Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zimtkapseln zur Senkung des Blutzuckers sind Arzneimittel!

15.11.2006
Wirksamkeit ist wissenschaftlich nicht belegt - Präparate enthalten teilweise hohe Mengen an Cumarin

Seit einiger Zeit werden in Deutschland Nahrungsergänzungsmittel und diätetische Lebensmittel mit einem hohen Anteil an Zimt oder Zimtextrakt angeboten. Sie sollen unter anderem dazu beitragen, den Blutzuckergehalt bei Diabetes mellitus Typ II zu senken. Produkte, die mit einer derartigen Aussage beworben werden, sind nach gemeinsamer Auffassung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) als Arzneimittel einzustufen und bedürfen einer Zulassung.

Im Zulassungsverfahren werden Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und die pharmazeutische Qualität eines Arzneimittels geprüft. Nahrungsergänzungsmittel und diätetische Lebensmittel unterliegen dagegen nicht der Zulassungspflicht: Damit erfolgt keine Überprüfung der Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit und auch keine wissenschaftliche Nutzen-Risiko-Abwägung. Inzwischen sind zimthaltige diätetische Lebensmittel zur Senkung des Blutzuckers auch vor Gericht als Arzneimittel eingestuft worden. Sie sind damit als Lebensmittel nicht verkehrsfähig. Sowohl diese Produkte, als auch zimthaltige "Nahrungsergänzungsmittel", die ohne gesundheitliches Wirkversprechen angeboten werden, unterscheiden sich erheblich in ihren Cumarin-Gehalten. Ergebnisse der amtlichen Lebensmittelüberwachung zeigen, dass einige Präparate so viel Cumarin enthalten, dass die tolerierbare tägliche Aufnahmemenge bei der empfohlenen Tagesdosis überschritten wird. Solche Präparate hält das BfR für gesundheitlich bedenklich.

Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel. Sie sind dazu bestimmt, die Ernährung durch Stoffe mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung in dosierter Form zu ergänzen. Bei Zimtpräparaten, die mit der Aussage "zur Senkung des Blutzuckers" ausgelobt werden, wird hingegen behauptet, dass Zimt und seine Inhaltsstoffe therapeutisch wirken, das heißt, dazu bestimmt sind, "Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder krankhafte Beschwerden zu heilen, zu lindern, zu verhüten oder zu erkennen" (§2 Arzneimittelgesetz). Derartige gesundheitsbezogene Aussagen und Wirkversprechen sind für Lebensmittel und für diätetische Lebensmittel nicht zulässig, sondern Arzneimitteln vorbehalten.

... mehr zu:
»Arzneimittel »BfArM »Blutzucker »Diabetes

Es ist im Übrigen wissenschaftlich nicht eindeutig bewiesen, ob Zimt oder Zimtpräparate den Blutzuckerspiegel bei Diabetikern positiv beeinflussen können. Die Ergebnisse einer Studie aus Pakistan konnten durch andere Studien bislang nicht zweifelsfrei bestätigt werden. Zimt ist als pflanzliches Arzneimittel zur Behandlung von Diabetes in Deutschland und Europa nicht zugelassen. Damit ist die Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit des Einsatzes von Zimt zur Senkung des Blutzuckers nicht geprüft. Es erfolgt auch keine Überwachung möglicher Nebenwirkungen.

Die regelmäßige Einnahme großer Mengen von Zimt im Gramm-Bereich, die Diabetikern in der Laienpresse und offenbar auch von einigen Ärzten empfohlen wird, halten BfArM und BfR für gesundheitlich bedenklich. Mögliche wirkungsrelevante Bestandteile sind nicht standardisiert. Ob bei langfristiger Einnahme solcher Präparate unerwünschte Wirkungen auftreten, ist unbekannt.

Außerdem kann der im Zimt enthaltene Inhaltsstoff Cumarin, in höheren Mengen über längere Zeit verzehrt, bei empfindlichen Personen Leberschäden wie Leberentzündung verursachen. Der in Nahrungsergänzungsmitteln und diätetischen Lebensmitteln eingesetzte Cassia-Zimt weist zum Teil hohe Cumarin-Gehalte auf, insbesondere dann, wenn es sich um Zimtpulverpräparate handelt. Das ergaben Untersuchungen der Überwachungsbehörden der Bundesländer. Einige der untersuchten Zimtpräparate enthielten so viel Cumarin, dass bei der empfohlenen Tagesdosis die täglich tolerierbare Aufnahmemenge (TDI) von 0,1 Milligramm Cumarin je Kilogramm Körpergewicht bereits überschritten wird (der TDI-Wert gibt die Menge eines Stoffes an, die täglich lebenslang ohne gesundheitliche Schäden aufgenommen werden kann). Da die Verbraucher Cumarin auch über andere Quellen wie zimthaltige Lebensmittel und kosmetische Mittel aufnehmen, sind bei langfristiger Einnahme von Präparaten mit hohem Cassia-Zimtanteil Gesundheitsschäden nicht auszuschließen.

"Diabetiker, die auf Anraten einiger Ärzte oder im Rahmen eines Diätplans täglich größere Mengen Zimtpulver verzehren oder Zimtpräparate zu sich nehmen, sollten wegen möglicher hoher Cumarin-Gehalte und der nicht hinreichend belegten Wirksamkeit auf diese Produkte verzichten", so der Leiter des BfArM, Prof. Dr. Reinhard Kurth. Auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) rät von der Einnahme von Zimtpräparaten ab. "Verbraucher, die Cassia-Zimtpulver oder Cassia-Zimtpräparate aus anderen Gründen, etwa zur besseren Verdauung, in größeren Mengen zu sich nehmen, sollten auf deren Einnahme ebenfalls verzichten", rät der Präsident des BfR, Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel.

Dr. Irene Lukassowitz | idw
Weitere Informationen:
http://www.bfr.bund.de

Weitere Berichte zu: Arzneimittel BfArM Blutzucker Diabetes

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise