Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Public Health - Geburtshaus oder Krankenhaus

16.03.2001


Ist eine Frau schwanger, stehen ihr unterschiedliche Orte für die Geburt zur Wahl: Sie kann zwischen einer ambulanten oder stationären Klinikgeburt wählen oder sie kann sich entscheiden, ihr Kind in einem

Geburtshaus zu bekommen. Als Reaktion auf die Kritik an der klinischen Geburtshilfe lässt sich ein wachsendes Interesse an solch einem Alternativangebot feststellen. Wie hoch das gesundheitliche Risiko für Mutter und Kind außerhalb der Krankenhäuser ist, erforschen jetzt Wissenschaftlerinnen der TU Berlin.

Seit rund 20 Jahren betreuen mehr und mehr Geburtshäuser Frauen vor, während und nach der Geburt, solange sie keine besonderen gesundheitlichen Risiken haben wie Herz- und Kreislauferkrankungen, Diabetes oder eine Mehrlingsschwangerschaft zu erwarten ist. "Dabei sind es oft Frauen, die schon ein Kind im Krankenhaus geboren haben. Häufig handelt es sich um Beschäftigte im Gesundheitswesen, die den Kontakt zu diesen Angeboten suchen", berichtet Dr. Giselind Berg. Zusammen mit Prof. Dr. Heribert med. Kentenich (DRK-Frauenklinik Berlin) und Dr. M. David (Frauenklinik des Universitätsklinikums Charité) gehen Wissenschaftlerinnen am Institut für Ökologie der Technischen Universität Berlin in einem dreijährigen interdisziplinären Forschungsprojekt jetzt der Frage nach, ob sich bei Geburten außerhalb der Krankenhäuser ein erhöhtes gesundheitliches Risiko für Mutter und Kind feststellen lässt.
Diese Frage wird in der Medizin überaus kontrovers diskutiert, wobei in Deutschland die Beschäftigung auf der Ebene wissenschaftlicher Analysen erst in den letzten Jahren begonnen hat. Gegenstand der Untersuchung ist die Verlegung einer Frau, die im Geburtshaus gebären wollte, aber während oder unmittelbar nach der Geburt in eine Klinik verlegt wird. "Diese Situation wird für besonders kritisch gehalten, so dass das Ausmaß und die bisher wenig bekannten Modalitäten Aufschluss über die Sicherheit dieses Angebots geben können", fasst Dr. Giselind Berg zusammen.
Die Untersuchung basiert auf der Zusammenarbeit mit rund 60 Geburtshäusern in ganz Deutschland sowie mit Kliniken in Berlin und Bayern. Dazu wurden vier Fragebögen entwickelt - jeweils zwei für die Geburtshäuser, um Verlegungen unter oder nach der Geburt zu dokumentieren und analog zwei für die jeweiligen Verlegungskliniken. Die Ausarbeitung erfolgte in Absprache mit Hebammen aus Geburtshäusern und Berufsverbänden, Kliniken sowie mit Ärzten. "Wir bitten die Mitarbeiterinnen in den Geburtshäusern, bei einer Verlegung uns Angaben über die Schwangerschaft, den Geburtsverlauf, die Umstände der Verlegung, den Transport sowie die Zusammenarbeit mit dem Klinikpersonal zu liefern. In Bayern und Berlin bekommen wir aus den Krankenhäusern dann Angaben über den weiteren Verlauf der Geburt." Die Erhebung läuft noch bis Ende August dieses Jahres, bereits zu diesem Zeitpunkt liegen Angaben über rund 400 Verlegungen vor.
"Schon jetzt können wir sagen, dass die Verlegungsrate nicht sehr hoch ist und dass die Umstände eher unspektakulär sind", schätzt Projektmitarbeiterin Inez Werth ein. Einer der zentralen Gründe für einen Ortswechsel sei eine stagnierende Geburt. In vielen Fällen fahren die Hebammen selbst oder der Partner die werdende Mutter ins meist nächstgelegene Krankenhaus. Da sich die Schwangere im Vorfeld bewusst für ein Alternativangebot entschieden hatte, verlangt die neue Situation von allen Beteiligten ein großes Maß an Flexibilität und wird nicht selten von Frauen, Hebammen und Ärzten als schwierig beschrieben. "Es kommt - natürlich in Abhängigkeit vom Verlegungsgrund - sehr häufig im Kreißsaal zu einer Spontangeburt", ergänzt Inez Werth. Internationale Studien zeigen jedoch, dass außerklinische Geburten kein erhöhtes Risiko für Mutter und Kind aufweisen. Es spricht vieles dafür, dass die vorliegende Untersuchung zu gleichen Ergebnissen kommt.
Eine wesentliche Voraussetzung besteht in der sehr gründlichen Auswahl der Schwangeren durch die Geburtshäuser. "Ist ein bestimmtes Risiko für die Frau oder das Kind zu befürchten, verweist man die werdenden Mütter an eine Klinik und schließt so eine potenzielle Gefahr bereits im Vorfeld aus", berichtet Dr. Giselind Berg. Dennoch lassen sich nicht alle Risiken von vornherein vermeiden.
Eine weitere Fragestellung widmet sich dem Vergleich der Komplikationen, die bei Schwangeren in Geburtshäusern und einer nach den gleichen Kriterien ausgesuchten Untersuchungsgruppe in den Kliniken auftreten. Bereits jetzt weiß man von Unterschieden bei Geburten in den verschiedenen Einrichtungen: So geschieht eine medikamentöse Geburtseinleitung häufiger in Krankenhäusern, während in den Geburtshäusern überwiegend homöopathische Mittel verabreicht werden. "Frauen, die in Kliniken ihr Kind gebären, bekommen oft einen Dammschnitt. Aktuelle Studien gehen von 48 Prozent aus. Das spielt für die Frau bei der Verarbeitung der Geburt eine große Rolle und beeinflusst möglicherweise die Entscheidung bei der nächsten Geburt. Insgesamt", meint Dr. Giselind Berg weiter, "rückt der Faktor Zufriedenheit immer mehr in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses wie auch des Versorgungsangebotes."
Ein weiteres Anliegen des Projektes besteht darin, Bedingungen für eine verbesserte Kooperation zwischen den beteiligten Institutionen - wo nötig - aufzuzeigen, "denn", so TU-Prof. Dr. Renate Fuchs, "einer der wesentlichen Punkte von Public-Health-Forschung besteht darin, dass sie die Umsetzungsmöglichkeiten immer mit bedenkt." Wenn auch die Schwangerenbetreuung in Deutschland ein hoch entwickeltes System darstelle, bestehe jedoch hier wie in vielen anderen Bereichen ein Nachholbedarf in der Kooperation untereinander.
Stefanie Terp (stt)


