Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Granulozyten besitzen variable Immunrezeptoren

26.09.2006
Der menschliche Organismus schützt sich vor Krankheitserregern durch ein komplexes Immunsystem, dessen Basis verschiedene Populationen von Immunzellen bilden.

Neutrophile Granulozyten bilden die größte Gruppe von Immunzellen im Blut. Sie sind bei allen Formen von Entzündungen und Infektionen die ersten Immunzellen am Ort des Geschehens und bilden beim Menschen die vorderste Verteidigungslinie der Immunabwehr.

Wissenschaftlern der Universität Regensburg sowie der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg ist nun ein bedeutender Schritt zum Verständnis der Rolle von Granulozyten im humanen Immunsystem gelungen. Das Team um Dr. Kerstin Püllmann und Dr. Alexander Beham von der Chirurgischen Universitätsklinik Regensburg und Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Kaminski vom Institut für Klinische Chemie am Mannheimer Universitätsklinikum berichtet in seiner Forschungsarbeit, dass eine Subpopulation neutrophiler Granulozyten vom Menschen und auch von der Maus flexible Repertoires eines variablen Immunrezeptors (ähnlich dem des sogenannten T-Zellrezeptors) ausbildet. Damit ist erstmalig der Nachweis erbracht, dass Granulozyten über die molekulare Ausrüstung für variable Immunabwehr verfügen. Veröffentlicht wurde dies jetzt in der US-Zeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Das Überraschende dieser Entdeckung liegt darin, dass Immunologen bislang davon ausgegangen sind, dass Granulozyten als sehr rasch agierendes Verteidigungssystem lediglich unflexible Immunabwehrmechanismen besitzen. Über vier Jahrzehnte hinweg hatte sich das Dogma gefestigt, dass das variable Immunsystem im Menschen und generell bei Säugetieren ausschließlich in einer anderen Gruppe von Immunzellen, den Lymphozyten, lokalisiert ist. Zwei Untergruppen von Lymphozyten mit variablen Immunrezeptoren sind bekannt: Zum einen B-Lymphozyten, deren variable Immunrezeptoren als lösliche Antikörper in die Blutbahn freigesetzt werden. Zum anderen T-Lymphozyten, die den sogenannten T-Zellrezeptor, ein zellmembrangebundenes Pendant zu den Antikörpern, an ihrer Oberfläche ausbilden. Beide Lymphozytensysteme sind in der Lage durch eine enorm hohe Anzahl variabler Antikörper beziehungsweise T-Zellrezeptoren auf spezifische Reize (Viren, Bakterien, körperfremde Substanzen) zu reagieren.

Nach Kontakt mit einer als fremd erkannten Substanz (Antigen) vermehren sich diejenigen Lymphozyten stark, an deren variable Immunrezeptoren das Antigen spezifisch bindet. Damit stehen innerhalb weniger Wochen große Mengen von Lymphozyten bereit, die alle denselben maßgeschneiderten Antikörper beziehungsweise T-Zellrezeptoren produzieren und die dadurch in der Lage sind, Antigene spezifisch zu binden und effizient zu eliminieren. Nach erfolgreicher Immunabwehr verbleiben wenige dieser Lymphozyten im Organismus und bilden das "immunologische Gedächtnis", das bei wiederholtem Antigenkontakt dann rascher als beim Erstkontakt aktiviert wird. Aufgrund dieser Anpassungsfähigkeit werden die beiden getrennten variablen Immunsysteme in B- und T-Lymphozyten gemeinsam als "adaptives" Immunsystem bezeichnet.

Das an den Universitätsklinika Regensburg und Mannheim entdeckte flexible Immunrezeptorsystem in Granulozyten liefert erstmalig den Beweis, dass Säugetiere auch außerhalb der Lymphozyten über ein variables Immunsystem verfügen. Nach Aussage der beteiligten Wissenschaftler spricht vieles dafür, dass es damit gelungen ist, eine dritte Säule der variablen Immunabwehr im Menschen zu identifizieren. Dies wirft grundsätzliche Fragen zur Struktur und Evolution von Immunsystemen auf. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass damit ein neues Kapitel in der Entzündungsforschung eröffnet wird.

Von besonderem Interesse ist die Frage, inwiefern Granulozyten ein schnelles adaptives Immunsystem darstellen, das die langsame - durch Lymphozyten vermittelte - klassische adaptive Immunabwehr ergänzt. Nach Ansicht der Forscher wäre ein solch schnelles System physiologisch durchaus sinnvoll, da es eine flexible Immunabwehr zu einem frühen Zeitpunkt von Infektionen gewährleisten würde.

Klaus Wingen | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum-mannheim.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sind Epilepsie-Patienten wetterfühlig?
23.05.2017 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress 2017:„Closed Loop“-Systeme als künstliche Bauchspeicheldrüse ab 2018 Realität

23.05.2017 | Veranstaltungen

Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquium 2017: Internet of Production für agile Unternehmen

23.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Polarstern ab heute unterwegs nach Spitzbergen, um Rolle der Wolken bei Erwärmung der Arktis zu untersuchen

24.05.2017 | Geowissenschaften

Krebs erregende Substanzen aus Benzinmotoren

24.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wasserqualität von Flüssen: Zusätzliche Reinigungsstufen in Kläranlagen lohnen sich

24.05.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz