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Zahnverlust, Herzinfarkt und Frühgeburten – Parodontitis, die unterschätzte Volkskrankheit

04.10.2006
Neben Karies ist Parodontitis – die Entzündung des Zahnhalteapparates – die zweite große Mundkrankheit, die weltweit Millionen von Menschen betrifft. Unbehandelt führt die Erkrankung fast immer zu Zahnverlust.

Aber dies ist bei weitem nicht die einzige Auswirkung. „Die Bakterien aus der Mundhöhle können über die Blutbahn an andere Stellen des Körpers gespült werden und dort Entzündungen auslösen“, erklärt Dr. Jürgen Oberbeckmann, Leiter der Zahnklinik am Elisabeth-Krankenhaus in Essen. „Wissenschaftliche Studien zeigen einen signifikanten Zusammenhang zwischen Parodontitis und dem Risiko gefäßbedingter Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Auch das Risiko von Fehl- und Frühgeburten steigt erheblich an. Bei Menschen mit herabgesetztem Immunsystem kann Parodontitis zudem Lungenentzündungen oder andere Atemwegserkrankungen begünstigen.“ Aus diesen Gründen wird in den letzten Jahren der Diagnose, Behandlung und Vorbeugung der Erkrankung eine sehr große Bedeutung zugesprochen.

Bakterien und Enzyme greifen an

Parodontitis ist eine Infektionskrankheit. Die Hauptursache sind Bakterien, die sich in Biofilmen – dem so genannten Plaque – auf den Zahnoberflächen und dem Zahnfleisch festsetzen und dort stark vermehren können. Je länger der Biofilm wachsen kann, desto aggressiver und schädlicher werden die darin enthaltenen Keime. Durch die Bakterien wird zunächst eine Zahnfleischentzündung hervorgerufen, die auf den gesamten Zahnhalteapparat – also Zahnhals, Wurzelzement, Wurzelhaut und Kieferknochen – übergreift und das Gewebe zerstören kann. „Die genauen Mechanismen dieser Zerstörung sind noch nicht vollständig geklärt. Eine entscheidende Rolle spielt dabei das menschliche Immunsystem. Um die Keime zu bekämpfen werden entsprechende Enzyme gebildet. Diese greifen jedoch nicht nur die Bakterien, sondern auch das Eigengewebe an. Ergebnis sind Zahnfleischrückgang, tiefe Zahnfleischtaschen und Knochenabbau. Am Ende lockern sich die Zähne und fallen aus.“

Gefahr erkennen

„In den meisten Fällen schreitet die Parodontitis relativ langsam voran. Blutendes Zahnfleisch ist der erste und oft auch der einzige für den Betroffenen wahrnehmbare Hinweis auf die Erkrankung,“ so Oberbeckmann. „Da die Entzündung in den Tiefen der Taschen fortschreitet, ist eine Eigendiagnose schwierig. Folgende Symptome sollten daher vom Zahnarzt abgeklärt werden: Entzündungen, Rötungen, Schwellungen und Berührungsempfindlichkeit des Zahnfleisches. Außerdem können Mundgeruch, Eiterbildung am Zahnfleisch sowie Zahnfleischrückgang Hinweise sein. Wenn Zähne bereits gelockert sind, ist der Zahnhalteapparat leider meistens schon sehr stark geschädigt. Etwa 15 Prozent der Bevölkerung leiden an der schweren Form der Parodontitis, bei der große Schäden innerhalb relativ kurzer Zeit entstehen.“

Auch wenn das Immunsystem und Bakterien für die Entstehung einer Parodontitis verantwortlich sind, gibt es weitere begünstigende Faktoren. Dazu gehört natürlich die schlechte Mundhygiene. Oberbeckmann: „Bakterienherde können auch offene Zahnkaries oder ungünstig lokalisierte Piercings in Lippe oder Zunge sein. Auch falsche Putztechniken, bei denen das Zahnfleisch gereizt und verletzt wird, fördern eine Entzündung. Da Parodontitis eine Infektionskrankheit ist, sind auch Lebensgefährten mit bestehender Erkrankung ein Risiko. Wird eine Parodontitis diagnostiziert, sollte sich daher auch immer der Partner untersuchen und – wenn nötig – behandeln lassen. Raucher haben ein bis zu sechsfach erhöhtes Risiko, eine Parodontitis zu entwickeln, da Nikotin den Zahnhalteapparat angreift. Ist die Körperabwehr herabgesetzt, können die schädlichen Bakterien leichter in die Tiefe vordringen. Das ist beispielsweise bei einem schlecht eingestellten Diabetes oder Erkrankungen des Immunsystems der Fall. Während der Schwangerschaft lockert sich durch die Hormonumstellung das Bindegewebe auf und das Zahnfleisch schwillt an – auch das macht den Bakterien das Eindringen leichter.“

Für gesundes Zahnfleisch und feste Kieferknochen

Rechtzeitig und richtig behandelt kann einer Parodontitis fast immer Einhalt geboten werden. Der Entzündungszustand sowie entzündungsfördernde Faktoren müssen dafür beseitigt werden. Am Anfang der Therapie steht eine umfassende Diagnostik. Art, Schwere und Verlauf der Erkrankung werden bestimmt. Der Gesamtzustand des Gebisses, die Zahnlockerung, die Tiefe der Taschen, der Zahnfleischrückgang und die Mundhygiene des Patienten werden klinisch beurteilt. Außerdem wird durch Röntgenaufnahmen diagnostiziert, ob es bereits zu Knochenabbau gekommen ist. Durch einen DNA-Test – ein mikrobiologisches Verfahren – lässt sich bestimmen, um welche Bakterien es sich handelt und in welcher Menge sie auftreten. Je nach Ausbreitungsgrad der Erkrankung werden nun entsprechende Maßnahmen ergriffen.

Zahnfleischentzündungen im Anfangsstadium lassen sich noch durch konsequente Mundhygienemaßnahmen behandeln. Dazu gehört auch die professionelle Zahnreinigung. Alle oberhalb des Zahnfleischrandes gelegenen harten und weichen Beläge werden dabei entfernt. Dem Patienten wird gezeigt, wie er zu Hause eine optimale Zahnpflege betreiben kann. Durch verschiedene Spülflüssigkeiten kann das Bakterienwachstum kontrolliert und verringert werden. So wird bei vielen Betroffenen schon eine merkliche Besserung erreicht.

Bei fortgeschrittener Parodontitis muss die Bakterieninfektion in den Zahnfleischtaschen beseitigt werden. „Dies geschieht durch die konventionelle Kürettage, bei der die unterhalb des Zahnfleischrandes liegenden Beläge entfernt werden“, so der Zahnarzt aus Essen. „Dieses Säubern und Glätten der Zahnwurzel geschieht mit speziell geformten Instrumenten und ultraschallbetriebenen Geräten. Stark entzündetes Zahnfleischgewebe wird schmerzfrei unter Betäubung entfernt. In immer mehr Fällen ergänzt der Laser dabei die chirurgische Behandlung. Die Bakterien in den Zahnfleischtaschen werden so stark reduziert, die Entzündung kann sich nicht weiter ausbreiten und der Heilungsprozess wird in Gang gesetzt. Unter bestimmten Voraussetzungen – beispielsweise bei der schnell verlaufenden Form der Parodontitis – ist es sinnvoll, die Behandlung durch die Anwendung von Antibiotika zu ergänzen. Diese können in Tablettenform verabreicht werden oder direkt in die Zahnfleischtaschen eingebracht werden.“

Fortgeschrittene Entzündungen können heute aber nicht nur gestoppt werden – in vielen Fällen kann man den angegriffenen Kieferknochen und das Gewebe wieder aufbauen. „Ein Gel, das spezielle Proteine enthält, wird dafür mikro-chirurgisch in den Knochen eingebracht“, erläutert Oberbeckmann. „Nach einer Regenerationszeit von sechs bis neun Monaten sind Knochen und Zahnfleisch wieder aufgebaut.“ So kann drohender Zahnverlust vermieden werden.

Rückfallgefahr

„Jeder Betroffene muss sich darüber im klaren sein, dass selbst nach erfolgreicher Beseitigung der Parodontitis die Gefahr des Rückfalls besteht“, warnt Oberbeckmann. “Darum ist auch nach Beendigung der eigentlichen Therapie eine regelmäßige Nachsorge nötig, um einem erneuten Aufflammen der Entzündung entgegenzuwirken. Die wichtigste Voraussetzung für den dauerhaften Behandlungserfolg ist die umfassende und konsequente häusliche Mundhygiene.

Neben dem Zähneputzen sollte auf eine gute Zahnzwischenraumpflege und eine Entfernung von Belägen auf dem Zungenrücken geachtet werden. Daneben ist es wichtig, die bekannten Risikofaktoren zu minimieren. Die professionelle Zahnreinigung sollte man drei- bis viermal im Jahr durchführen lassen. Außerdem sind halbjährliche Kontrollen beim Zahnarzt empfehlenswert. Bei erhöhtem Risiko, zum Beispiel durch eine Schwangerschaft, können die Prophylaxeintervalle auch verkürzt werden, um frühzeitig auf Veränderungen des Zahnhalteapparates reagieren zu können.“

| Elisabeth-Krankenhaus Essen
Weitere Informationen:
http://www.zahnklinik-essen.de

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