Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Tests lüften Rätsel um das Restless-Legs-Syndrom

13.10.2006
Eine Störung der körpereigenen Schmerzkontrolle?

Als "Nachtwanderer" bezeichnen sich Patienten mit Restless-Legs-Syndrom (RLS) mitunter, denn die Erkrankung ist mit unangenehmen Empfindungen verbunden, die sich nur durch Bewegung lindern lassen. Besonders stark empfinden Patienten diese Beschwerden in Ruhephasen und in der Nacht.

Die Entstehung der Erkrankung, von der geschätzte drei bis neun Prozent der Bevölkerung in Industrieländern betroffen sind, ist bislang ungeklärt. Studien des Instituts für Physiologie und Pathophysiologie der Johannes Gutenberg Universität in Mainz mit dem Zentrum für Nervenkrankheiten der Philipps-Universität Marburg, die beim Deutschen Schmerzkongress in Berlin vorgestellt wurden, erbrachten jetzt neue Erkenntnisse über die Natur des RLS: Die Patienten sind empfindlicher für bestimmte Schmerzreize, haben eine geringere Berührungsempfindlichkeit in Händen und Füßen und häufig ein "paradoxes" Temperaturempfinden in den Beinen; kalt wird als heiß empfunden.

"Wir vermuten, dass dahinter eine Störung der körpereigenen Schmerzkontrolle im zentralen Nervensystem, d.h. im Gehirn und Rückenmark, steht", fasst PD Dr. Walter Magerl (Mainz) zusammen. Medikamente, die das Dopaminsystem des Gehirns unterstützen, bessern die Beschwerden.

... mehr zu:
»Nervensystem »RLS

Eine der häufigsten neurologischen Störungen

RLS ist eine der häufigsten neurologischen Störungen in der Bevölkerung der westlichen Welt; die Häufigkeit steigt mit dem Lebensalter. Weil durch den unkontrollierbaren Bewegungsdrang Schlafstörungen entstehen, leidet die Lebensqualität der Patienten erheblich. "RLS wird aber oft nicht als neurologische Störung erkannt und ist daher gravierend unterdiagnostiziert", so Dr. Magerl. Die Entstehung von RLS ist weitgehend ungeklärt. Es existiert ein noch nicht hinreichend verstandener genetischer Hintergrund: Die Erkrankung tritt bei Patienten, bei denen Familienangehörige betroffen sind, bereits ein Jahrzehnt früher auf als bei anderen Patienten. Frauen sind weitaus häufiger betroffen als Männer.

Gesteigertes Schmerzempfinden nicht nur in den Beinen

"Seit wenigen Jahren wissen wir, dass das RLS-Syndrom mit schwerwiegenden Störungen der Somatosensorik, d.h. der körperlichen Wahrnehmung einhergeht, insbesondere der Schmerzverarbeitung", erklärt Dr. Magerl. Die Mainzer und Marburger Forscher konnten nun zeigen, dass Patienten mit RLS eine dramatisch gesteigerte Schmerzempfindlichkeit aufweisen. Sie sind weitaus schmerzempfindlicher gegen Nadelstich-ähnliche Reize als Gesunde. Das eindrucksvolle Symptom des Schmerzes durch leichte Berührung, z.B. durch Überstreichen der Haut mit einem Wattebausch, das bei anderen Nervenschmerzen wie der Gürtelrose häufig auftritt, zeigen Patienten mit RLS jedoch nicht. Im Gegensatz zur Störung der Motorik, die auf die Beine beschränkt ist, findet sich die gesteigerte Schmerzempfindlichkeit sowohl in den Armen als auch in den Beinen.

Verarbeitungsproblem im zentralen Nervensystem

Weitere Untersuchungen mit einer umfassenderen Testbatterie zur Prüfung somatosensorischer Funktionen, die in einem durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten bundesweiten Forschungsnetzwerk entwickelt wurde (Deutsches Forschungsnetz Neuropathischer Schmerz, DFNS) zeigen nun, dass diese gesteigerte Schmerzempfindlichkeit nicht für alle Schmerzarten gleichermaßen besteht. Eine größere Schmerzempfindlichkeit findet sich nur für spitze mechanische Reize (Nadelstiche) in den Armen und Beinen mit einer Absenkung der Schmerzschwelle und höheren Schmerzschätzungen für schmerzhafte Reize. Die Empfindlichkeit für thermische Schmerzreize (Kälte, Hitze) bleibt aber unverändert. "Dieses Muster legt eine Sensibilisierung des Schmerzsystems im zentralen Nervensystem nahe, die wahrscheinlich bereits bei der Umschaltung der Information im Rückenmark wirksam wird", folgert Dr. Magerl. "Neuere Studien unserer Arbeitsgruppen zeigen, dass diese gesteigerte Schmerzwahrnehmung einhergeht mit einem ausgeprägten Verlust der Berührungsempfindlichkeit an Händen und Füßen, sowie dem häufigen Auftreten einer ungewöhnlichen 'paradoxen' Hitzeschmerzempfindung bei Kaltstimulation im Bereich der Beine." Alle anderen Sinnesmodalitäten (warm, kalt, Vibration, stumpfer Druck) sind jedoch unverändert.

Medikamente, die das Dopaminsystem beeinflussen, helfen

In der Vergangenheit wurde häufig die Hypothese geäußert, es handele sich bei RLS um eine Störung der Funktion dünner Nervenfasern. Diese Ansicht wird durch die neuen Daten nicht gestützt. Da es keine generalisierten Empfindungsverluste gibt, ist auch eine Störung der Funktion dicker Nervenfasern unwahrscheinlich. Die Einschränkung der Berührungsempfindlichkeit schätzen die Forscher dagegen als vom Schmerz verursacht ein, da diese Veränderung auch vorübergehend bei gesunden Versuchspersonen durch schmerzhafte Reizung experimentell ausgelöst werden kann. Das Auftreten paradoxer Hitzeempfindung verweist auf eine zentralnervöse Enthemmung ("Disinhibition"), wie sie auch bei Patienten mit multipler Sklerose gefunden wurde. Die gestörte Schmerzempfindlichkeit, reduzierte taktile Sensitivität und paradoxe Hitzeempfindung werden durch länger dauernde Behandlung mit Substanzen, die an zentralen Dopaminrezeptoren angreifen, weitgehend zurückgebildet.

Ansprechpartner

PD Dr. Walter Magerl, Institut für Physiologie und Pathophysiologie, Johannes Gutenberg Universität, Saarstr. 21, 55099 Mainz, Tel.: 06131-3925218, E-Mail: magerl@uni-mainz.de

Meike Drießen | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgss.org

Weitere Berichte zu: Nervensystem RLS

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Zellen passen sich ultraschnell an die Schwerelosigkeit an
28.02.2017 | Universität Zürich

nachricht In Deutschland wächst die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus
23.02.2017 | Versorgungsatlas

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Künstlicher Intelligenz das Gehirn verstehen

Wie entsteht Bewusstsein? Die Antwort auf diese Frage, so vermuten Forscher, steckt in den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Leider ist jedoch kaum etwas über den Schaltplan des Gehirns bekannt.

Wie entsteht Bewusstsein? Die Antwort auf diese Frage, so vermuten Forscher, steckt in den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Leider ist jedoch kaum etwas...

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nebennierentumoren: Radioaktiv markierte Substanzen vermeiden unnötige Operationen

28.02.2017 | Veranstaltungen

350 Onlineforscher_innen treffen sich zur Fachkonferenz General Online Research an der HTW Berlin

28.02.2017 | Veranstaltungen

23. VDMA-Arbeitsberatung „Engineering und Konstruktion“ am 2. März 2017 an der TH Wildau

28.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Atomfalle für die Wasserdatierung

28.02.2017 | Geowissenschaften

Zellen passen sich ultraschnell an die Schwerelosigkeit an

28.02.2017 | Medizin Gesundheit

Maus-Stammzellen auf Chip könnten Tierversuche ersetzen

28.02.2017 | Biowissenschaften Chemie