Datenbank
Ansprechpartner: Berliner Zentrum Public Health, Technische Universität Berlin, Prof. Dr. Renate Fuchs, Dr. Giselind Berg, Dipl.-Pol. Inez Werth, Institut für Ökologie und Biologie
Kontakt: Franklinstraße 26/29, 10587 Berlin,
Tel.: 030/314-73316, -73179, Fax: 030/314-73176, E-Mail: fuchs@mailszrz.zrz.tu-berlin.de, Internet: http://www.tu-berlin.de/bzph/
Projekt: Evaluation eines komplementären Versorgungsangebotes in der Geburtshilfe
Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
TU-Forschungsschwerpunkt: Berliner Forschungsverbund Public Health (BFPH)

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Ramona Ehret | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz im Kampf gegen Prostatakrebs entdeckt
24.05.2018 | Universität Bern

nachricht Die neue Achillesferse von Blutkrebs
22.05.2018 | Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Im Focus: Faserlaser mit einstellbarer Wellenlänge

Faserlaser sind ein effizientes und robustes Werkzeug zum Schweißen und Schneiden von Metallen beispielsweise in der Automobilindustrie. Systeme bei denen die Wellenlänge des Laserlichts flexibel einstellbar ist, sind für spektroskopische Anwendungen und die Medizintechnik interessant. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT) haben, im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „FlexTune“, ein neues Abstimmkonzept realisiert, das erstmals verschiedene Emissionswellenlängen voneinander unabhängig und zeitlich synchron erzeugt.

Faserlaser bieten im Vergleich zu herkömmlichen Lasern eine höhere Strahlqualität und Energieeffizienz. Integriert in einen vollständig faserbasierten...

Im Focus: LZH zeigt Lasermaterialbearbeitung von morgen auf der LASYS 2018

Auf der LASYS 2018 zeigt das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) vom 5. bis zum 7. Juni Prozesse für die Lasermaterialbearbeitung von morgen in Halle 4 an Stand 4E75. Mit gesprengten Bombenhüllen präsentiert das LZH in Stuttgart zudem erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zur zivilen Sicherheit.

Auf der diesjährigen LASYS stellt das LZH lichtbasierte Prozesse wie Schneiden, Schweißen, Abtragen und Strukturieren sowie die additive Fertigung für Metalle,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Was einen guten Katalysator ausmacht

24.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Superkondensatoren aus Holzbestandteilen

24.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Schaltschrank-Plattform für die Energiewelt

24.05.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics