Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Am Essener Universitätsklinikum: Nervenzellen aus Knochenmark gewonnen

31.01.2002


Einer Arbeitsgruppe in der Neurologischen Klinik des Essener Universitätsklinikums ist es gelungen, aus Blutstammzellen Nervenzellen zu differenzieren (oder zu entwickeln). Kann man diesen Satz noch etwas vorsichtiger ausdrücken? Die Wissenschaftler verknüpfen damit die Hoffnung, diese Zellen künftig bei der Therapie neurologischer Erkrankungen, etwa des Schlaganfalls, der Alzheimer-Erkrankung, der Parkinsonkrankheit oder auch der Epilepsie, einsetzen zu können. Damit ist, wie der Leiter der Arbeitsgruppe, der stellvertretende Direktor der Klinik, Professor Dr. Andreas Hufnagel, gestern in einem Pressegespräch betonte, auf breiterer Basis frühestens in fünf Jahren zu rechnen. Erste klinische Pilot-Studien könnten nach erfolgreichen Versuchen am Tiermodell vielleicht in zwei bis drei Jahren beginnen.

Die Forschungsaktivitäten der Neurologen im Essener Klinikum sind eingebunden in ein umfangreiches Kooperationsprojekt, an dem sich zahlreiche Einrichtungen der theoretischen und praktischen Medizin beteiligen. Ziel ist es, die beachtlichen Kompetenzen der Wissenschaftler bei der Erforschung adulter Stammzellen zu bündeln und schnell auf einen internationalen Stand zu führen. Das Universitätsklinikum verfüge, sagte gestern Anatomieprofessorin Elke Winterhager, amtierende Prodekanin für Forschung an der Essener Medizinischen Fakultät, über ein exzellentes wissenschaftliches Potenzial für die Blutstammzellforschung und den therapeutischen Einsatz von zu verschiedenen Zelltypen programmierten Blutstammzellen. Insbesondere könne das Klinikum auf die mehr als 25-jährige Erfahrung als eines der führenden und größten Zentren für die Knochenmarkstransplantation zurückgreifen.

Neben der Neurologischen Klinik und der Klinik für Knochenmarktransplantation sind auch die Tumorklinik und die Strahlenklinik, die Abteilungen für Gastroenterologie und Hepatologie, für Hämatologie und für Kardiologie sowie das Institut für Pathophysiologie an dem Forschungsverbund beteiligt.

Aktueller Kenntnisstand der Wissenschaft ist es, dass multipotente Stammzellen nicht nur im Knochenmark, sondern an vielen anderen Stellen im Organismus zu finden sind und dass sie nicht an einem Ort bleiben, sondern sich bewegen. Tun sie das - als eine Art Eingreiftruppe -, weil Krankheitssymptome im Körper sie zur Intervention veranlassen? Der Direktor der Abteilung für Hämatologie, Professor Dr. Ulrich Dührsen, verspricht sich von der Aufklärung der Signale, die Stammzellen dahin bringen, wo sie benötigt werden, wichtige Hinweise auf neue Therapieansätze, etwa für Patienten in der Kardiologie. Dort ist die Überzeugung, dass Herzmuskelzellen - ebenso wie neuronale Zellen - sich nicht teilen, fast noch ein Dogma. Es ist nicht mehr zu halten, erklärte gestern der Direktor der Abteilung für Kardiologie, Professor Dr. Raimund Erbel. Das Wissen um Zellteilungen im Herzmuskel habe die Forschung in jüngerer Vergangenheit entscheidend stimuliert. Fortschritte verspricht sich Erbel von der Zusammenarbeit mit den Hämatologen, während die Hepatologen für die Zukunft auf die Möglichkeit setzen, körpereigenen Ersatz für eine erkrankte Leber zu schaffen. Denn die Leber ist regenerationsfähig und kann Blut bilden - nur deshalb gibt es die Möglichkeit, Teilsegmente zu transplantieren und ist die Lebendleber-Spende möglich. Stammzellen können hier zur unterstützenden Therapie eingesetzt werden.

Wie Herzmuskelzellen galten auch neuronale Zellen als nicht teilbar. Aber im Gehirn auch erwachsener Menschen sind in den letzten Jahren Stammzellen nachgewiesen worden, die abgestorbene Zellen ersetzen können. Diese Zellen sind charakterisiert worden: Sie weisen an ihrer Oberfläche bestimmte Rezeptoren auf. Die Arbeitsgruppe von Professor Dr. Andreas Hufnagel hat im Knochenmark von Patienten nach Stammzellen gesucht, die diese Rezeptoren ebenfalls aufweisen. Diese Zellen wurden aussortiert und in Kultur genommen. Unter optimalen Wachstumsbedingungen ist es gelungen, die Zellzahl um etwa den Faktor 20.000 zu erhöhen.

Mit Hilfe verschiedener Wachstumssubstanzen regten die Neurologen die Zellen an, sich in Richtung von Nervengewebe, also in Nervenzellen und in Hüllzellen (Gliazellen) um Nervengewebe zu entwickeln. Die Zellen bildeten innerhalb von etwa sechs Stunden mikroskopisch sichtbare, für Nervenzellen charakteristische Merkmale aus. Darüber hinaus ließen sich auch gesteigerte Mengen verschiedener Proteine zeigen, die typisch für Nervengewebe sind. Die genaue funktionelle Charakterisierung der in Kultur erzeugten Zellen ist jetzt Gegenstand der Forschung.

Nach den bisherigen Forschungsergebnissen sehen die Arbeitsgruppen am Essener Universitätsklinikum die Notwendigkeit, die Möglichkeiten adulter Stammzellen verstärkt zu erforschen und diese mit denjenigen embryonaler Stammzellen zu vergleichen. Die bisherigen Arbeitsergebnisse bedeuten nach Ansicht der Wissenschaftler nicht, dass die Forschung an embryonalen Stammzellen künftig überflüssig ist. Vielmehr sollte, erklärte Professor Hufnagel, die Forschung an beiden Stammzellarten vorangetrieben werden, um das ganze Spektrum der Möglichkeiten für die Entwicklung von Therapien bisher unheilbarer Krankheiten nutzen zu können.


Redaktion: Monika Rögge, Telefon (02 01) 1 83 - 20 85
Weitere Informationen: Professorin Dr. Elke Winterhager, Telefon (02 01) 7 23 -43 87

Monika Roegge | idw

Weitere Berichte zu: Kardiologie Knochenmark Nervengewebe Nervenzelle Stammzelle

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Forscher entschlüsseln einen Mechanismus bei schweren Hautinfektionen
24.01.2017 | Eberhard Karls Universität Tübingen

nachricht Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn
19.01.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mikro-U-Boote für den Magen

24.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Echoortung - Lernen, den Raum zu hören

24.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

RWI/ISL-Containerumschlag-Index beendet das Jahr 2016 mit Rekordwert

24.01.2017 | Wirtschaft Finanzen