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Berufsbedingt gefährdet: Die unterschätzte Gefahr von Nadelstich- und Schnittverletzungen

23.11.2006
Arbeitsschutz in "Eigenregie": Mediziner des Frankfurter Uniklinikums untersuchten Häufigkeit und Ursachen von Nadelstich- und Schnittverletzungen.
Studie gibt Aufschluss über Sinn und Unsinn von Sicherheitsinstrumenten
Wer im Gesundheitswesen arbeitet, lebt unter Umständen gefährlicher als Arbeitnehmer anderer Berufsfelder. Ein Grund sind Infektionsrisiken, denen Beschäftigte in medizinischen Berufen im Umgang mit spitzen und scharfen Gegenständen wie Kanülen und Lanzetten täglich ausgesetzt sind. Nadelstich- und Schnittverletzungen (NSV) an benutzten medizinischen Arbeitsgeräten können mit Blut oder anderen Körperflüssigkeiten von Patienten verunreinigt sein. Für Ärzte und Pflegepersonal bedeutet dies gegebenenfalls das Risiko einer blutübertragbaren Infektion mit Hepatitis B Virus (HBV), Hepatitis C Virus (HCV) oder etwa HIV. Weltweit sind mindestens geschätzte 35 Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen (HCW) potenziell durch Nadelstichverletzungen gefährdet.* Mindestens 500.000 NSV-Unfälle passieren in Deutschland jährlich und verursachen laut Septemberausgabe der Fachzeitschrift Management & Krankenhaus Kosten von etwa 30 Millionen Euro. "Die Dunkelziffer der gemeldeten NSV beträgt circa 80 bis 90 Prozent. Wir gehen deshalb von einer wesentlich höheren Zahl aus", erklärt Dr. Sabine Wicker, Leiterin des Betriebsärztlichen Dienstes des Frankfurter Universitätsklinikums.

Grund für die "ungenauen" Zahlen ist nach Meinung von Professor Dr. Holger F. Rabenau vom Institut für Medizinische Virologie (Direktor: Professor Dr. H. W. Doerr) am Klinikum der J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main das Meldeverhalten der Beschäftigten. Deshalb haben er und Dr. Wicker eine Studie über Nadelstichverletzungen durchgeführt. In der Frankfurter Nadelstichstudie ermitteln sie, welche NSV mit Hilfe von sicheren Produkten hätten vermieden werden können. Die Studie dokumentiert den Anteil vermeidbarer NSV in den einzelnen Fachdisziplinen sowie den Nutzen sicherer Instrumente. Die Frankfurter Studie ist vor dem Hintergrund der Neufassung der TRBA 250-Richtlinie des Ausschusses für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS) vom 17. Mai 2006 zu sehen. Diese verpflichtet Arbeitgeber erstmalig zum besseren Schutz ihrer Mitarbeiter vor NSV. Ergebnisse der Studie stellten die Autoren am 22. November 2006 auf einer Pressekonferenz zum Thema Nadelstich- und Schnittverletzungen vor.

Neufassung der TRBA 250: Besserer Schutz vor Nadelstichverletzungen wird Pflicht

Um Beschäftigte in Gesundheitsberufen besser vor Infektionen zu schützen, macht der Gesetzgeber die Verwendung von sicheren Instrumenten am Arbeitsplatz verbindlich. Dazu verschärfte der Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS) die "Technische Regel für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA)" 250. Der betreffende Abschnitt 4.2.4. der TRBA-Regelung fordert, dass bei der Behandlung von Patienten, die nachgewiesenermaßen durch Erreger der

Risikogruppe 3 (z. B. HBV und HIV) oder höher infiziert sind, so genannte "Sichere Instrumente" eingesetzt werden müssen. Sicherheitsprodukte sind außerdem in der Notfallaufnahme, im Rettungsdienst und in Gefängniskliniken zu verwenden. Unter "sicher" ist zu verstehen, dass Instrumente über bestimmte Sicherheitsmechanismen verfügen müssen. Management & Krankenhaus nennt hierzu mehrere Eigenschaften: Der Sicherheitsmechanismus sollte Bestandteil des Systems und kompatibel zu anderem Zubehör sein und sich mit einer Hand aktivieren lassen.

Das Frankfurter Universitätsklinikum sieht über die TRBA-Richtlinie hinaus jedoch weitere Möglichkeiten, die Sicherheit seiner Beschäftigten zu erhöhen. In eigener Sache und aktiv vor Erscheinen der verschärften TRBA-Regelung sollte deshalb die Frankfurter Nadelstichstudie Aufschluss darüber geben, wie gefährdet die Beschäftigten eines Großklinikums gegenüber blutübertragbaren Infektionen sind. Darüber hinaus sollte der Nutzen von sicheren Instrumenten ermittelt werden.

Die Frankfurter Nadelstichstudie: Wobei passieren Nadelstichverletzungen, was bringen sichere Instrumente?

Für die Erhebung befragten die Autoren Dr. Wicker und Professor Rabenau zwischen April und Juni 2006 insgesamt 720 Beschäftigte, davon 231 Ärzte, 405 Krankenschwestern, 39 Reinigungskräfte und 12 Laborangestellte sowie 33 Mitarbeiter anderer Berufsgruppen. Aus der Studie geht hervor, dass die meisten Verletzungen bei der Entsorgung (circa 37 Prozent) passieren, gefolgt vom Nähen (23 Prozent). Das höchste Risiko einer Nadelstichverletzung weist die Gruppe der Ärzte auf. 55,1 Prozent der befragten Ärzte aller Fachrichtungen gaben mindestens eine NSV in den letzten zwölf Monaten an.

Durchschnittlich 36,4 Prozent der Verletzungen hätten durch sichere Produkte vermieden werden können. Betrachtet man den Anteil der vermeidbaren Nadelstichverletzungen, zeigt sich ein signifikanter Unterschied innerhalb der einzelnen Fachdisziplinen: in der Pädiatrie sind 82,6 Prozent der NSV vermeidbar, in der Gynäkologie 81,4 Prozent, in der Anästhesie 53,7 Prozent, in der Dermatologie 41,7 Prozent und in der Chirurgie 14,6 Prozent.

Sichere Instrumente, so das Fazit der Frankfurter Nadelstichstudie, reduzieren das Infektionsrisiko für Beschäftigte im Arbeits- und Gesundheitsdienst und verbessern den Schutz der Patienten. Zu den sicheren Produkten gehören etwa Nadelschutzsysteme, deren Schutzmechanismus passiv ausgelöst wird. Zu solchen sicheren Produkten zählen Systeme, die spitze oder scharfe Instrumententeile ohne Zutun des Anwenders verhüllen, oder bei denen das Herausziehen des Instruments die spitze Kanüle automatisch abstumpfen lässt oder diese in eine Schutzhülle einzieht. "Wegen der geschätzten Mehrkosten verzichten manche Häuser leider auf den Einsatz von sicheren Instrumenten, die den neueren Standards entsprechen. Nadelstichverletzungen verursachen jedoch hohe Kosten, die den Mehrkosten der Instrumente gegenübergestellt werden müssen", sagt die Leiterin des Betriebsärztlichen Dienstes, Dr. Wicker.

Für weitere Informationen:

Frau Dr. Sabine Wicker
Betriebsärztlicher Dienst
Klinikum der J.W. Goethe-Universität Frankfurt/Main
Fon (0 69) 63 01 - 4511
Fax (0 69) 63 01 - 6385
E-Mail sabine.wicker@kgu.de
Prof. Dr. rer. med. Holger F. Rabenau
Institut für Medizinische Virologie
Klinikum der J.W. Goethe-Universität Frankfurt/Main
Fon (0 69) 63 01 - 53 12
Fax (0 69) 63 01 - 83061
E-Mail Rabenau@em.uni-frankfurt.de
Ricarda Wessinghage
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Klinikum der J.W. Goethe-Universität Frankfurt/ Main
Fon (0 69) 63 01 - 77 64
Fax (0 69) 63 01 - 8 32 22
E-Mail ricarda.wessinghage@kgu.de

Ricarda Wessinghage | idw
Weitere Informationen:
http://www.kgu.de

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