Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Internet-Abhängigkeit ist ein Symptom psychischer Erkrankungen

22.11.2006
Suchtbegriff trifft nicht auf das Phänomen des exzessiven Internetkonsums zu

Dr. med. Bert te Wildt, Mediziner der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), hat gemeinsam mit seiner Doktorandin Inken Putzig Menschen untersucht, die im Zusammenhang mit einer Abhängigkeit von Internet und Computerspielen signifikanten Leidensdruck entwickelt hatten und psychiatrischer Unterstützung bedurften.

Die 23 internetabhängigen Studienteilnehmer wurden mit einer in Bezug auf Alter, Geschlecht und Schulbildung gleichsinnigen Kontrollgruppe verglichen. Dabei zeigte sich, dass sich die zu 75 Prozent männlichen Internetabhängigen pro Tag durchschnittlich sechseinhalb Stunden im Internet aufhielten, insbesondere in Internet-Rollenspielen wie "World of Warcraft". Bei jedem einzelnen Probanden konnte im Rahmen eines ausführlichen Arztgesprächs und mit Hilfe aufwändiger psychologischer Testung eine - sich auch unabhängig von der Medienproblematik erklärende - psychiatrische Diagnose gestellt werden.

So wiesen 80 Prozent der Probanden ein depressives Syndrom auf, welches auch schon vor der Entwicklung der Internetabhängigkeit vorhanden war. Andere häufige Erkrankungen in diesem Zusammenhang waren Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen. Zum Zeitpunkt der Untersuchung wies keiner der Studienteilnehmer weitere Suchterkrankungen auf, was die Annahme von Dr. te Wildt untermauert, dass hier die diagnostische Einordnung als Suchterkrankung nicht stimmig ist: "Anders als bei stoffgebundenen Suchterkrankungen wie Alkohol-, Medikamenten- oder Drogensucht sprechen unsere Daten dafür, dass sich hinter pathologischer Internetnutzung bekannte psychische Störungen verbergen, die mit der Übersetzung in die virtuelle Welt einen Symptomwandel erfahren."

Die zunehmende Verlagerung des privaten und beruflichen Lebensalltags auf eine virtuelle Ebene führt schon seit langem zu Spekulationen, ob es bei der Computernutzung zu suchtartigen Entwicklungen kommen könnte. Einige aktuelle psychologische Studien sprechen davon, dass die "Internetsucht"-Rate bei etwa drei bis sieben Prozent der Internetnutzer liege. "Die Abhängigkeit vom Internet ist aber nicht in erster Linie als Sucht zu verstehen", betont Dr. te Wildt. Allerdings zeigen auch seine Ergebnisse, dass das Abhängigkeitspotenzial vom Internet durchaus ernst genommen werden muss, dass sich dahinter aber offenbar stets bekannte und behandelbare psychiatrische Erkrankungen verbergen: "Nach den fragwürdigen psychiatrischen (Wort-)Neuschöpfungen wie Burn-out-Syndrom oder Mobbing-Opfer brauchen wir nicht noch ein neues Mode-Syndrom, das eine dahinter liegende psychische Erkrankung eher verschleiert, als sie therapeutisch zugänglich macht", erklärt Dr. te Wildt. Das bedeute auch, dass eine Internetabhängigkeit von jedem Psychiater und Psychotherapeuten als Symptom einer psychischen Erkrankung diagnostiziert und behandelt werden kann.

Dies setze allerdings voraus, dass sich Ärzte und Psychologen für die virtuellen Lebenswelten ihrer Patienten interessieren und diese in die Behandlung mit einbeziehen.

Dr. te Wildt stellt die Problematik allerdings noch in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang: "Es geht hier nicht zuletzt um ein soziologisches Problem, das am Ende auch noch die Politik beschäftigen wird, warum sich immer mehr erwachsene Menschen aus der konkreten Welt, in der sie sich offensichtlich immer mehr narzisstischen Kränkungen ausgesetzt sehen, den depressiven Rückzug in eine zumeist infantile digitale Phantasiewelt antreten, um dort die Helden zu spielen, die sie im realen Leben nicht sein können."

Die Ergebnisse der Studie werden der Öffentlichkeit erstmals während eines gemeinschaftlich mit den kooperierenden Instituten (Institut für Medizinische Psychologie an der Charité Berlin, PD Dr. Sabine Miriam Grüsser-Sinopoli und Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Professor Dr. Christian Pfeiffer) organisierten Symposiums im Rahmen des Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) am Mittwoch, 22. November 2006, zwischen 15.30 und 17 Uhr im ICC Berlin vorgestellt. Der Titel des Symposiums lautet "Exzessive Mediennutzung aus der klinischen Perspektive".

Weitere Informationen erhalten Sie von Dr. med. Bert te Wildt, Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie, Telefon (0511)-532-6629 oder -3179, tewildt.bert@mh-hannover.de, www.mh-hannover.de/6935.html.

Stefan Zorn | idw
Weitere Informationen:
http://www.mh-hannover.de/6935.html

Weitere Berichte zu: Psychotherapie Suchterkrankung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz im Kampf gegen Prostatakrebs entdeckt
24.05.2018 | Universität Bern

nachricht Die neue Achillesferse von Blutkrebs
22.05.2018 | Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics