssiger und der Blutdruck steigt.

Menschen mit deutlichem Arbeitsstress haben ein doppelt so hohes Risiko, an einem Herzinfarkt zu erkranken, wie andere. Das heißt, dass in einem Zeitraum von zehn Jahren etwa sechs Prozent der 40- bis 65jährigen Männer unterer sozialer Schichten an einem Herzinfarkt erkranken oder sterben, aber nur drei Prozent der Männer in Führungspositionen. Daneben konnte Siegrist auch noch weitere Auswirkungen starker Arbeitsbelastung feststellen: So ist das Risiko, an Depressionen zu erkranken, erhöht, bei Männern steigt auch die Gefahr für unkontrollierten Alkoholgenuss deutlich an.

Die Konsequenzen, die aus diesen Studien gezogen werden müssten, sind klar: mehr Arbeitsplatzsicherheit, eine angemessene Anerkennung und Entlohnung und die Förderung eines gesünderen Lebensstils.

Und was ist mit dem alten Gerücht vom Herzinfarkt als "Managerkrankheit"? "Das hat vor dreißig, vierzig Jahren sicher gestimmt", erklärt Siegrist, "damals war die Herzinfarktwahrscheinlichkeit in den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zumindest ausgeglichen. Die steigende Arbeitsplatzunsicherheit verbunden mit einem gesundheitsschädigenden Lebensstil hat nun aber dafür gesorgt, dass die Infarktwahrscheinlichkeit für Arbeiter deutlich gestiegen ist."

Rolf Willhardt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-duesseldorf.de/
http://www.uni-duesseldorf.de/medicalsociology

Weitere Berichte zu: Herzinfarkt

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Medikamente mildern Mukoviszidose
23.01.2018 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Dreifachblockade am Glioblastom
23.01.2018 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Optisches Nanoskop ermöglicht Abbildung von Quantenpunkten

Physiker haben eine lichtmikroskopische Technik entwickelt, mit der sich Atome auf der Nanoskala abbilden lassen. Das neue Verfahren ermöglicht insbesondere, Quantenpunkte in einem Halbleiter-Chip bildlich darzustellen. Dies berichten die Wissenschaftler des Departements Physik und des Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel zusammen mit Kollegen der Universität Bochum in «Nature Photonics».

Mikroskope machen Strukturen sichtbar, die dem menschlichen Auge sonst verborgen blieben. Einzelne Moleküle und Atome, die nur Bruchteile eines Nanometers...

Im Focus: Optical Nanoscope Allows Imaging of Quantum Dots

Physicists have developed a technique based on optical microscopy that can be used to create images of atoms on the nanoscale. In particular, the new method allows the imaging of quantum dots in a semiconductor chip. Together with colleagues from the University of Bochum, scientists from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute reported the findings in the journal Nature Photonics.

Microscopes allow us to see structures that are otherwise invisible to the human eye. However, conventional optical microscopes cannot be used to image...

Im Focus: Vollmond-Dreierlei am 31. Januar 2018

Am 31. Januar 2018 fallen zum ersten Mal seit dem 30. Dezember 1982 "Supermond" (ein Vollmond in Erdnähe), "Blutmond" (eine totale Mondfinsternis) und "Blue Moon" (ein zweiter Vollmond im Kalendermonat) zusammen - Beobachter im deutschen Sprachraum verpassen allerdings die sichtbaren Phasen der Mondfinsternis.

Nach den letzten drei Vollmonden am 4. November 2017, 3. Dezember 2017 und 2. Januar 2018 ist auch der bevorstehende Vollmond am 31. Januar 2018 ein...

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

Veranstaltungen

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

23.01.2018 | Veranstaltungen

Gemeinsam innovativ werden

23.01.2018 | Veranstaltungen

Leichtbau zu Ende gedacht – Herausforderung Recycling

23.01.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Lebensrettende Mikrobläschen

23.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

3D-Druck von Metallen: Neue Legierung ermöglicht Druck von sicheren Stahl-Produkten

23.01.2018 | Maschinenbau

CHP1-Mutation verursacht zerebelläre Ataxie

23.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics